Getöteter Fallschirmjäger Taliban bekennen sich zu Anschlag auf Bundeswehr

"Unsere Kämpfer stehen schon bereit": Die radikal-islamischen Taliban haben sich zu der Attacke auf eine Bundeswehrpatrouille in Nordafghanistan bekannt, bei der ein 29-jähriger Hauptfeldwebel getötet wurde. Gegenüber SPIEGEL ONLINE drohten die Extremisten mit neuen blutigen Aktionen.

Von und Shoib Najafizada


Masar-i-Sharif - So groß der Schock über den Tod eines deutschen Soldaten ist, so wenig überraschend ist der Taliban-Angriff auf die Bundeswehr. In den vergangenen Wochen, das gestehen hochrangige Offiziere der Bundeswehr offen ein, hatte die Truppe im Norden Afghanistans schlicht "nur noch Glück" gehabt. Immer wieder entgingen die deutschen Soldaten nur knapp Anschlägen, oder es entstand bei Angriffen nur Sachschaden. Doch das Attentat am heutigen Mittwoch riss einen 29 Jahre alten Hauptfeldwebel in den Tod.

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan: Die Gewalt am Hindukusch eskaliert
REUTERS

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan: Die Gewalt am Hindukusch eskaliert

Bereits eine gute Stunde nach der Tat bekannten sich die Taliban zu dem Anschlag. Per Telefon meldete sich Taliban-Sprecher Zabiullah Mojahid von einem unbekannten Ort bei SPIEGEL ONLINE und bestätigte die Durchführung der Attacke. Zugleich drohte der Sprecher mit weiteren Aktionen von Selbstmordattentätern. "Unsere Kämpfer stehen schon bereit und warten nur auf ihren Auftrag", so seine düstere Ankündigung.

Die Gewalt am Hindukusch eskaliert

Mit dem Tod des Feldwebels erhöht sich die Zahl der seit Beginn des Einsatzes 2002 gestorbenen deutschen Soldaten der internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf auf 28. Zuletzt verletzte Anfang August ein Selbstmordattentäter rund 35 Kilometer südlich der Stadt Kunduz drei Bundeswehrsoldaten. Im März waren bei einem Attentat auf ein Wiederaufbauteam in der Nähe von Kunduz zwei deutsche Soldaten schwer, ein weiterer leicht verletzt worden.

Die Sicherheitslage am Hindukusch hat sich in diesem Jahr erneut verschärft, die Gewalt eskaliert. Oftmals war das Risiko in der jüngsten Vergangenheit kaum noch zu kalkulieren. Besonders Angriffe mit Sprengfallen haben weiter zugenommen. Anfang vergangener Woche waren zehn französische Nato-Soldaten getötet und 21 weitere verletzt worden, als ihr Konvoi östlich von Kabul von einer großen Gruppe von Taliban angegriffen wurde. Der Vorfall illustrierte auch, wie nah die Kämpfer von Mullah Omar mittlerweile an die Hauptstadt Kabul herangerückt sind.

"Unsere Kämpfer stehen schon bereit"

Die Region im Norden gilt seit langem als gefährliches Terrain, da hier sehr viele Paschtunen ansässig sind, die traditionell Kämpfer der Taliban verstecken und ihnen logistische Hilfe zukommen lassen. Fahndungsaktionen oder Durchsuchungen müssen deshalb oft erfolglos abgebrochen werden.

Die Taliban machen keinen Hehl daraus, dass sie den Norden des Landes mit Anschlägen dauerhaft destabilisieren wollen. Bereits im Frühjahr hatte ein Kommandeur der Gruppe explizit Anschläge auf Deutsche angekündigt. Die Bundesregierung nimmt die Drohung ernst. Sowohl im Verteidigungsministerium als auch bei den Geheimdiensten weiß man mittlerweile, dass sich die Taliban bei der Planung ihrer Anschläge auch nach der politischen Diskussion in den Heimatländern der Isaf-Kräfte richten.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung räumte am Mittwoch ein, dass sich die Sicherheitslage im Norden Afghanistans, wo die Bundeswehr mit bis zu 3500 Mann stationiert ist, verschärft habe. Die Mission müsse aber auch zur Sicherheit Deutschlands fortgeführt werden, um Rückzugsmöglichkeiten und neue Ausbildungslager für Terroristen zu verhindern, so Jung.

Im Herbst will die Bundesregierung das Mandat für die deutschen Soldaten um 1000 Mann aufstocken. Der Bundestag entscheidet zudem über eine Verlängerung des Bundeswehr-Mandats in Afghanistan. In der Diskussion ist ferner, Awacs-Aufklärungsflugzeuge der Nato nach Afghanistan zu entsenden. Jung rechnet damit, dass der Militärausschuss der Nato spätestens Mitte September "zu einem Ergebnis" kommen wird.

Sicherheitschef: Landmine tötete den Soldaten

Der getötete Hauptfeldwebel gehörte dem Fallschirmjägerbataillon 263 der Saarlandbrigade aus Zweibrücken (Rheinland-Pfalz) an. Die Patrouille war rund sechs Kilometer südlich von Kunduz unterwegs, als sie in eine Sprengfalle geriet. Durch die Explosion wurden vier deutsche Soldaten verwundet. Einer davon so schwer, dass er seinen Verletzungen erlag.

Nach Angaben des Sicherheitschefs der Region, Abdul Rahman Aktasch, hielten sich die deutschen Soldaten in der Nähe des Hauses des lokalen Distriktchefs auf, als die Bombe explodierte. Aktasch sprach gegenüber SPIEGEL ONLINE von einer Landmine, nannte aber keine weiteren Details.

In der gepanzerten Patrouille fuhr ein sogenannter Beweglicher Arzttrupp mit, der die Verletzten sofort versorgte, dem Fallschirmjäger aber nicht mehr helfen konnte. Die Verletzten wurden zum größten deutschen Stützpunkt im nordafghanischen Masar-i-Scharif geflogen.

Wann die Leiche des Soldaten und die verwundeten Kameraden nach Deutschland geflogen werden, stand am Mittwoch noch nicht fest. Die Bundesregierung verurteilte den Anschlag als hinterhältig. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich "tief erschüttert" und sprach den Angehörigen im Namen des ganzen Kabinetts ihr Mitgefühl aus. Isaf-Sprecher Richard Blanchette erklärte: "Das Leben des Soldaten wurde genommen, während er dem afghanischen Volk half, eine bessere Zukunft aufzubauen."

Im vergangenen Mai kamen in Afghanistan erstmals mehr ausländische Soldaten ums Leben als im Irak. Insgesamt wurden nach Angaben von Hilfsorganisationen bei Kämpfen und Anschlägen in Afghanistan in diesem Jahr mehr als 3000 Menschen getötet, darunter etwa 1000 Zivilisten.

Mit Material von dpa

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