Getöteter "Focus"-Journalist "Keine Story ist es wert, für sie zu sterben"

Christian Liebig galt als besonnen, umsichtig, vorsichtig. Als einer von 600 "embedded correspondents" begleitete der "Focus"-Reporter die US-Truppen im Kriegsgebiet - und wurde nahe Bagdad mit seinem spanischen Kollegen Julio Anguita Parrado und Soldaten seiner Einheit getötet.


Christian Liebig: Bei einem irakischen Raketenangriff gestorben
DPA/ Focus

Christian Liebig: Bei einem irakischen Raketenangriff gestorben

Hamburg - "Wie geht's Christian Liebig?" Mit diesem Satz habe zuletzt jede Redaktionskonferenz des "Focus" begonnen, schrieb Chefredakteur Helmut Markwort in der aktuellen Ausgabe des Magazins. Aber man sei beruhigt, denn Liebig habe geschrieben, dass er mittlerweile die Entfernungen von Detonationen einschätzen könne und selbst nachts eine Schutzweste trage.

Viele Hefte mit den ermutigenden Sätzen lagen noch druckfrisch am Kiosk, als am Montagabend die Meldung von Liebigs Tod eintraf. Der 35-Jährige starb zusammen mit seinem spanischen Kollegen Julio Anguita Parrado von der Tageszeitung "El Mundo" bei einem irakischen Raketenangriff auf das Lager der 2. Brigade der 3. Infanteriedivision. Die beiden Journalisten begleiteten die US-Einheit als "embedded correspondents". Seit Beginn des Krieges am 20. März wurden damit mindestens acht Journalisten getötet. Zwei Kriegsberichterstatter gelten nach Angaben der Organisation Reporter ohne Grenzen als vermisst.

"Wir sind erschüttert und tief traurig", sagte Markwort, der am späten Montagabend den Tod Liebigs bestätigte. Noch am Sonntagabend habe der Redakteur entschieden, nicht mit anderen Reportern zusammen einen Vorstoß ins Zentrum von Bagdad zu begleiten, sondern im Hauptquartier zu bleiben, weil er es für sicherer hielt. Liebig, der seit März aus dem Krisengebiet berichtete, veröffentlichte in der Internet-Ausgabe des "Focus" fast zwei Dutzend Beiträge. Der letzte Text erschien am Sonntag um 12.03 Uhr. Unter dem Titel "Husarenritt durch Iraks Hauptstadt" schrieb Liebig über den Einmarsch von US-Truppen nach Bagdad.

Der Journalist berichtete schon früh über internationale Konflikte. Als Redakteur der Nachrichtenagentur AP in Frankfurt am Main begleitete er von 1996 bis 1999 die Balkankriege und berichtete 1997 als Hospitant für die dpa aus Zagreb. Beim "Focus" schrieb er unter anderem über die Hungersnot in Ostafrika sowie die die Kriege im Kosovo und in Afghanistan.

Als die US-Streitkräfte der internationalen Presse anboten, als "embedded correspondents" die Truppen im Irak-Krieg zu begleiten, meldete sich Liebig freiwillig. Am Morgen des 19. Kriegstages drangen Soldaten der 2. Brigade der 3. Infanteriedivision in den Neuen Präsidentenpalast in der Innenstadt Bagdads ein. Liebig aber blieb im Lager. Die Entscheidung, die er aus Sicherheitsgründen gefällt hatte, wurde sein Verhängnis: Gegen 11.30 Uhr schlugen nach Angaben des US-Oberkommandos irakische Raketen im südlich der Hauptstadt gelegenen Quartier der Einheit ein.

Ein umsichtiger Reporter sei Liebig gewesen, schreibt "Focus Online" - "keiner der Draufgänger, die sich in allen Krisengebieten dieser Welt tummeln". Seinen letzten Beitrag habe Liebig drei Meter neben einem "Leichensack mit einem getöteten Soldaten" verfasst. Er habe seine Mitteilung mit den Worten eines amerikanischen Pressemajors beendet: "Keine Story ist es wert, für sie zu sterben."

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