Getöteter Qaida-Terrorist Bin Laden verliert seinen Kassenwart

Mustafa Abu al-Yazid ist tot - vermutlich starb der Afghanistan-Chef und Mitgründer al-Qaidas durch eine Drohne. Für Bin Laden und seinen Vize Sawahiri ist das ein herber Verlust: Der Ägypter spielte seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle. Ihn zu ersetzen, dürfte den Terroristen schwer fallen.

Mustafa Abu al-Yazid in einem Propagandavideo: "Schickt Geld, schickt Männer!"

Mustafa Abu al-Yazid in einem Propagandavideo: "Schickt Geld, schickt Männer!"

Von Yassin Musharbash


Berlin - Rund 300 US-Dollar im Monat: So viel zahlte al-Qaida ihren Kämpfern Anfang der neunziger Jahre monatlich, als das noch relativ junge Terrornetzwerk seine Zentrale für einige Jahre in der sudanesischen Hauptstadt Khartum hatte.

Wer das Gehalt zu kriegen hatte, der ging einfach ins Qaida-Büro in der McNimr Street. Eines der Zimmer okkupierte Osama Bin Laden, der Anführer. In einem zweiten saß Mustafa Abu al-Yazid, damals bekannter unter dem Namen Scheich Said al-Masri. Er war es, der das Geld auszahlte und die erwirtschafteten Profite entgegennahm. Der 1955 geborene Ägypter, einer der Mitbegründer al-Qaidas, fungierte als Kassenwart.

Er sollte diese Funktion noch etliche Jahre ausüben. Nachdem er später mit Bin Laden nach Afghanistan zurückgekehrt war, organisierte er zum Beispiel einen Teil der Finanzen der 9/11-Attentäter. Im Mai 2007 wurde Abu al-Yazid zwar offiziell zum "Afghanistan-Chef" al-Qaidas berufen, aber es ist wahrscheinlich, dass er - quasi nebenbei - einen Teil des Managements weiterbetrieb.

Bis zu seinem Ende. Denn nun, so gab es al-Qaida in der Nacht zum Dienstag offiziell bekannt, ist Abu al-Yazid tot.

Vermutliche Todesursache: CIA

Er sei gemeinsam mit "seiner Ehefrau, drei Töchtern, einer Enkelin sowie Männern, Frauen und Kindern aus seiner Nachbarschaft und Bekanntschaft" ums Leben gekommen, heißt es in dem auf einschlägigen Internetseiten veröffentlichten Kommuniqué, das SPIEGEL ONLINE vorliegt und dessen Authentizität Nachrichtendienste und Terroranalysten nicht in Frage stellen.

Die hohe Zahl der angeblich mit dem Top-Terroristen Getöteten ist ein Indiz dafür, dass Abu al-Yazid durch eine Rakete ums Leben kam, die von einer CIA- Drohne abgeschossen wurde. Der Fachblog Long War Journal ist sich sicher, dass der Bin-Laden-Vertraute am 21. Mai durch eine "Predator"-Rakete starb, die in dem Dorf Mohammed Khel in der Region Datta Khel in der pakistanischen Provinz Nordwaziristan eingeschlagen sei.

Al-Qaida selbst bestätigt nur den Tod, nennt nicht die Ursache. Allerdings preist das Netzwerk den Getöteten in höchsten Tönen. Eine "lange Reise in den Dschihad", die 22 Jahre gedauert habe, sei an ihr Ende gekommen; er sei bekannt für sein "einnehmendes Wesen" gewesen, für seinen Gerechtigkeitssinn und seine Geduld. Mustafa Abu al-Yazid hatte sich schon als Jugendlicher in Ägypten den Dschihadisten angeschlossen, so stieß er sehr frühzeitig zum Umfeld des heutigen Qaida-Vizes Aiman al-Sawahiri.

Abu al-Yazid war gegen die Anschläge vom 11. September 2001

Normalerweise sind die Kommuniqués von al-Qaidas Zentrale zu getöteten Dschihad-Führern eher karg. Das ist in gewisser Weise ironisch, denn häufig wurden sie in der Vergangenheit von Mustafa Abu al-Yazid verfasst.

Was genau der Tod des Ägypters für al-Qaida bedeutet, ist nicht präzise einzuschätzen - zu wenig ist darüber bekannt, wie das Terrornetzwerk derzeit operiert. Aber es steht völlig außer Zweifel, dass es ein herber Verlust für die Terroristen ist.

