Gewalt in Darfur "Es herrscht der blanke Überlebenskampf"

Blutige Gefechte in den Flüchtlingscamps, Attacken auf NGOs und Uno-Truppen: Die Lage in Darfur ist gegenwärtig so gefährlich, dass die Welthungerhilfe ihre Arbeit einstellen musste - und die internationale Schutztruppen können nur noch sich selbst schützen.

Von Alexander Schwabe


Berlin – Gefährlich wird es immer dann, wenn die Strecke unwegsam ist und die Lastwagen mit den Hilfsgütern nur langsam vorankommen. Der ideale Zeitpunkt für einen Angriff aus dem Hinterhalt.

Plötzlich bauen sich acht, neun, zehn Männer, die sich hinter ein paar Bäumen oder Felsen versteckt hielten, vor den Transportfahrzeugen auf, alle schwer bewaffnet. Sie zwingen den Konvoi zu stoppen. Die Fahrer und deren Begleiter müssen aussteigen und mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden liegen. Die Banditen machen sich mit den Lkw aus dem Staub, die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen lassen sie meist zurück, irgendwo in den öden Weiten Darfurs.

"Beim letzten Überfall war es noch bedrohlicher", sagt Johan van der Kamp, Chef der Deutschen Welthungerhilfe im Sudan. "Weil die Hijacker die drei hochtechnisierten Lkw nicht fahren konnten, nahmen sie die Fahrer als Geiseln. Ständig haben sie ihre Waffen auf unsere Leute gerichtet. Wären die Lastwagen in dem weichen Untergrund stecken geblieben, hätten unsere Fahrer das nicht überlebt. Sie durchlebten die Hölle." Nach 16 Stunden kamen die Entführten endlich frei. Nach einem Fußmarsch von einem Tag durch Hitze und Trockenheit erreichten sie Faschir, die Hauptstadt Nord-Darfurs.

Uno: "Gewalt hat in beängstigendem Ausmaß zugenommen"

Ein Vorfall von vielen in einem vom Bürgerkrieg erschütterten Land. Es trifft die Deutsche Welthungerhilfe, es trifft viele andere Hilfsorganisationen – und es trifft die Unamid, jene Mischtruppe zusammengesetzt aus Uno-Blauhelmen und Einheiten der Afrikanischen Union (AU), die eigentlich den Frieden sichern soll. Die Uno ist zutiefst besorgt. In einem Bericht für den Sicherheitsrat hat Generalsekretär Ban Ki Moon vor wenigen Tagen Alarm geschlagen: "Im Juli hat die Gewalt in Darfur in einem extrem beängstigenden Ausmaß zugenommen."

Laut Ban-Bericht ist die Kriminalitätsrate durch marodierende Banden derart gestiegen, dass selbst der Aktionsradius der bewaffneten Unamid-Einheiten inzwischen stark eingeschränkt ist. Im Mai verlor die Unamid 23 Fahrzeuge, im Juni 21 und im Juli 31. Seit Januar musste die ohnehin miserabel ausgestattete Truppe mehr als 120 Wagen abschreiben.

Das World Food Programm der Uno (WFP) vermisst derzeit 43 Lastwagenfahrer nach Überfällen in Darfur, 2008 wurden bereits zwei Fahrer bei WFP-Transporten getötet und 97 Lastwagen entwendet.

Die Angreifer schlagen nicht nur immer öfter, sondern zunehmend wahllos zu. "Bis vor fünf Wochen waren wir als Hilfsorganisation nicht das Ziel von Angriffen. Das hat sich jetzt geändert", sagt van der Kamp. Seiner Organisation wurden seither sieben Lastwagen gestohlen.

Der gebürtige Niederländer führt das auf den Zerfall der Kommando- und Sozialstrukturen in den Rebellengebieten zurück, aus denen Aufständische gegen die Regierung kämpfen und die Ziel von Angriffen der Armee werden in einem Krieg, der seit 2003 geschätzten 300.000 Menschen das Leben gekostet hat. 2,5 Millionen Menschen wurden vertrieben.

"Bisher konnten uns regionale Anführer die Sicherheit unserer Transporte durch ihr Gebiet zu den Hilfsbedürftigen in den Dörfern und Flüchtlingscamps garantieren", so van der Kamp. Doch wo die Helfer früher zwei, drei verlässliche Ansprechpartner hatten, müssen sie heute bis zu 20 lokale Kommandeure kontaktieren. Herrschte bis vor kurzem noch so etwas wie ein Gewaltmonopol in den Stammesgebieten, zerfällt dort die Macht. Die Zahl bewaffneter Gruppen, die unkontrolliert durchs Land ziehen, nimmt zu – auch die blutigen Kämpfe untereinander.

"Es herrscht der blanke Überlebenskampf", sagt van der Kamp. Die Banditen sehen nur noch den Sachwert ihrer Beute. Die gestohlenen Wagen werden entweder über die Grenze in den Tschad gebracht und verkauft oder zu Kampffahrzeugen umgebaut. Die Angreifer denken nicht an den größeren Schaden, den sie mit den Attacken auf Hilfsorganisationen oder Blauhelme anrichten. So zerfällt die Gesellschaft immer weiter, das Leben Hunderttausender in den Dörfern, die auf Hilfe angewiesen sind, wird noch schlimmer.

Die Welthungerhilfe hat ihre Nahrungstransporte wegen der unsicheren Lage Mitte der Woche eingestellt. "Ich kann es nicht verantworten weiterzumachen, bis einer meiner Fahrer umgebracht wird", sagt van der Kamp. Die Folgen sind gravierend: 450.000 vom Bürgerkrieg betroffene Menschen in Nord-Darfur werden zurzeit nicht mehr versorgt.

Gerade jetzt trifft dies die Bauern hart. Die karge Ernte in der Halbwüste ist fast aufgebraucht, die neue noch nicht eingefahren – Entwicklungshelfer nennen diese Übergangszeit "hunger gap", die Hunger-Lücke. Doch die Lücke könnte jetzt zum Dauerproblem werden: Strömt das Landvolk erst einmal in die Flüchtlingslager, ist es nur schwer zur Rückkehr in die Heimatdörfer zu bewegen, die Felder versanden.



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