Studenten-Massaker in Kenia Spezialkräfte mussten sieben Stunden auf Einsatz warten

Der Notruf erreichte Kenias Behörden schnell: Attentäter schießen an der Universität in Garissa um sich. Die Eliteeinheiten trafen jedoch erst Stunden später am Tatort ein, der Einsatz wird nun scharf kritisiert.


Während die Attentäter mordeten, warteten Elitekräfte stundenlang auf einen Befehl: Vier Tage nach dem Massaker der somalischen Schabab-Miliz an der Universität des kenianischen Garissa ist scharfe Kritik an der langsamen Reaktion der Einsatzkräfte laut geworden.

Zeitungen berichteten am Sonntag, die Spezialkräfte der Polizei hätten mehr als sieben Stunden gebraucht, um aus der Hauptstadt Nairobi an den Tatort im Norden des Landes zu gelangen. "Dies ist Fahrlässigkeit von einem Ausmaß, das ans Kriminelle grenzt", schrieb die Zeitung "The Nation". Sie erinnerte an Zeugenaussagen, wonach die Täter langsam, mit "offensichtlichem Genuss" mordeten und über die Opfer lachten.

Bei dem Angriff in Garissa waren am Donnerstag 142 Studenten und sechs Sicherheitskräfte getötet worden. Vier Schabab-Attentäter hatten den Campus im Morgengrauen gestürmt, dutzende Studenten erschossen und weitere als Geiseln genommen. Während sie Muslime freiließen, ermordeten die Täter systematisch Christen. Erst am Abend, nach 15 Stunden, beendete die Polizei das Blutbad.

Erst der Innenminister, dann die Spezialkräfte

Einige Journalisten aus Nairobi gelangten den Medienberichten zufolge schneller per Straße ins 365 Kilometer entfernte Garissa als die Spezialkräfte, die auf dem Luftweg anreisten. Dem Bericht der "Nation" zufolge waren die Spezialkräfte in Nairobi zwar um 5.30 Uhr alarmiert worden, zu diesem Zeitpunkt noch über einen "möglichen terroristischen Anschlag der Schabab-Miliz am Garissa University College".

Auch reagierten die Elitekräfte dem Bericht zufolge prompt, bereiteten ihre Ausrüstung vor und hielten sich für den Einsatz bereit. Allerdings erhielten sie erst etwa sieben Stunden nach dem Notruf den Einsatzbefehl und die Möglichkeit, mit einem Flugzeug zum Tatort zu gelangen. Ein erstes Flugzeug brachte zunächst den Innenminister und den Polizeichef nach Garissa.

Aufgrund der Verzögerungen sei das Hauptteam der Elitekräfte erst um kurz vor 14 Uhr am Tatort eingetroffen, als bereits ein Großteil der Opfer tot war, berichtet "The Nation". "Diese Menschen kamen in erster Linie zum Töten. Das ist etwas, das die Sicherheitskräfte hätten wissen müssen. Sie hätten ihnen nicht mehr Zeit einräumen dürfen, um zu morden", zitiert "The Nation" einen Sicherheitsexperten.

Dreitägige Staatstrauer beginnt

Der Angriff sei "einer dieser Vorfälle, die jedes Land überraschen können", verteidigte Innenminister Joseph Nkaissery das Vorgehen. Außenminister Amina Mohamed verglich den Kampf gegen den Terror mit der Tätigkeit eines Torwarts: Niemand erinnere sich an die Bälle, die gehalten wurden, sondern stattdessen nur an den einen Treffer.

Die Zeitung "The Nation" warf den Sicherheitskräften vor, mit ihrer verspäteten Entsendung der Spezialkräfte dieselben Fehler begangen zu haben wie beim Schabab-Angriff auf ein Einkaufszentrum in Nairobi, bei dem im September 2013 insgesamt 76 Menschen getötet worden waren. Allerdings war es damals auch aufgrund eines unkontrollierten Einsatzes mehrerer Einheiten zu Todesfällen durch die Schüsse eigener Sicherheitskräfte gekommen.

Mit den Angriffen auf die Universität und das Einkaufszentrum wollte die Schabab-Miliz Kenia zum Abzug seiner Truppen aus Somalia zwingen, wo sie am internationalen Einsatz gegen die Schabab beteiligt sind. Die kenianische Regierung ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. Die Flaggen wehten am Sonntag auf Halbmast, während christliche und muslimische Geistliche zur Einheit aufriefen und in Ostergottesdiensten für die Opfer gebetet wurde.

irb/AFP/dpa

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