Gewalt gegen Flüchtlinge auf der Balkanroute "Als sie uns schlugen, haben sie gelacht"

Duldet die EU-Grenzschutzbehörde Frontex die Misshandlung von Flüchtlingen durch lokale Sicherheitskräfte? Wie systematisch die Gewalt wirkt, erzählen Betroffene und Helfer aus einem Grenzlager in Bosnien.

Thore Schröder

Aus Bihac berichtet Thore Schröder


Waqas krempelt die Hose hoch und zeigt auf seinen geschwollenen Fuß. "Erst sind sie draufgetreten, dann haben sie den Knöchel verdreht", erzählt der 31-Jährige über die Gewalt, die er angeblich vor wenigen Stunden in den Händen kroatischer Polizisten erlitten hatte. Sein Freund Amir sagt, die Beamten hätten ihn getreten und mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Vor ihrer Ausweisung aus Kroatien hätten die Geflüchteten aus Pakistan eine Nacht in einer Zelle verbringen müssen: "Ohne Essen, ohne Wasser, ohne Toilette."

Bargeld und Smartphones habe man ihnen abgenommen, ihre Rucksäcke samt Inhalt vor ihren Augen verbrannt. Dann hätten die Kroaten sie über die Grenze zurück nach Bosnien geschickt, raus aus der EU, ohne vorher die Möglichkeit gehabt zu haben, in Kroatien Asyl zu beantragen. Diese illegale Praxis ist als sogenanntes Push-back, also Zurückweisung, bekannt.

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Flüchtlingslager Vucjak: Hoffnung auf das nächste "Game"

Jetzt rasten Waqas und seine Freunde, laut eigenen Angaben 22, 18 und 17 Jahre alt, neben einer Tankstelle an der Ausfallstraße von Bihac im Nordwesten Bosniens. Für die Flucht aus der Armut ihrer Heimat Pakistan haben sich die vier jungen Männer und ihre Familien hoch verschuldet. Alles, was ihnen nach dem Push-back noch bleibt, ist die Kleidung an ihren Körpern und der Inhalt einer kleinen weißen Plastiktüte.

Lässt Frontex Gewalt gegen Flüchtlinge zu?

Ihre Reise aus Südasien hat zwar bereits viele Monate gedauert, eine so massive Gewalt wie in Kroatien hätten sie jedoch noch nicht erlebt, sagen sie. Die kroatische Polizei misshandelt die Migranten, die sie an der Grenze oder teils weit im Landesinnern aufgreift, offenbar systematisch. Darauf verweisen etwa umfassende Berichte der deutschen NGO Border Violence Monitoring.

Das ARD-Magazin "Report München" schildert nun, dass die EU-Grenzschutzbehörde Frontex Menschenrechtsverletzungen nationaler Grenzbeamten an den Außengrenzen der Staatengemeinschaft angeblich duldet. Die Anschuldigungen lassen sich der Recherche zufolge durch Hunderte interne Frontex-Dokumente belegen, die das Magazin gemeinsam mit dem britischen "Guardian" und dem Recherchezentrum "Correctiv" ausgewertet hat. Die EU-Kommission hat am Montag angekündigt, den schweren Anschuldigungen nachzugehen.

Waqas und seine Freunde müssen zurück in das Flüchtlingslager Vucjak, das die Stadtregierung von Bihac Anfang Juni auf dem Gelände einer ehemaligen Mülldeponie eingerichtet hat, rund zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. In Vucjak leben je nach Tagesbelegung zwischen 500 und 1000 männliche Flüchtlinge und Migranten, viele kommen aus den Armenhäusern Asiens, Bangladesch, Pakistan oder Afghanistan, andere aus Syrien und Algerien. Auf der Balkanroute in die westlichen EU-Staaten ist Bosnien eine Art Flaschenhals, und Vucjak ist der Verschluss auf der Flasche.

