Gewalt in Chile Es brennt im Musterland

Es begann als Protest gegen U-Bahn-Preise - inzwischen rebelliert das Volk in Chile gegen Ungleichheit und explodierende Kosten: Acht Menschen wurden getötet, Entspannung ist nicht in Sicht.

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Aus Santiago de Chile berichtet


Es brennt in Chile. Lodernde Straßenbarrikaden, brennende Supermärkte und Fabriken. Während die Regierung mit Repression reagiert und 8000 Militärs und Panzerwagen auf die Straßen schickt, werden die Menschen nur noch wütender. In der Hauptstadt Santiago, in den Großstädten Valparaíso und Concepción sowie in La Serena und Rancagua, aber auch in den ferner des Zentrums gelegenen Städten kam es am Wochenende zu gewalttätigen Ausschreitungen.

Bis zum Sonntagabend wurden mindestens acht Menschen getötet, allein fünf starben beim Brand eines Kleiderlagers im Nordwesten der Hauptstadt.

Innerhalb weniger Tage ist das scheinbar so stabile südamerikanische Musterland außer Kontrolle geraten. Was als Protest gegen die Erhöhung der Preise für die U-Bahn in Santiago begann, hat sich in eine generelle Rebellion gegen die prekären Lebensverhältnisse in dem neoliberalen Land gewandelt.

Wut über hohe Strom- und Wasserpreise

Die Menschen sind frustriert und wütend wegen exorbitanter Strom- und Wasserpreise, niedriger Löhne und Gehälter, wegen fehlendem Arbeitsschutz, teurer Altersvorsorge und hoher Mieten. Dazu kommen die zunehmend unerschwinglichen Lebensmittel sowie hohe Schul- und Unigebühren.

Untersuchungen zufolge reicht einem großen Teil der Chilenen das Einkommen nicht, um alle monatlichen Kosten zu begleichen. Nach Angaben des Nationalen Statistikamts (INE) verdient die Hälfte der Arbeiter 400.000 Pesos (504 Euro) oder weniger. Dabei liegen die Kosten vieler Serviceleistungen wie Strom, Wasser und Gas, Internet und Autobahngebühren auf dem Niveau europäischer Länder.

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Protest in Chile: Rebellion gegen explodierende Preise

Auch der öffentliche Nahverkehr ist empfindlich teuer. Nach einer Untersuchung der Universität Diego Portales in Santiago ist Chiles System im Verhältnis zum Pro-Kopf-Einkommen der neuntteuerste von 56 untersuchten Staaten. Das erklärt, warum die Erhöhung von 800 auf 830 Pesos (von rund 1 auf 1,04 Euro) pro Ticket eine solche Wut auslöste.

Dieser lange aufgestaute Ärger hat sich in den vergangenen Tagen an U-Bahn-Stationen entladen, gegen Supermärkte und Regierungsgebäude gerichtet, die überfallen, geplündert und in Brand gesteckt wurden. Die Schäden an der Infrastruktur belaufen sich nach ersten Schätzungen auf mindestens 200 Millionen Dollar.

Im ganzen Land haben vor allem Jugendliche brennende Barrikaden errichtet. Am Sonntag blieben Supermärkte geschlossen, am internationalen Flughafen von Santiago wurden Flüge gestrichen.

Die Lehrerin kann die Heizung nicht anmachen - zu teuer

Die zweite Nacht in Folge verhängte Präsident Sebastián Piñera eine Ausgangssperre über Santiago und weitere Städte. Dies war zuletzt 1987 zu Zeiten der Diktatur von Augusto Pinochet (1973 bis 1990) geschehen. Aber auch in der Nacht zu Montag ignorierten diese wieder viele Menschen und machten ihrem Ärger mit den sogenannten Cazerolazos, dem "Topfschlagen" Luft.

Die Proteste haben längst die ganze Gesellschaft erfasst. Was als Aufstand der Studenten begann, wird jetzt auch von Arbeitern, Lehrern und Angestellten getragen. Selbst in den Oberschicht-Stadtteilen von Santiago wie Las Condes gingen die Bewohner zu Cazerolazos auf die Straße.

Cazerolazos: Dengeln gegen das System
Alberto Peña/EPA-EFE/REX

Cazerolazos: Dengeln gegen das System

Die Lehrerin Cecilia Quidel kann die Wut ihrer Landsleute nachvollziehen: "Das Leben hat sich in den vergangenen Jahren so verteuert, dass das Geld für viele Menschen nicht bis zum Monatsende reicht".

Quidel, die 800.000 Pesos (1009 Euro) verdient, sitzt im Winter oft in ihrem kalten Haus im Stadtteil Quilicura, weil sie es sich nicht leisten kann, die Zentralheizung anzustellen, "unmöglich", sagt sie, "die Kosten würden explodieren".

