Getöteter Top-Terrorist Hochsaison für Verschwörungstheorien

Nichts ist gewiss am Tod von Imad Mughnija. Waren es die Israelis, die den Militärchef der Schiiten-Miliz Hisbollah mit einer Autobombe töteten? Steckt Syrien oder gar die Hisbollah selbst hinter dem Anschlag? Ist Mughnija überhaupt tot? Ein Gerücht jagt das nächste.

Beirut - Es waren wackelige Bilder ohne Ton, die der iranische Fernsehsender al-Alam am Freitag immer wieder sendete: Es ist Nacht, zu erkennen ist eine Straße mit Apartmentblocks, am Randstein stehen parkenden Autos. Einzige Lichtquelle ist ein brennender Wagen am Ende der Straße, aus ihm schießen meterhohe Flammen. Die Silhouetten zum Brandherd rennender Männer sind zu sehen, dann versperrt ein heranrasender Krankenwagen die Sicht.

Die mit einer Handy-Kamera aufgezeichnete Szene soll unmittelbar nach dem Attentat gegen den Hisbollah-Fürsten Imad Mughnija am Dienstag in Damaskus aufgenommen sein worden. Ob es stimmt, ist nicht nachzuvollziehen: Mughnijas gewaltsamer Tod ist zu brisant, als dass auch drei Tage nach der Bombe irgendetwas Verlässliches über ihn zu sagen wäre. Die Fakten über das Ende des Mannes, der im Westen als Top-Terrorist gesucht wurde, bleiben genauso dunkel und unscharf, wie die Bilder, die der angebliche Handyfilmer davon geschossen haben will.

Dass es nicht lange auf sich warten lassen würde, bis die Gerüchte über die Todesumstände Mughnijas ins Kraut schießen würden, war bereits klar, als am Dienstagabend die ersten Meldungen über den Anschlag in Damaskus über die Ticker liefen. Die syrische Polizei habe das ausgebrannte Auto Mughnijas sofort abtransportiert, ohne Spuren zu sichern, ohne den Tatort abzusperren. Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand die Frage nach dem Warum stellen würde.

Dass es am Donnerstag der libanesische Drusenführer Walid Dschumblatt war, der sich schließlich hergab, das nahöstliche Gerüchtekarussel in Gang zu setzen, war kein Zufall. Dschumblatt ist als Provokateur und Syrien-Hasser bekannt. "Jetzt kratzen sich Syrien und Hisbollah gegenseitig die Augen aus", rief er auf einer Massendemo der Regierungsanhänger in Beirut ins Mikrofon und insinuierte, dass Damaskus hinter dem Mord an Mughnija stecke. Dschumblatt folgte dabei einer Überlegung, die in vielen arabischen Zeitungen zumindest angedeutet wurde: Wie kann es sein, dass in einem totalitären Überwachungsstaat wie Syrien ein solcher Anschlag vorbreitet worden sein könnte, ohne dass die Staatsmacht davon weiß? Hat Syrien es geduldet, dass westliche Geheimdienste Mughnija im Herzen von Damaskus jagen, weil es sich davon Vorteile auf anderen politischen Feldern erhofft?

Der Tod als perfekte Tarnung?

Wer hinter dem Tod eines der meistgesuchten Terroristen der Welt steckt, ist das Thema, zu dem sich in diesem Tagen Heerscharen von Analysten und Politkern äußern. Die Frage, ob es sich bei dem am Dienstag getöteten Mann tatsächlich um Mughnija handelt, wird am Rande jedoch durchaus gestellt, so zum Beispiel von der libanesischen Tageszeitung "Daily Star". Kein verlässlicher Zeuge hat die Leiche gesehen, von medizinischen Tests, mit denen die Identität des Getöteten festgestellt wurde, ist nichts bekannt.

Die wenigen Bilder, die den Libanesen zu Lebzeiten zeigten und auf die auch das US-amerikanische FBI als Fahndungsfotos zurückgreifen musste, sind vor Jahrzehnten aufgenommen worden. Mughnija soll sich mehreren Gesichtoperationen unterzogen haben, um sein Aussehen zu verändern. Dass es sich bei seinem Tod und dem emotionalen Massenbegräbnis am in Beirut um eine einzige große Täuschung handelte, mit dem sich Mughnija in die beste aller Tarnungen - den Tod - zurückgezogen hat, ist weit hergeholt. Unmöglich ist es nicht. So lange sich niemand zu dem Anschlag bekennt und Beweise dafür bringt, dass es sich bei der beerdigten Leiche tatsächlich um Mughnija handelt, gilt dafür allein das Wort der Hisbollah.

Wenn es um den Mord an dem Zweiten Mann der Hisbollah geht, ist eigentlich nur eines gesichert: Mughnija war ein Mann, der sehr viele Feinde hatte. An erster Stelle Israel und die USA, gegen deren Einrichtungen er gebombt, deren Staatsbürger er zu Hunderten getötet haben soll. Doch gab es in den vergangenen Monaten auch Hinweise, dass es an der Spitze der Hisbollah nicht immer so harmonisch zuging, wie nach außen der Anschein erweckt wurde. Einigen Stimmen nach sollen Mughnija und der Hisbollah-Chef Nasrallah ernste Meinungsverschiedenheiten über die künftige Politik der Schiiten-Miliz gehabt haben. Dass ein in Ungnade gefallener Mughnija von seinen ehemaligen Weggefährten aus dem Weg geräumt worden sein könnte, ist eine der Verschwörungstheorien, die in diesen Tagen die Runde machen.

Die Hisbollah soll bereits Stunden nach dem Attentat einen Nachfolger für ihren Militärchef ernannt haben.

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