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04. Mai 2011, 08:01 Uhr

Getöteter Qaida-Chef

USA verzögern Veröffentlichung von Bin-Laden-Foto

Bin Laden war nicht bewaffnet, als er starb: Das Weiße Haus muss seine Darstellung in einem wichtigen Detail korrigieren. Fotos der Leiche will die US-Regierung zunächst nicht herausgeben - sie seien "grausig". Doch ohne Bilderbeweis blühen in den USA und der islamischen Welt Verschwörungstheorien.

Washington/Islamabad - Zwei Schüsse sollen Qaida-Chef Osama Bin Laden getötet haben, Berichten zufolge "explodierte sein Kopf" - wohl deshalb tut sich die US-Regierung schwer damit, Fotos des Erschossenen zu präsentieren. Sie wären ein Weg, um in der Öffentlichkeit Zweifel am Tod des Terroristen auszuräumen, aber das Weiße Haus zögert: Die Bilder seien zweifellos grausig, sagte Sprecher Jay Carney.

Obamas Anti-Terror-Berater John Brennan hatte zuvor eine Veröffentlichung nicht ausgeschlossen. Auch Videomaterial von der Kommandoaktion und Bilder des Seebegräbnisses könnten gezeigt werden.

CIA-Chef Leon Panetta wiederum sagte in einem Interview mit dem US-Sender NBC News, dass es noch keine Entscheidung über die Veröffentlichung eines Fotos gebe - sie liege beim Weißen Haus. Man werde die Fotos wohl letztendlich veröffentlichen. "Ich denke, wir sollten dem Rest der Welt zeigen, dass wir in der Lage waren, ihn zu kriegen und zu töten."

Dilemma der US-Regierung

Befürworter hatten zuvor signalisiert, die Veröffentlichung sei nötig, um Zweifel auszuräumen, dass der Qaida-Chef tatsächlich tot sei. Die US-Regierung steht vor einem Dilemma: Einerseits verlangt die Welt nach Klarheit, andererseits fürchtet sich Washington vor den Reaktionen in der islamischen Welt. Dabei griffen die USA bereits öfter zum Foto als Beweismittel für das Ableben von Erzfeinden: Während des Irakkriegs veröffentlichten sie 2003 Bilder von Saddam Husseins getöteten Söhnen Udai und Kusai. Im Juni 2006 zeigte das US-Militär Fotos des bei einem Bombenangriff umgekommenen irakischen Qaida-Chefs Abu Mussab al-Sarkawi. Ein Bild vom gehängten Saddam Hussein sickerte im Januar 2007 ebenfalls durch, auch wenn die damalige US-Regierung sich darüber unglücklich zeigte.

Das Weiße Haus sagt, Bin Laden sei eindeutig identifiziert worden: Vor Ort nach dem Feuergefecht, mit einer ausgeklügelten Fotoerkennungstechnik, schließlich zu 99,9 Prozent per DNA-Test. Doch selbst wenn die US-Regierung dies alles veröffentlichen würde - ganz unterbinden wird sie die Spekulationen ohnehin nicht können.

"Es wird einige Tumulte um die Frage geben, ob Bin Laden wirklich tot ist", sagt Robert Alan Goldberg, der ein Buch über Verschwörungstheorien in den USA geschrieben hat. Der Geschichtsprofessor der Universität Utah rechnet damit, dass sich einige Menschen zu Wort melden werden, die den Qaida-Chef gesehen haben wollen. Nicht zu vergessen seien Anhänger von 9/11-Verschwörungstheorien, die behaupten, Bin Laden habe als Geheimagent für die CIA gearbeitet.

Taliban äußern Zweifel am Tod Bin Ladens

Die afghanischen Taliban zogen Bin Ladens Tod in einer Erklärung im Internet bereits in Zweifel. Die Beweise der USA seien nicht überzeugend, heißt es. Die Taliban haben ein politisches Interesse, Spekulationen über das Schicksal des Terroristenführers anzuheizen. Viele Verschwörungstheoretiker hegen staatlichen Autoritäten gegenüber aber ein grundsätzliches Misstrauen und weisen deshalb die offizielle Darstellung der Realität zurück.

Der oberste Verschwörungstheoretiker der USA, Moderator Glenn Beck, torpedierte die Meldung vom Tod Bin Ladens mit vielsagenden Fragen: War die Kommandoaktion nur Show? Ging es US-Präsident Barack Obama um die Umfragewerte? US-Radiomoderator Alex Jones stellte die gewagte These auf, dass die US-Regierung Bin Laden bereits seit Jahren als gefrorene Leiche im Tiefkühlfach aufbewahrt. Auf dem sozialen Online-Netzwerk Facebook entstanden Dutzende Gruppen, in denen sich Zweifler der offiziellen US-Version zusammenfanden und Weltgeschichte aus einer recht ungewohnten Perspektive debattierten.

"Wenn es ein Informationsvakuum gibt, fangen die Leute an, zu spekulieren", sagt Barna Donavan, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität St. Peter in New Jersey. Als er gehört habe, dass die Leiche Bin Ladens im Ozean versenkt wurde, sei ihm klar gewesen, dass nun Verschwörungstheorien die Runde machen würden. Damit kann die US-Regierung aber offenbar besser leben als mit einem Grab Bin Ladens, das zur Pilgerstätte werden könnte.

Sicher ist: Die Nachricht von der Tötung Bin Ladens durch amerikanische Elitesoldaten hat das Ansehen von US-Präsident Obama deutlich verbessert. Wie eine am Dienstag veröffentlichte Erhebung des Instituts Ipsos im Auftrag der Nachrichtenagentur Reuters ergab, finden 39 Prozent der Befragten, dass sich die Führungsqualitäten ihres Präsidenten verbessert hätten. 42 Prozent erklärten, sie hätten nun eine bessere Meinung über Obamas Politik im Kampf gegen Extremisten. Etwa ein Drittel der Befragten sprach Obama die Anerkennung für den Angriff auf Bin Laden aus.

Mehr als 56 Millionen Amerikaner hatten die Ansprache von Obama zur Tötung Bin Ladens verfolgt. Das gab das Marktforschungsunternehmen Nielsen am Dienstag bekannt. Die neunminütige Rede am Sonntag kurz vor Mitternacht (US-Ostküstenzeit) war von neun Fernsehsendern live übertragen worden, berichtete das US-Branchenblatt "Variety". Trotz der späten Sendezeit war die Einschaltquote mehr als doppelt so hoch wie bei Obamas Ansprache zum Konflikt in Libyen Ende März.

Zuletzt hatte das Weiße Haus seine Darstellung von der Tötung des Qaida-Chefs teilweise korrigiert: Bin Laden selbst sei nicht bewaffnet gewesen, teilte das Weiße Haus am Dienstag mit.

hen/dpa/Reuters/AFP

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