Denn Abu al-Yazid war einer der wenigen noch verbliebenen Kader der ersten Stunde. Seine Berufung zum Afghanistan-Chef war 2007 ein deutliches Signal al-Qaidas an die Taliban-Führung im Land: Die teilweise zerrütteten Beziehungen sollten verbessert werden. Abu al-Yazid war der richtige Mann dafür, denn anders als etliche Kader jüngerer Generationen hatte er noch persönlich den Treueid auf Taliban-Chef Mullah Omar abgelegt - lange vor dem 11. September 2001. Laut dem Bericht der 9/11-Commission war Abu al-Yazid übrigens gegen die Anschläge, weil er die Konsequenzen - einen Krieg in Afghanistan und den Sturz der Taliban - vorhersah.

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Drohnenkrieg der CIA: Prominente Opfer
Experten wie die norwegische Analystin Anne Stenerson glauben, dass Abu al-Yazid in den vergangenen zwei bis drei Jahren eine wichtige Rolle dabei spielte, den Taliban mit strategischer und taktischer Expertise zu helfen. Al-Qaida verfügt in Afghanistan über vermutlich nur wenige hundert Kader, wenn überhaupt. Aber viele sind gut ausgebildet, besser als die meisten Taliban-Kämpfer jedenfalls.

Verbindungsmann zu den Taliban

Mit seiner Berufung zum Afghanistan-Chef ging eine erhöhte Sichtbarkeit nach außen einher. Plötzlich tauchte der eher uncharismatische Terror-Technokrat in Propagandavideos von al-Qaida auf, zeigte sich aber wohlbedacht auch mit Taliban-Führern. Einige dieser Wortmeldungen schlugen hohe Wellen.

  • Im Juni 2008 bekannte er sich im Namen al-Qaidas zu einem Anschlag auf die dänische Botschaft in Pakistan, den er als Vergeltung für die Mohammed-Karikaturen darstellte.
  • Im September 2008 erklärte er: "Wir rufen die muslimischen Jugendlichen im Westen, die die Feindschaft der Kreuzfahrerstaaten gegenüber dem Islam und den Muslimen aus erster Hand kennen, (...) dazu auf, im Namen ihres Propheten, des Koran und ihrer Religion zurückzuschlagen... Es ist Zeit, für eure Religion aufzustehen und die Gotteslästerer und Propheten-Beleidiger zu töten."
  • Im Dezember 2008 wandte er sich an die türkischen Sympathisanten und bat sie, mehr Männer und Geld zu senden. Er behauptete, etliche Selbstmordattentäter kämen derzeit nur deshalb nicht zum Einsatz, weil kein Geld für die Ausrüstung da sei.
  • Im März 2009 versuchte er den Pakistanern zu erklären, warum die Regierung in Islamabad vom Glauben abgefallen und daher ein legitimes Ziel sei.
  • Im Juni 2009 sagte er in einem TV-Interview, dass al-Qaida pakistanische Atomwaffen gegen die USA einsetzen würde, wenn sie die Gelegenheit erhalte; Osama Bin Laden und Aiman al-Sawahiri befänden sich "in Sicherheit".
  • Im September 2009 erklärte er, die US-Firma Blackwater verübe Anschläge auf Zivilisten und lasse sie als das Werk der Mudschahidin aussehen.
  • Anfang 2010 reklamierte er den Angriff auf eine CIA-Basis in Khost mit sieben Toten für al-Qaida.

Die Propaganda kann problemlos ein anderer Kader übernehmen. Mit Abu Yahya al-Libi und Attiyatallah stehen zwei aufstrebende Lautsprecher bereit, die bereits jetzt eine ähnliche Funktion innehaben. Aber die Beziehungen zu den Taliban und die tägliche Koordination zwischen ihnen und al-Qaida - dafür war Mustafa Abu al-Yazid dank seiner Erfahrung am besten geeignet.

Die Einschläge kommen näher

Mit ziemlicher Sicherheit war er aber nicht zuständig für die Planung von Anschlägen außerhalb von Pakistan und Afghanistan - auch wenn die Nachrichtenagentur AP kürzlich meldete, dass der in den USA verhaftete mutmaßliche Möchtegern-Attentäter Nadschibullah Zazi, der laut Anklage die New Yorker U-Bahn attackieren wollte, über einen Mittelsmann mit ihm in Kontakt stand.

Es ist aber sehr wohl denkbar, dass Abu al-Yazid einer der wenigen verbliebenen Zugänge zu Bin Laden und seinem Vize war; diese verlieren somit möglicherweise eine weitere Möglichkeit, auf laufende Operationen und auf verbrüderte Organisationen Einfluss zu nehmen. Das könnte dazu führen, dass das Netzwerk weiter an Kohärenz und Koordinierung verliert.

Schließlich gilt es zu berücksichtigen, dass Abu al-Yazid offenbar in Nordwaziristan getötet wurde - mithin nahe der Region, wo Bin Laden und al-Sawahiri vermutet werden. Die Einschläge kommen also gewissermaßen näher. Mustafa Abu al-Yazid war jedenfalls gewiss einer der Top-Terroristen, die am nächsten an den Resten der Qaida-Führung dran waren.

