Getötete Sicherheitskräfte Dutzende Syrer fliehen in die Türkei

120 syrische Sicherheitskräfte sind im Norden des Landes getötet worden - möglicherweise weil sie gemeutert haben. Doch die Regierung beschuldigt Extremisten. In der Bevölkerung wächst deshalb die Furcht vor der Rache des Regimes - mehr als hundert Menschen sind in die Türkei geflohen.


Istanbul - In Syrien herrscht Angst vor einer gewaltsamen Rache des Regimes: Nach dem tödlichen Angriff auf 120 syrische Sicherheitskräfte sind Dutzende Einwohner der Kleinstadt Dschisr al-Schugur in die benachbarte Türkei geflüchtet.

Über die Zahl der Flüchtlinge gibt es unterschiedliche Angaben: Die Nachrichtenagentur dpa schreibt unter Berufung auf die türkische Tageszeitung "Zaman" von 200 Bewohnern der Ortschaft, die aus Furcht vor einem Racheangriff der Regierungstruppen über die Grenze flohen. Die amtliche türkische Nachrichtenagentur berichtet von 122 Flüchtlingen, darunter Frauen und Kinder. Der Nachrichtensender al-Arabija hatte am Vortag gemeldet, die gefürchtete 4. Brigade der syrischen Armee sei auf dem Weg in die Kleinstadt.

Dort waren nach einer Meldung des syrischen staatlich kontrollierten Fernsehens vom Montag 120 Angehörige der Sicherheitskräfte von "bewaffneten Banden" getötet worden. Dies werde nicht hingenommen, erklärte das Regime von Präsident Baschar al-Assad daraufhin. Ob die Behauptung stimmt, lässt sich nicht prüfen. Syriens Regime verweigerte ausländischen Journalisten die Einreise, und die syrische Presse ist gleichgeschaltet. Oppositionelle Gruppierungen bestätigten übereinstimmend heftige Kämpfe in der Stadt, die sich offenbar über mehrere Tage hinzogen. Tatsächlich scheinen auch Sicherheitskräfte getötet worden zu sein - aber unter welchen Umständen und von wem, lässt sich nicht genau klären.

Zwei Theorien werden verbreitet - die eine vom Regime, die andere von oppositionellen Kreisen: CNN zitiert einen im Ausland lebenden Oppositionellen mit Quellen in Syrien, demzufolge die Kämpfe zwischen Sicherheitskräften und Angehörigen der in Syrien verbotenen Muslimbruderschaft stattgefunden hätten. Der Mann habe erklärt, die Muslimbrüder, die vom Vater des jetzigen Präsidenten brutal verfolgt worden waren, würden die Gelegenheit nutzen, "um Rechnungen zu begleichen". Sie würden Waffen aus der Türkei ins Land schaffen. Auch diese Behauptung lässt sich nicht prüfen.

Die Regierung sieht "bewaffnete Banden" am Werk - ein Terminus, den sie seit Wochen für alle Arten von Revoltierenden verwendet.

Oppositionelle sowie angebliche oder tatsächliche Zeugen, das lässt sich nicht ohne weiteres prüfen, erklärten dagegen über Twitter, Facebook und andere Kanäle im Internet, die toten Sicherheitskräfte seien das Ergebnis einer Meuterei - sie seien erschossen worden, weil sie desertieren wollten oder sich weigerten, auf Zivilisten zu schießen.

Die Ortschaft Dschisr al-Schugur liegt knapp 20 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Die Türkei ist seit einigen Wochen darauf vorbereitet, notfalls Tausende Syrer in Zeltstädten unterzubringen. Bis Dienstag wurden nach Angaben des türkischen Außenministeriums etwa 260 Flüchtlinge untergebracht oder in Krankenhäusern behandelt. Berichte, wonach die visafreie Einreise von Syrern in die Türkei wegen des Konflikts ausgesetzt wurde, seien falsch, sagte ein Sprecher des Ministeriums in Ankara.