Benzin, Gebühren für die Stadtautobahn, Lebensmittel und Strom hätten sich in den vergangenen drei, vier Jahren rasant verteuert. "Wir fühlen uns missbraucht von den großen Unternehmen, die Preise erhöhen, um wieviel und wann immer sie wollen", kritisiert die 56-Jährige, "der Staat schaut dabei einfach nur zu".

Der Export boomt - doch nur die Reichen profitieren

Seit der Rückkehr zur Demokratie im Jahre 1990 ist Chile der wirtschaftlich und politisch stabilste Staat der Region. Das Land zwischen Anden und Pazifik hat sich konsequent der globalen Wirtschaft geöffnet und gilt heute als zuverlässigster und wettbewerbsfähigster Staat Lateinamerikas, ausgerüstet mit moderner Infrastruktur, Freihandelsverträgen mit mehreren Dutzend Staaten und Handelsbeziehungen nach Asien, Europa und zu den USA. Der Export von Kupfer, Wein, Obst, Lachs, Zellulose und Holz blüht.

Dabei hat aber noch immer das Wirtschaftsmodell Gültigkeit, das seinerzeit Diktator Pinochet dem Land hinterlassen hat. Noch immer ist Chile das neoliberale Paradies, wo der Staat fast alles privatisiert hat, den Unternehmen freie Hand lässt, wenig Steuern verlangt und multinationale Unternehmen natürliche Ressourcen ausbeuten können. Laut der Uno-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik verfügt das wohlhabendste Prozent der Chilenen über 26,5 Prozent des nationalen Reichtums.

Staatschef Piñera: "ein Organisationsgrad, der nur einer kriminellen Organisation entspringen kann"
Chilean Presidency / AFP

Staatschef Piñera: "ein Organisationsgrad, der nur einer kriminellen Organisation entspringen kann"

Präsident Piñera, eigentlich Unternehmer und selbst einer der reichsten Chilenen, findet das völlig in Ordnung und hat auch wenig Verständnis für die Nöte der Bevölkerung. Angesichts der Erhöhung der Metro-Ticketpreise hieß es aus seinem Kabinett in einer ersten Reaktion, dann sollten die Menschen doch einfach früher am Morgen zur Arbeit fahren, wenn der nach Uhrzeit gestaffelte Tarif noch niedriger sei.

Zwei wichtige Großereignisse stehen auf der Kippe

Inzwischen wirkt der Staatschef zunehmend verunsichert und ratlos angesichts der Wut der Bevölkerung. "Wir wissen, dass die Urheber der Proteste einen Organisationsgrad haben, der nur einer kriminellen Organisation entspringen kann", behauptete er am Sonntagabend über die Menschen auf den Straßen.

Piñera fürchtet nicht nur um das Image seines Landes, sondern auch um die Ausrichtung zweier internationaler Großevents. Mitte November findet in Chile der Gipfel der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) statt. Zwei Wochen später soll in Santiago der Weltklimagipfel folgen.

Und trotz Repression ist keine Entspannung in Sicht. Diese Woche wollen die Studenten der Universität von Chile und die Mitarbeiter des Gesundheitssystems streiken. Anschließend soll ein Generalstreik folgen. Die Zeichen stehen weiter auf Sturm in Südamerikas Musterland.



insgesamt 78 Beiträge
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smokiebrandy 21.10.2019
1. Europa sollte genau nach Chile schauen...
... und Schlüsse daraus ziehen. Wenn ein großer Teil der Bevölkerung es nicht mehr hinnehmen will , dass die Gewinne immer kleinere Gruppen einfahren und die Lasten den Ärmeren auferlegt werden, kommt es zu solchen Reaktionen. Frankreich kennt diese Ausbrüche der Wut bereits. Aber auch wir in Deutschland sind nicht sicher vor solchen Entwicklungen. Auch wenn der Deutsche Michel etwas Träger reagiert , wenn ein bestimmtes Maß überschritten wurde , kann das außer Kontrolle geraten. Unser Problem hier in Europa ist allerdings , dass rechtspopulistische Strömungen auf diesen Zug aufspringen werden .
tadano 21.10.2019
2.
Es wird nicht die letzte Demonstration gegen den Neoliberalismus weltweit bleiben.
BerndSchneider 21.10.2019
3. Das ist kein Musterland
Das Land, das wirtschaftlich von einigen Oligarchen und staatlich gepamperten Monolisten beherrscht wird, war nie ein Musterland. Die Lebenshaltungskosten sind dir höchsten in Südamerika.
gigi76 21.10.2019
4. Sehr oberflächlich
das Problem ist nicht das Wirtschaftsmodell.
marthaimschnee 21.10.2019
5. das Musterland
Sie meinen den neoliberale Musterstaat, in dem die Regierungspolitik einzig auf das Wohl der Vermögenden ausgerichtet ist? Gut hinschauen, liebe CDU, dort wird euch gezeigt was passiert, wenn man das Faß zum Überlaufen bringt!
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