Gewalt gegen Mönche Schüsse in Burma - Uno-Sicherheitsrat beruft Dringlichkeitssitzung ein

Mit Waffengewalt versucht das Regime in Burma die Massendemonstrationen aufzulösen. Laut Augenzeugen schießen Soldaten auf Mönche und Zivilisten, es gibt Tote und Verletzte. Noch heute wird der Uno-Sicherheitsrat die Lage beraten.


Rangun - Erschreckende Nachrichten aus Burma: Bei den Demonstrationen gegen das Militärregime sind Augenzeugenberichten zufolge acht Menschen ums Leben gekommen. Das berichtete der Rundfunksender Democratic Voice of Burma in Oslo unter Berufung auf Quellen in dem asiatischen Land. Unter den Todesopfern seien fünf Mönche und drei zivile Demonstranten. Annähernd 150 Menschen wurden den Berichten zufolge verletzt.

Die Angaben über die Zahlen der Opfer schwanken: Mitarbeiter von Behörden der Militärregierung, die nicht namentlich genannt werden wollten, teilten mit, mindestens drei Mönche seien bei den Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten getötet worden. Ein Krankenhausmitarbeiter sprach von mindestens einem Toten und drei Verletzten. Bei keinem der Opfer handelte es sich seinen Angaben zufolge um einen Mönch.

Augenzeugen hatten zuvor berichtet, mindestens 17 Mönche seien verletzt worden, als die Polizei gewaltsam gegen die Demonstranten vorging. Nach sechs Stunden lösten sich die Demonstration am Abend (Ortszeit) auf. Dutzende Menschen waren zuvor laut Augenzeugen festgenommen worden.

Wegen der eskalierenden Gewalt im Land will der Uno-Sicherheitsrat sich noch heute mit dem Vorgehen der burmesischen Militärregierung gegen die Demonstranten befassen. Dies teilte der französische Außenminister Bernard Kouchner in New York mit.

Am Morgen war die Situation in Burma eskaliert: Zehntausende Menschen hatten sich trotz eines Versammlungsverbots der Militärregierung in Rangun versammelt und für Demokratie demonstriert. Die seit mehr als einer Woche andauernden Proteste, die von buddhistischen Mönchen angeführt werden, waren friedlich - bis die Sicherheitskräfte heute gewaltsam einschritten. In Rangun setzten sie Tränengas ein, gaben Warnschüsse ab und zerrten sich widersetzende buddhistische Mönche in Lastwagen. Der französische Diplomat Emmanuel Mouriez und ein in Norwegen lebender Dissident berichteten, die Sicherheitskräfte hätten auf Demonstranten geschossen. Nach Angaben des in Thailand exilierten Zweigs der Nationalen Liga für Demokratie von Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi wurden etwa 300 Mönche und andere Demonstranten festgenommen.

Es gab Berichte über Sachschäden, wobei zunächst nicht klar war, ob dies das Werk der Oppositionellen war oder das von die Junta unterstützenden Cliquen, die sich zwischen Soldaten und Polizisten gemischt hatten.

Augenzeugenberichten zufolge zündete ein aufgebrachter Mob an der Pagode in der ehemaligen Hauptstadt Burmas zwei Motorräder der Polizei an. "Sie wollen uns töten, Mönche und Nonnen", sagte eine Nonne: "Vielleicht sollten wir zu unserem normalen Leben zurückkehren."

Ein Student sagte dagegen mit Blick auf vorbeiziehende Demonstranten: "Wenn sie mutig sind, müssen wir auch mutig sein. Sie riskieren ihr Leben für uns." Die beiden wollten ihre Namen aus Angst vor Repressalien nicht nennen. Die Sicherheitskräfte nahmen in der Nacht offenbar auch etliche bekannte Regimekritiker fest. So wurde der Kabarettist Zarganar kurz nach Mitternacht aus seiner Wohnung zu einer "vorübergehenden Befragung" bei der Polizei geholt, wie Familienangehörige berichteten. Zarganar wurde schon zwei Mal zuvor festgenommen, es wurde ihm verboten aufzutreten. Er leitete zusammen mit dem Schauspieler Kyaw Thu und dem Dichter Aung Way ein Komitee, das die demonstrierenden Mönche mit Lebensmitteln und anderen Dingen versorgte. Wie Zarganar sollen einige weitere Menschen festgenommen worden sein.

