Gewalt gegen Ausländer Südafrika ist entsetzt über sich selbst

Zehntausende auf der Flucht, mehr als 50 Tote: Die Welt blickt wegen der fremdenfeindlichen Exzesse geschockt auf Südafrika. Jetzt bittet die Bevölkerung die Opfer in bewegenden Gesten um Vergebung - und macht der Regierung Mbeki massive Vorwürfe.
Von Karl-Ludwig Günsche

Kapstadt - Welch ein Kontrast: Südafrikas Präsident Thabo Mbeki verliest in seiner Rede an die Nation hölzern und mit leidenschaftsloser Stimme die üblichen Polit-Floskeln von Trauer, Scham und Schande. Am gleichen Tag im Dorf Masiphumelele unweit von Kapstadt: Nontembiso Madikane drückt ihren früheren Nachbarn Abdi Sirej aus Somalia unter Tränen an ihr Herz.

Madikanes ganzes Dorf schämt sich - und gelobt Wiedergutmachung. Die Bewohner bitten die aus ihrem Dorf geflohenen Ausländer feierlich um Verzeihung für alles, was sie ihnen in den vergangenen Tagen angetan haben. Sie fordern sie auf, doch zu ihnen zurückzukommen, geben ihnen alles zurück, was sie ihnen bei den Plünderungen gestohlen haben, melden die Täter bei der Polizei und versprechen ihren verängstigten Nachbarn für die Zukunft ihren Schutz. Methodistenpfarrer Vuyo Ngwenyana redet ihnen noch einmal kräftig ins Gewissen: "Sie gehören doch zu uns." Der Premierminister der Kapprovinz, Ebrahim Rasool, ist überwältigt: "Masiphumelele hat uns den Weg gezeigt, wir müssen diesem Beispiel folgen."

Während der Gewaltwelle, die Südafrika in den vergangenen zwei Wochen erschüttert hat, schien die Nation erstarrt vor Entsetzen und Scham. Seit dem Ausbruch der Übergriffe auf afrikanische Zuwanderer in Johannesburgs Township Alexandra vor zwei Wochen sind mindestens 50 Menschen getötet, Hunderte verletzt und Zehntausende vertrieben worden. Doch am Wochenende formierte sich eine Gegenbewegung. Professor Loren Landau, Migrationsforscher von der Witwatersrand-Universität, hat ihr das Motto gegeben: "Lasst den Alptraum zum Weckruf für uns werden."

Demonstrieren, spenden, singen

In Johannesburg und Kapstadt zogen Tausende durch die Straßen, um ihre Solidarität mit den Opfern der Gewalttaten zu demonstrieren. Politiker, Künstler, Wissenschaftler, Ärzte, Anwälte, Studenten, Schüler, Hausfrauen reihten sich ein, immer noch fassungslos über das, was sich in ihrem Land abgespielt hat. "Nie wieder", das ist das Versprechen, das die Demonstranten ihren zögernden Mitbürgern aus anderen afrikanischen Staaten geben.

Prominente Musikgruppen haben spontan einen Song gegen Fremdenfeindlichkeit geschrieben: "Not in our Lifetime", singen sie. Star-Rapper Slikour sagt: "Wir geben das wieder, was uns unser Herz sagt. Und das heißt: Stoppt die Gewalt."

Tausende Südafrikaner greifen tief in die Tasche, um für die Opfer zu spenden. Kleidung, Lebensmittel, Decken, Geld, Spielzeug - von Johannesburg bis Kapstadt sammeln Freiwillige alles, was in den Notunterkünften so dringend gebraucht wird.

Der Bankmanager George Woods, Laienprediger der methodistischen Kirche, war nach einem Besuch in einem der Zufluchtsorte in Johannesburg so erschüttert über das Elend, dass er eine spontane Hilfsaktion organisierte. In vier Tagen hatte er zehn Tonnen Lebensmittel und Kleidung gesammelt. Die Hilfsorganisation "Gift of the Givers" brachte in wenigen Tagen eine Million Rand (rund 100.000 Euro) zusammen.

Ein anonymer Spender schickte einen Fünftonner, hoch beladen mit Hilfsgütern. Kirchen, Hilfsorganisationen, das Rote Kreuz, die Heilsarmee, die jüdische Gemeinde Südafrikas - alle helfen, sammeln, spenden. Oft sind es bescheidene Gaben, die an den Sammelstellen abgegeben werden: Ein Pfund Mehl, ein Laib Brot, ein Korb voll Gemüse. Aber meist ist das alles, was die Menschen entbehren können, weil sie selbst häufig genug Hunger leiden.

