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Neue Palästinenser-Taktik: Massenprotest in den Golanhöhen

Foto: Sana Handout/ dpa

Gewalt auf den Golanhöhen Israel fürchtet den Flächenbrand

Tausende Palästinenser überrennen in den Golanhöhen die Grenze zwischen Syrien und Israel und entblößen so eine Schwäche des jüdischen Staates: Ihm fehlt eine Antwort auf die neue Strategie der Palästinenser - Massendemos nach dem Vorbild der arabischen Revolution.
Von Gil Yaron

Der Golan gilt vielen Israelis als idyllischer Ort: bergig und grün bewachsen und auch im Sommer noch so kühl, dass man hier Wein und Kirschen neben den Wiesen anbauen kann, auf denen Kühe grasen. Einzig der Stacheldraht und die gelben Schilder, die vor dem Betreten von Minenfeldern warnen, stören die Idylle an dem Ort, der eben noch als die ruhigste und sicherste Grenze Israels galt.

Doch spätestens seit am Sonntag mehr als hundert Palästinenser aus Flüchtlingslagern um Damaskus den Grenzzaun niedertrampelten und für kurze Zeit den zentralen Platz der Grenzstadt Madschd al-Schams in ihre Gewalt brachten, ist nicht nur der Golan zu einer völlig neuen Realität erwacht. Am Tag der Nakba - dem palästinensischen Gedenktag zur Staatsgründung Israels - haben die Unruhen der arabischen Welt Israel erreicht. Bei den Protesten an Israels Grenzen kamen mindestens 13 Menschen ums Leben. Der Judenstaat steht jäh vor Herausforderungen, auf die er noch keine Antworten hat.

Die Nachwehen der Ereignisse des Nakba-Tages waren am Montag vielerorts zu spüren. Israels Armee verlängerte die Ausgangssperre im Westjordanland aus Angst vor weiteren Unruhen um 24 Stunden. In den Golanhöhen arbeiteten Pioniere fieberhaft daran, den Grenzzaun zu reparieren, während die Polizei Madschd al-Schams umstellte und jedes Auto überprüfte, das die Drusenstadt verließ. Spezialeinheiten durchkämmten die Ortschaft von Haus zu Haus auf der Suche nach illegalen Eindringlingen.

"Das ist nur der Anfang"

Doch es sind vor allem die langfristigen Konsequenzen dieses Nakba-Tages, die Israel jetzt besorgen: "Das ist nur der Anfang, und wir müssen damit rechnen, dass wir in Zukunft weitaus komplexeren Herausforderungen gegenüberstehen werden", sagte Verteidigungsminister Ehud Barak in einer ersten Reaktion. Zwei Aspekte waren laut israelischen Beobachtern und Politikern besonders problematisch:

  • der Wandel im Verhalten der Syrer
  • und eine scheinbar neue Taktik der Palästinenser.

"Es ist kein Zufall, dass die syrische Grenze ausgerechnet in diesem Jahr verletzt wurde", sagte ein israelischer Offizier, der anonym bleiben will. "Seit Jahren finden zum Nakba-Tag Demonstrationen an der Grenze statt, aber es hat mit Syrien niemals Probleme gegeben. Dieses Mal hat Syriens Präsident Baschar al-Assad offenbar Anweisung erteilt, niemand auf dem Weg zur Grenze aufzuhalten."

Der gleiche Wandel auch im Umgang mit den Medien: Seit Ausbruch der Unruhen war es al-Dschasira verboten, live aus Syrien zu berichten. Am Montag nun durfte der TV-Sender erstmals seit sieben Wochen wieder live dabei sein - doch nur von den Golanhöhen. Vom blutigen Einmarsch syrischer Soldaten in ein Dorf an der Grenze zum Libanon zur selben Zeit gab es keine Bilder. Stattdessen schlachteten staatliche Medien das Blutbad an der Grenze zu Israel aus.

Mehr als nur ein Ablenkungsmanöver

Doch die Unruhe an Israels Grenze könnte mehr als nur ein Ablenkungsmanöver sein. Erst vergangene Woche hatte Assads Cousin Rami Machlouf, einer der reichsten Geschäftsmänner Syriens, Israel ein deutliches Warnsignal geschickt: "Wenn es bei uns nicht ruhig ist, wird es auch in Israel keine Stabilität geben", sagte er der "New York Times". "Niemand kann garantieren was geschehen wird, wenn dem Regime Assads, Gott behüte, etwas zustößt", fuhr Machlouf fort.

Die Regierung in Jerusalem erhielt mit den Zusammenstößen an den Grenzen zu Libanon, Syrien und dem Gaza-Streifen nun einen ersten Vorgeschmack darauf, was Machlouf meinte.