anr/dpa/Reuters/AP



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Seite 1
Braunschweiger77, 08.06.2011
1. Rache
Zitat von sysop120 syrische Sicherheitskräfte sind in dem Ort Dschisr al-Schughur getötet worden - die Regierung in Damaskus beschuldigt Extremisten. In der Bevölkerung wächst jetzt die Furcht vor einer Vergeltung des Regimes. Mehr als hundert Syrer flohen in die Türkei, unter ihnen Frauen und Kinder. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,767299,00.html
Wenn die Polizisten in Wahrheit von den bösen syrischen Soldaten ermordet wurden wie in westlichen Medien gerne angedeutet müßte doch niemand in der Zivilbevölkerung Angst vor "Rache" haben oder?
philathei 08.06.2011
2. Muslimbrüder
Zitat von sysop120 syrische Sicherheitskräfte sind in dem Ort Dschisr al-Schughur getötet worden - die Regierung in Damaskus beschuldigt Extremisten. In der Bevölkerung wächst jetzt die Furcht vor einer Vergeltung des Regimes. Mehr als hundert Syrer flohen in die Türkei, unter ihnen Frauen und Kinder. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,767299,00.html
Sind die Muslimbrüder nicht "eine der einflussreichsten islamisch-fundamentalistischen Bewegungen im Nahen Osten"? (Wikipedia) Haben Sie im Sudan nicht die Scharia eingeführt und in Ägypten zumindest für deren teilweise Berücksichtigung im Rechtssystem gesorgt? Nimmt selbst ihr "gemäßigter" Zweig in Ägypten nicht eine aggressive, revanchistische Haltung gegenüber Israel ein? Da zeugt es von wenig politischer Vernunft, wenn der Westen den Widerstand Assads gegen solche und ähnliche Elemente der syrischen "Freiheitsbewegung" pauschal mißbilligt. Soll er wie Mubarak kampflos weichen, um danach vor ein Tribunal gezerrt zu werden, ungeachtet aller früheren Garantien? Daß die islamischen Länder der Region jahrzehntelang von Autokraten beherrscht wurden, kann niemand bestreiten. Nur ist zu befürchten, daß nach diesen Kräfte ans Ruder kommen, deren Eindämmung - auch mit undemokratischen Mitteln - im Interesse der freien Welt und der Bevölkerungsmehrheit der Länder selbst lag. Und das gilt, so muß man fürchten, auch für Libyen, wo Gaddafi den Fundamentalismus mit harter Hand kleinhielt. Warum ist nüchterne Realpolitk heutzutage soviel weniger wert als der naive Idealismus (oder Opportunismus) von Politikern, die im Nachhinein immer sagen: "Das es so kommt, haben wir nicht wissen können." Liest keiner von denen Bismarck oder - mit konkretem Bezug auf den Orient - Churchills "The River War"?
alnemsi 08.06.2011
3. Rechtfertigungsgrund?
Zitat von philatheiSind die Muslimbrüder nicht "eine der einflussreichsten islamisch-fundamentalistischen Bewegungen im Nahen Osten"? (Wikipedia) Haben Sie im Sudan nicht die Scharia eingeführt und in Ägypten zumindest für deren teilweise Berücksichtigung im Rechtssystem gesorgt? Nimmt selbst ihr "gemäßigter" Zweig in Ägypten nicht eine aggressive, revanchistische Haltung gegenüber Israel ein? Da zeugt es von wenig politischer Vernunft, wenn der Westen den Widerstand Assads gegen solche und ähnliche Elemente der syrischen "Freiheitsbewegung" pauschal mißbilligt. Soll er wie Mubarak kampflos weichen, um danach vor ein Tribunal gezerrt zu werden, ungeachtet aller früheren Garantien? Daß die islamischen Länder der Region jahrzehntelang von Autokraten beherrscht wurden, kann niemand bestreiten. Nur ist zu befürchten, daß nach diesen Kräfte ans Ruder kommen, deren Eindämmung - auch mit undemokratischen Mitteln - im Interesse der freien Welt und der Bevölkerungsmehrheit der Länder selbst lag. Und das gilt, so muß man fürchten, auch für Libyen, wo Gaddafi den Fundamentalismus mit harter Hand kleinhielt. Warum ist nüchterne Realpolitk heutzutage soviel weniger wert als der naive Idealismus (oder Opportunismus) von Politikern, die im Nachhinein immer sagen: "Das es so kommt, haben wir nicht wissen können." Liest keiner von denen Bismarck oder - mit konkretem Bezug auf den Orient - Churchills "The River War"?