Schlimmste Gewalt seit Ende der Apartheid

Doch Südafrika zieht nach dem ersten gewaltfreien Wochenende seit 14 Tagen auch seine Schreckensbilanz: Es waren die schlimmsten, die blutigsten und gewalttätigsten Unruhen seit dem Ende der Apartheid vor 14 Jahren. Zum ersten Mal patrouillierte wie in den dunklen Tagen der südafrikanischen Geschichte wieder schwer bewaffnetes Militär durch die Straßen der Townships. Am vergangenen Freitag musste General Kwena Mangope mitteilen, dass es bei einem Militäreinsatz in den Außenbezirken von Johannesburg sogar einen Toten gegeben hatte.

Die politische Führung war gewarnt - und tat nichts

30.000 Menschen haben in der Provinz Gauteng rund um Johannesburg und Pretoria panikartig ihre Wohnungen verlassen und Zuflucht in Kirchen, Stadthallen, Schulen und Polizeistationen gesucht. In der Region Kapstadt waren es 20.000. Selbst der Heimathafen der südafrikanischen Marine in Simonstown wurde für Flüchtlinge geöffnet.

19.850 Mosambikaner sind nach offiziellen Angaben bis zum Montagmorgen zurück in ihre Heimat geflohen. An der Grenze zu Südafrika, am internationalen Flughafen von Maputo und in der Hauptstadt selbst sind Flüchtlingslager eingerichtet worden. Selbst in Beit Bridge, dem Nadelöhr an der Grenze zu Simbabwe, hat sich der Trend umgekehrt: Zum ersten Mal seit Monaten fliehen weniger Menschen aus Robert Mugabes Schreckensdiktatur, als dorthin aus Südafrika zurückkehren.

Die politische Führung Südafrikas bemüht sich indes um Schadensbegrenzung. Dabei muss sie sich gegen Vorwürfe wehren, sie sei frühzeitig vor dem drohenden Gewaltausbruch gewarnt worden, habe aber nicht reagiert. Berichten zufolge haben Botschafter aus anderen afrikanischen Staaten bei einem Treffen mit Sicherheitsminister Charles Nqakula erklärt, die Einwanderungsbehörde "Home Affairs" sei schon im April schriftlich auf die drohende Gefahr hingewiesen worden. Passiert sei nichts.

Der für die Geheimdienste zuständige Minister Ronnie Kasrils räumte in einem Radio-Interview ein: "Wir wussten natürlich, dass sich da was zusammenbraute." Dennoch sei die Regierung vom Ausbruch der Gewalt überrascht worden.

Die öffentliche Kritik am Krisenmanagement der Regierung richtet sich immer mehr gegen den ohnehin angeschlagenen Staatspräsidenten Thabo Mbeki. Die auflagenstarke "Sunday Times" veröffentlichte in ihrer jüngsten Ausgabe unter der Überschrift "Mr. Präsident - es ist Zeit zu gehen" eine bittere Abrechnung mit dem einst gefeierten Polit-Star. "Während der gesamten Krise - wahrscheinlich der schwerste, dunkelste und abscheulichste Moment im Leben unserer jungen Demokratie - hat Mbeki gezeigt, dass er nicht länger das Herz hat, uns zu führen", schreibt das Blatt. "Wir appellieren an Sie: Treten Sie im Interesse Ihres Landes zurück."

"Die fremdenfeindlichste Nation der Welt"?

Der Politologe Frans Cronje vom "Institut für Rassenbeziehungen" zieht den bitteren Schluss, dass die Ausschreitungen der vergangenen zwei Wochen "die Antwort auf das politische Versagen der Regierung Thabo Mbekis" gewesen seien. Den Präsidenten ficht das alles nicht an. Es sei das Werk von Einzelnen gewesen, von Kriminellen, relativiert er in seiner Rede an die Nation die Pogrome wieder und wieder.

Dabei hätte er allen Grund, aufgeschreckt zu sein. Südafrikanische Zeitungen veröffentlichten am Wochenende eine bisher unter Verschluss gehaltene Umfrage mit dem schockierenden Ergebnis: "Südafrika ist die fremdenfeindlichste Nation der Welt."

Selbst Mbekis Bruder Moeletsi, angesehener Sozialwissenschaftler, kommentiert bitter: "Traurig, aber es überrascht mich nicht, dass wir die Schlimmsten in der Welt sind." Doch die Gewalt der vergangenen Wochen hätte vermieden werden können, erklärt der Bruder des Präsidenten - wenn die Regierung die Krise in Simbabwe richtig gemanagt, die Grenzen besser kontrolliert und den Flüchtlingen einen offiziellen Status gegeben hätte.