Die Ereignisse am Nakba-Tag könnten eine erste Demonstration sein, dass die Palästinenser eine neue Strategie verfolgen. "Die Palästinenser sind nicht weniger rebellisch als die anderen Araber", kommentierte Ali Baraka, Sprecher der Hamas im Libanon, die Geschehnisse. Friedliche Massendemonstrationen sollen offenbar ein neues Mittel in der Auseinandersetzung mit Israel werden. Die Bilder der Revolutionen in arabischen Staaten, in denen die Panzer der Diktatoren Menschenmassen passiv gegenüberstanden, haben auch die Palästinenser beflügelt und von der Effizienz solcher Proteste überzeugt.

Das spielt Mahmud Abbas in die Hände: Der Palästinenserpräsident glaubt nicht mehr an einen Erfolg in den Verhandlungen mit Israels Premier Benjamin Netanjahu und setzt deswegen auf die Staatengemeinschaft und internationales Recht. Im September will er bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen einen unabhängigen Palästinenserstaat in den Grenzen von 1967 ausrufen lassen.

Abbas braucht Druck - von innen und außen

Damit würden Grenzen festgelegt, ohne Zugeständnisse an Israel machen zu müssen. Damit aus dieser Deklaration auch ein Staat wird, braucht Abbas Druck von innen und von außen. Diesen will er mit unbewaffneten Massenprotesten und internationaler diplomatischer Isolation Israels erzeugen. Immer mehr Palästinenser machen dabei mit: Dachten manche zuvor, die Terrorbrigaden der Hamas brächten sie an ihr Ziel, erkennen viele jetzt den Wert unbewaffneten Widerstands. "Was machen wir, wenn nicht Hunderte, sondern Zehntausende auf unsere Grenzen losstürmen?", fragte Minister und General a. D. Jossi Peled besorgt im israelischen Radio.

Selbst die Hamas, nach einem Krieg gegen Israel geschwächt und von der Bürde der Macht in Gaza ernüchtert, hat sich zumindest kurzfristig dieser Idee angeschlossen. Hamas-Führer Chalid Maschal sprach von einer neuen palästinensischen Gesamtstrategie: Nach dem Schulterschluss in Kairo vor zwei Wochen würde man "Verhandlungen mit Israel, Beziehungen zum Ausland, Sicherheit und den bewaffneten Widerstand gegen Israel" miteinander abstimmen.

Also keine Attentate im Alleingang, solange Abbas' Ansatz für September Aussichten auf Erfolg hat. Doch handelt es sich dabei nur um einen taktischen Wandel, von Friedenswillen oder Kompromissbereitschaft der Hamas kann kaum Rede sein. Immer wieder betonen die Islamisten ihr Festhalten am bewaffneten Widerstand und ihre Weigerung, Israels Existenzrecht anzuerkennen. Sie sehen den Palästinenserstaat in den Grenzen von 1967 weiterhin nur als Vorstufe - für die Vernichtung Israels. Hamas-Premier Ismail Hanijah betete dafür erst Montagvormittag mit 10.000 Anhängern.

Netanjahus Problem

Für Israel entsteht nun ein schweres Problem: Netanjahu sagte nach den Zwischenfällen an den Grenzen in einer kurzen Ansprache, dass die Demonstranten es nicht auf die Gründung eines Palästinenserstaates in den Grenzen von 1967 abgesehen hätten, "sondern auf die Vernichtung Israels". Kämpferisch gelobte er, Israels Souveränität zu verteidigen. Doch Israels Armee ist schlicht nicht dafür gerüstet, gegen Massenkundgebungen vorzugehen. So zeigte sich denn auch Israels Armeeführung am Montag unzufrieden mit den eigenen Truppen - und räumte Fehler ein. Der israelische Rundfunk meldete, Generalstabschef Benny Ganz habe die Vorfälle an der Grenze zwischen Syrien und den von israle besetzten Golanhöhen als "nicht gut" eingestuft.Er habe die zuständigen Truppen angewiesen, das Vorgehen zu untersuchen.

"Jeder Tote auf diesen Demonstrationen spielt unseren Feinden in die Hände. Sie nutzen sie für ein zynisches Spiel", warnte Minister Peled.

Auch in Tel Aviv wurde ein beklommenes Gefühl mancher Israelis, von allen Seiten umringt zu sein, am Montag erstmals seit langem spürbar. Selbst die Börse, die selbst während des zweiten Libanonkriegs vor fünf Jahren in die Höhe schoss und normalerweise eine Insel des Optimismus und der Stabilität ist, reagiert erstmals skeptisch. Anlageberater großer Investoren raten ihren Kunden erstmals, ihr Geld auch im Ausland anzulegen.