Zwei Anmerkungen: 1. Die Muslimbrüder sind übrigens auch in Palästina verteten, sie nennen sich dort Hamas. 2. Niemand - außer vielleicht einigen syrischen Inlandsgeheimdiensten - kann genau sagen, wie groß der Anteil der Muslimbruderschaft an den aktuellen Demonstrationen und Aufständen in Syrien ist. Die Schätzungen gehen von knapp 100%(Regimeaussage) bis hin zu unter 10% (Exiloppositionelle). Die genaue Quote ist auch deshalb schwer festzumachen, da die Muslimbrüder in Syrien eigentlich die einzige inländische "Opposition" in den letzten Jahren gestellt haben. Klar ist jedenfalls, dass sie sich den Demonstrationen zumindest angeschlossen haben, viele der Exiloppositionellen in London sind übrigens ehemalige Muslimbrüder, auch zu einer Art Oppositionsversammlung in Antalya sind viele Angehörige der MB gekommen, knapp 30% der Teilnehmer immerhin werden der Gruppierung zugerechnet. Jedenfalls ist die Rolle der Muslimbruderschaft momentan völlig unklar, es wäre zu einfach, aufgrund der möglicherweise drohenden Gefahr die Vorgehensweise des Regimes zu rechtfertigen. Dass es jedoch zu größeren kämpferischen Auseinandersetzungen gekommen ist, spricht für eine Beteiligung der MB, da die meisten anderen "Zivilisten" in Syrien weder über die notwendigen Organisationsfähigkeiten noch über die notwendige Bewaffnung verfügen, um eine größere Anzahl von Sicherheitskräften zu töten, zurückzudrängen, was auch immer da genau geschehen ist. Die einzige logische Alternative ist eine Meuterei von nicht systemtreuen Truppenteilen. So oder so kommt es beim eingreifen von Mahers Spezialtruppen zu einem Blutbad. Der Ausgang des letzten bewaffneten Widerstandes der Muslimbruderschaft in Syrien dürfte vielen noch im Gedächtnis sein...
alfredoneuman 08.06.2011
4. Freunde
Zitat von alnemsiZwei Anmerkungen: 1. Die Muslimbrüder sind übrigens auch in Palästina verteten, sie nennen sich dort Hamas. 2. Niemand - außer vielleicht einigen syrischen Inlandsgeheimdiensten - kann genau sagen, wie groß der Anteil der Muslimbruderschaft an den aktuellen Demonstrationen und Aufständen in Syrien ist. Die Schätzungen gehen von knapp 100%(Regimeaussage) bis hin zu unter 10% (Exiloppositionelle). Die genaue Quote ist auch deshalb schwer festzumachen, da die Muslimbrüder in Syrien eigentlich die einzige inländische "Opposition" in den letzten Jahren gestellt haben. Klar ist jedenfalls, dass sie sich den Demonstrationen zumindest angeschlossen haben, viele der Exiloppositionellen in London sind übrigens ehemalige Muslimbrüder, auch zu einer Art Oppositionsversammlung in Antalya sind viele Angehörige der MB gekommen, knapp 30% der Teilnehmer immerhin werden der Gruppierung zugerechnet. Jedenfalls ist die Rolle der Muslimbruderschaft momentan völlig unklar, es wäre zu einfach, aufgrund der möglicherweise drohenden Gefahr die Vorgehensweise des Regimes zu rechtfertigen. Dass es jedoch zu größeren kämpferischen Auseinandersetzungen gekommen ist, spricht für eine Beteiligung der MB, da die meisten anderen "Zivilisten" in Syrien weder über die notwendigen Organisationsfähigkeiten noch über die notwendige Bewaffnung verfügen, um eine größere Anzahl von Sicherheitskräften zu töten, zurückzudrängen, was auch immer da genau geschehen ist. Die einzige logische Alternative ist eine Meuterei von nicht systemtreuen Truppenteilen. So oder so kommt es beim eingreifen von Mahers Spezialtruppen zu einem Blutbad. Der Ausgang des letzten bewaffneten Widerstandes der Muslimbruderschaft in Syrien dürfte vielen noch im Gedächtnis sein...