"Die Polizisten machen die Drecksarbeit für Europa"

Die Lage dort ist angespannt. In wenigen Kilometern Entfernung gibt es Minenfelder aus der Zeit des Bürgerkriegs, rings um die überfüllten Zelte liegt Müll, es gibt wenig Lebensmittel, kaum Hygiene-Einrichtungen. Viele Männer leiden unter Krätze. Der deutsche Journalist Dirk Planert hat seit Mitte Juni zumindest eine grundlegende medizinische Versorgung in Vucjak aufgebaut. Dabei hatte sich sein Hilfseinsatz fast zufällig ergeben. Nach Bihac gekommen war der Freelancer, der viel für den WDR arbeitet, um eine Ausstellung seiner Fotos zu eröffnen.

Die Aufnahmen hatte Planert vor 25 Jahren gemacht, als er, noch als Student, zur Zeit des Bürgerkriegs Hilfsgüter in die belagerte Stadt transportierte. Bei seinem Besuch in diesem Sommer wurde er dann Zeuge, wie die Geflüchteten ins Lager Vucjak transportiert wurden - und beschloss zu bleiben. Seitdem sammelt er Spenden, kauft Arzneimittel und legt manchmal, als ungelernter Sanitäter, auch selbst Hand an. Planert sagt: "Ich mache hier solange weiter, bis sich das Elend erledigt hat."

Gerade behandelt er in der sengenden Hitze des Sanitätszelts die Überbleibsel einer Wunde über dem Schlüsselbein eines jungen Mannes: "Noch vor sechs Tagen war das aufgeplatzt und stark geschwollen, das kam wahrscheinlich von einem Schlagstock", sagt Planert, bevor er Salbe auf die Stelle schmiert. Immer wieder müssen die Helfer auch offene Wunden an nackten Füßen versorgen. "Denn die Kroaten nehmen den Männern oft auch die Schuhe ab", so Planert. Mit Blick auf die teils schweren Verletzungen, die er und sein Team jeden Tag behandeln, sagt Planert: "Die Polizisten machen die Drecksarbeit für Europa. Für die ist es ein Wettbewerb, wo am wenigsten Flüchtlinge durchkommen."

Flucht nach Deutschland kostet extra

Hussein*, ein 28-jähriger Architekt aus Sarakib in der syrischen Provinz Idlib, war schon dreimal "on game". So bezeichnen die Flüchtlinge in Bosnien mit viel Galgenhumor ihre Fluchtversuche - ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem es meist mit Schleusern tagelang durch den Wald, dann in Minibussen weitergeht. Einmal hatte es Hussein mit seiner Gruppe sogar bis zur slowenischen Grenze geschafft. Vergeblich, denn die lokale Polizei griff sie auf und übergab sie an die Kroaten, die wiederum schickte die Gruppe nach Bosnien zurück. Berichte solcher "Ketten-Push-Backs" kursieren auch in NGO-Berichten. Ein kroatischer Polizist soll die Flüchtlinge mit einer langen Keule geschlagen haben, als sie bei Velika Kladusa zurück über die Grenze nach Bosnien geschickt wurden. Er sei dabei komplett in schwarz gekleidet gewesen, erinnert sich Hussein, inklusive Sturmhaube: "Der sah aus wie von Daesh." So wird die islamistische Terrormiliz IS im arabischen Raum genannt.

Trotz der erlittenen Gewalt will Hussein sobald wie möglich wieder versuchen, in die EU zu gelangen. Zurück nach Syrien kann er nicht, in Bosnien will er nicht bleiben, genauso wenig wie vorher in Griechenland. "Dort ist die Lage doch kaum besser als in Syrien", sagt er. Seine Familie in der Heimat und sein Bruder in Saudi-Arabien haben für sein nächstes "Game" bereits das nötige Geld gesammelt. 3500 Euro verlangt der kurdische Schlepper, der Betrag kommt zunächst auf eine Art Sperrkonto, er wird erst bei erfolgreich abgeschlossener Schleusung fällig. Das wäre in Österreich oder Italien. Falls Hussein nach Deutschland weiter will, kostet das extra.

Egal, wen man in Vucjak fragt, von den Übergriffen der Polizisten berichten alle. "Es macht ihnen Spaß ", sagt der 23-jährige Yusuf aus Islamabad: "Als sie uns schlugen, haben sie gelacht." Seit bald einem Jahr hängt er in Bosnien fest, irgendwann werde er es aber nach Italien schaffen. "Weil ich es schaffen muss."

*Name von der Redaktion geändert



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