In der zweitgrößten Stadt des südostasiatischen Landes, Mandalay, lieferten sich rund 800 Demonstranten, darunter Mönche und Nonnen, ein Katz-und-Maus-Spiel mit etwa 100 Soldaten, die sie daran hindern wollten, zur Mahamuni-Paya-Pagode zu ziehen. "Wir haben solche Angst. Die Soldaten sind bereit, jederzeit auf Zivilisten zu schießen", sagte ein Mann.

Sanktionen sind bei Experten umstritten

Der tschechische Menschenrechtler und Ex-Präsident Vaclav Havel hat die internationale Gemeinschaft zur Unterstützung der Demonstranten in Burma aufgerufen. "Die Menschen fürchten den offenen Protest gegen die Militärregierung nicht mehr. Ich hoffe, dass dies international verstanden wird, und man mehr Druck auf das Regime ausübt", sagte Havel der Prager Zeitung "Mlada fronta Dnes". "Die Mönche sitzen nicht herum und beten. Sie bilden vielmehr einen wichtigen Zweig der dortigen Gesellschaft. Es war eine Frage der Zeit, bis sie sich gegen die Versuche des Regimes wehren, die Klöster mit Privilegien zu korrumpieren", sagte Havel.

Angesichts der Krise haben die USA schärfere Sanktionen angekündigt; auch die EU droht der Militärregierung im Fall einer blutigen Niederschlagung der Demonstrationen damit. US-Präsident George W. Bush hatte gestern vor der Uno-Vollversammlung in New York eine Ausweitung der seit gut zehn Jahren geltenden Sanktionen angekündigt. Bush will den Machthabern stärker den Finanzhahn zudrehen und ein Einreiseverbot für die Militärs und ihre Familien verhängen. Die ersten Sanktionen hatte Bushs Vorgänger Bill Clinton im Mai 1997 verhängt. Nach Repressionen der Militärs wurden sie 2003 verschärft. Seitdem gilt ein Importverbot für Produkte aus Burma, wie etwa Teakholz und Erdgas. Auch Finanzgeschäfte sind unterbunden. Die Guthaben der Machthaber liegen auf Eis.

Auch der portugiesische EU-Vorsitz drohte mit einer Verschärfung der rund zehn Jahre alten Sanktionen, sollten die Militärs gewaltsam gegen die Demonstranten vorgehen. Die Vorarbeiten begannen heute in Brüssel auf Expertenebene. Möglich ist laut Diplomaten eine Ausweitung des EU-Einreiseverbots, das bereits jetzt rund 375 Militärs und hochrangige Funktionäre trifft. Zusätzlich zu dem geltenden Investitionsverbot für europäische Unternehmen in Burma werden weitere Handelsbeschränkungen erwogen. Die EU-Sanktionen umfassen darüber hinaus ein Waffenembargo. Zudem sind die Guthaben der Machthaber eingefroren.

Die Sanktionen sind bei Experten indes umstritten: Die International Crisis Group hält die Sanktionen des Westens für weitgehend wirkungslos. "Sie treffen in erster Linie das Volk", sagt der europäische Vizepräsident Alain Deletroz. Auch die humanitäre Hilfe leide unter der Zwangsisolation durch den Westen, sagt er. So sei die Zahl der Aids-Kranken und HIV-Infizierten in Burma in den vergangenen Jahren regelrecht explodiert. Auch EU-Vertreter räumen ein, dass die Sanktionen die Militärregierung bisher nicht geschwächt haben. Brüsseler Insider setzen daher auf Gespräche mit China und Indien als die Haupt-Wirtschaftspartner Burmas. Peking liefert Berichten zufolge auch Waffen an die Machthaber im Nachbarland.

anr/dpa/AFP/Reuters/AP

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