Die Führung der Hamas wiederum, sitzt in Damaskus. Mit der Al Kaida hat das syrische Regime auch herumgekungelt und sie jahrelang über die eigene Grenze ungehindert in den Irak einsickern lassen. Wenn man Terrorismus fördert und sich die Hände reibt wenn andere darunter leiden, dann muss man gelegentlich die eigene bittere Medizin schlucken. Das ist nur gerecht. Ein ähnlich schmutziges Spiel spielen die Pakistaner. Solange die Taliban ihr Unwesen bloß in Afghanistan trieben, verfolgten sie das Geschehen mit wohlwollender Untätigkeit - jetzt frisst der Terror auch sie auf.
Loddamaddaeus 08.06.2011
5. #
Zitat von philatheiSind die Muslimbrüder nicht "eine der einflussreichsten islamisch-fundamentalistischen Bewegungen im Nahen Osten"? (Wikipedia) Haben Sie im Sudan nicht die Scharia eingeführt und in Ägypten zumindest für deren teilweise Berücksichtigung im Rechtssystem gesorgt? Nimmt selbst ihr "gemäßigter" Zweig in Ägypten nicht eine aggressive, revanchistische Haltung gegenüber Israel ein? Da zeugt es von wenig politischer Vernunft, wenn der Westen den Widerstand Assads gegen solche und ähnliche Elemente der syrischen "Freiheitsbewegung" pauschal mißbilligt. Soll er wie Mubarak kampflos weichen, um danach vor ein Tribunal gezerrt zu werden, ungeachtet aller früheren Garantien? Daß die islamischen Länder der Region jahrzehntelang von Autokraten beherrscht wurden, kann niemand bestreiten. Nur ist zu befürchten, daß nach diesen Kräfte ans Ruder kommen, deren Eindämmung - auch mit undemokratischen Mitteln - im Interesse der freien Welt und der Bevölkerungsmehrheit der Länder selbst lag. Und das gilt, so muß man fürchten, auch für Libyen, wo Gaddafi den Fundamentalismus mit harter Hand kleinhielt. Warum ist nüchterne Realpolitk heutzutage soviel weniger wert als der naive Idealismus (oder Opportunismus) von Politikern, die im Nachhinein immer sagen: "Das es so kommt, haben wir nicht wissen können." Liest keiner von denen Bismarck oder - mit konkretem Bezug auf den Orient - Churchills "The River War"?
Wikipedia in Ehren, aber das ist genau die Rechnung, die nicht aufgeht. Assad ist kein Stabilitätsgarant, sein Regime ist im Begriff, die Situation erheblich zu eskalieren. Über die Muslimbrüder in Syrien weiß ich nicht viel, abgesehen davon, dass der Vater des aktuellen "Regenten" sie in den 80ern bei einer Revolte massenhaft hat massakrieren lassen. Die Muslimbrüder in Ägypten sind erzkonservativ, natürlich auch israelkritisch, aber eigentlich nicht militant. Das ist sowohl der Grund als auch das Ergebnis einer Reihe von Abspaltungen von äußerst militanten Gruppierungen in der Vergangenheit. Offensichtlich gibt es gravierende Unterschiede zwischen Filialen der Muslimbrüder in den verschiedenen Ländern. Die Entwicklung in Syrien ist deswegen so problematisch, weil die extrem repressive Linie des Regimes zu einer erheblichen Radikalisierung der Opposition führen kann. Und in Syrien hat die Opposition nicht mit militärischer Unterstützung des Westens zu rechnen. Das ist das Modell Algerien 1992 und das kann hochgefährlich werden, für die ganze Region.
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