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Seite 1
Zwietracht, 09.03.2010
1.
Leute, Leute - "Killerdrohnen", lasst ihr jetzt alle Nachwuchskräfte bei Springer ausbilden? Drohnen sind militärische Waffen. Die Legitimität ihres Einsatzes ist nach internationalem Recht geregelt. "Sind Drohnen ein effektives Mittel gegen Terroristen oder staatlicher Mord?" Und, nicht oder.
BeckerC1972, 09.03.2010
2.
Zitat von sysopFast täglich töten CIA-Drohnen in Pakistan Terroristen - und Zivilisten. Die unbemannten Flugzeuge avancieren zur Waffe Nummer eins im Kampf gegen al-Qaida und Co. Doch die politischen, militärischen und moralischen Folgen sind unabsehbar. Sind Drohnen ein effektives Mittel gegen Terroristen oder staatlicher Mord?
Ist das Erschießen von Gegner ein Mittel gegen Terroristen oder staatlicher Mord? Ist es nicht völlig egal, ob nun Drohnen oder Scharfschützen schießen?
derweltbuerger 09.03.2010
3.
Danke für die Artikel zum Thema! Manchmal zeigt der Spiegel, dass er doch noch was drauf hat. Absolut erschreckend was dort vor sich geht und wieder einmal zeigt sich wo die wahren Terroristen sitzen. Die Machteliten sind dem ihrer Ansicht nach perfekten Krieg sehr nahe. Perfekt deshalb, weil die eigenen Soldaten kaum mehr zu Schaden kommen, das Töten im Hintergrund geschieht, das Ganze extrem preisgünstig ist und die Opfer sich nicht wehren können. Nun spielen also ein paar Soldaten irgendwo in den USA jeden Tag ein paar Stunden "Computerspiel". Virtuelles und reales Töten verschmelzen. Dafür hat man ja massenhaft Kinder mit den entsprechenden Spielen schon vor Jahren zur Genüge ausgebildet. Auch ich fand solche Computerspiele mal toll, nun sehe ich, an was für Situationen man damit schon früh gewöhnt wurde. Die USA sind die größte Bedrohung für den Frieden in dieser Welt. Es ist an der Zeit aufzubegehren! Vergessen wir die Propagandamärchen!
anathema 09.03.2010
4. Passt doch ... ins Bild!
Zitat von sysopFast täglich töten CIA-Drohnen in Pakistan Terroristen - und Zivilisten. Die unbemannten Flugzeuge avancieren zur Waffe Nummer eins im Kampf gegen al-Qaida und Co. Doch die politischen, militärischen und moralischen Folgen sind unabsehbar. Sind Drohnen ein effektives Mittel gegen Terroristen oder staatlicher Mord?
Genau und objektiv betrachtet sind dies weniger "Waffen" als raffiniert konstruierte, undifferenziert wirkende "Menschenvernichtungsmaschinen" und rangieren Ihrer Frage gemäß eher als feiger "staatlicher Mord". " ... die politischen, militärischen und moralischen Folgen sind unabsehbar." (sysop) All dies macht aber bei einer angeblichen "rechtsstaatlichen Demokratie", die Angriffskriege, Menschenentführungen, Foltergefängnisse, subversive Regierungsumstürze planende und durchführende CIA-Aktionen etc. auf der alltäglichen Agenda hat, keinen allzu großen Unterschied mehr, sondern passt meiner Meinung nach haargenau in das bekannte Bild!
Stefanie Bach, 09.03.2010
5.
Zitat von sysopFast täglich töten CIA-Drohnen in Pakistan Terroristen - und Zivilisten. Die unbemannten Flugzeuge avancieren zur Waffe Nummer eins im Kampf gegen al-Qaida und Co. Doch die politischen, militärischen und moralischen Folgen sind unabsehbar. Sind Drohnen ein effektives Mittel gegen Terroristen oder staatlicher Mord?
Die USA betrachten ihr Vorgehen gegen Terroristen als Akte der Kriegsführung, "the war on terror" ist wörtlich zu verstehen, der Einsatz von Drohnen wird folglich als gebotenes und legitimes Mittel betrachtet. In der deutschen Öffentlichkeit ist der Charakter des Einsatzes gegen Terroristen bis heute ungeklärt geblieben. Selbst Kriegseinsätze wie in Afghanistan wurden und werden sprachlich vertuscht. Vor dem Hintergrund dieser Unwahrheiten kann ein demokratischer Konsens über das berechtigte und gebotene Vorgehen nicht entstehen. Der Zusammenhang von Sprache, Bildung und Erziehung (http://www.plantor.de/2009/der-zusammenhang-von-sprache-bildung-und-erziehung/)
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