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Attacken in Kenia: Verkohlte Tuba, kaputte Kirchen

Foto: Stringer/ AP

Gewalt in Kenia Brennende Kirchen im Urlaubsparadies

In Kenia brodelt es. Seit Tagen liefern sich Randalierer Straßenschlachten, zünden Kirchen an, töten Polizisten. Auslöser war der Mord an einem radikalen Prediger, der enge Kontakte zur somalischen Schabab-Miliz hatte.

Mombasa - Es sind Bilder, die man in Kenia so gar nicht gebrauchen kann. Gerade erst sind die Folgen der Touristen-Entführungen im September 2011 überwunden - und nun das: Mitten im Urlaubsort Mombasa fliegen erst Steine gegen Sicherheitskräfte, dann Brandsätze, schließlich eine Granate. Fünf Menschen sterben, die Lage ist höchst unübersichtlich.

Das Zentrum von Mombasa, wo sich sonst Einheimische und Touristen drängen, glich in den vergangenen Tagen einer Geisterstadt. Nur wenige Menschen waren unterwegs, zahlreiche Geschäfte aus Angst vor Übergriffen geschlossen. Schwer bewaffnete Bereitschaftspolizei, speziell ausgerüstet für den Einsatz gegen aufgebrachte Protestgruppen, lief auf den Straßen Streife.

Was war geschehen? Am Montagmittag war Aboud Rogo Mohammed in einem weißen Kleinbus auf dem Weg durch das Verkehrschaos von Mombasa gewesen. Plötzlich, so berichtet seine Witwe, sei ein Fahrzeug hinter ihnen aufgetaucht und Unbekannte hätten das Feuer auf ihren Ehemann eröffnet.

Der radikale Prediger Rogo war kein Unbekannter. Im Juli 2012 hatten ihn die Vereinten Nationen auf eine Sanktionsliste gesetzt, von diesem Zeitpunkt an galten für ihn Reisebeschränkungen. Zudem wurden zahlreiche Konten eingefroren. Der Vorwurf der Uno: Rogo habe die gefürchtete Schabab-Miliz "finanziell, materiell und logistisch unterstützt". Auch die USA verorten ihn in dem Terrornetzwerk, das vor allem in Somalia eine Schreckensherrschaft aufgebaut hat - und Anfang des Jahres mit al-Qaida fusionierte. Rogo soll einer der wichtigsten Werber für al-Schabab im Nachbarland Kenia gewesen sein.

Noch ist unklar, wer die tödlichen Schüsse auf den charismatischen Menschenfänger abgegeben hat. Die Folgen des Attentats zeigen jedoch ein besorgniserregendes Bild in dem 40-Millionen-Einwohner-Staat.

Wütender Mob in den Kirchen

Die Nachricht vom Tod Rogos verbreitete sich schnell in der Küstenstadt. Wenige Stunden nach dem Anschlag zogen Hunderte muslimische Jugendliche durch die Straßen. Bei einer bloßen Demonstration blieb es nicht lange. Die Sicherheitskräfte wurden von den meist jungen Randalierern mit Steinen, später auch mit Brandsätzen beworfen. Auf dem Höhepunkt der Gewaltwelle detonierte eine Granate in einem Lastwagen, der neue Sicherheitskräfte herbeischaffen sollte.

Der Verdacht der wütenden Demonstranten: Rogo könnte gezielt von Polizei oder Armee erschossen worden sein. "Die Polizei hat ihn des Terrorismus beschuldigt. Nun hat sie seinem Leben ein Ende gesetzt", sagte Demonstrant Suleiman Atham der Nachrichtenagentur Reuters.

Eine entgegengesetzte Theorie vertritt Polizeisprecher Charles Owino. Demnach soll al-Schabab seinen Vertreter in Kenia selbst getötet haben - um "mehr Unterstützer in der Jugend zu gewinnen".

"Das sind Attacken mit System"

Am Mittwoch meldeten die Behörden eine Beruhigung der Lage, doch die Stimmung im Land - und vor allem in der Metropole Mombasa - bleibt angespannt. Schließlich sollen voraussichtlich am 4. März 2013 ein neues Parlament und ein neuer Präsident gewählt werden. Mit Schrecken denken die Kenianer noch heute an die blutigen Ausschreitungen nach den letzten Wahlen. Mehr als 1500 Menschen kamen dabei im Dezember 2007 ums Leben.

Aus Kreisen von al-Schabab kam prompt ein Aufruf, die Wahlen zu boykottieren. "Die Muslime müssen die Sache selbst in die Hand nehmen und als Einheit gegen die Nicht-Muslime stehen", hieß es laut BBC in einer Mitteilung der Terrororganisation.

Auch wenn sich die Wut der Demonstranten vor allem gegen die Polizei richtete, steckten sie mindestens zwei Kirchen in Brand, vier weitere Gotteshäuser wurden verwüstet. Fotos zeigen verbrannte Musikinstrumente und zerstörtes Inventar.

Laut Polizei handelt es sich dabei vermutlich um impulsive Taten. Trotzdem vermutet Kenias Premier Raila Odinga hinter den Aktionen den Versuch, die Spannungen zwischen Christen und Muslimen - die in dem Land lange vergleichsweise harmonisch zusammenlebten - neu zu schüren. "Das sind Attacken mit System. Warum sollten sie sich sonst gegen Kirchen richten", so Odinga. Er erwähnte al-Schabab in seiner Stellungnahme nicht ausdrücklich, sprach aber von einer "Untergrundorganisation".

Furcht vor der Flucht der Touristen

Die radikalen Islamisten wehren sich vor allem gegen den massiven Einsatz in Somalia. Dort jagen Soldaten der kenianischen Armee seit vergangenem Jahr die Schabab-Kämpfer auf ihrem eigenen Territorium. Al-Schabab revanchiert sich mit Terroranschlägen in Kenia wie im Mai 2011, als eine Bombenexplosion in Nairobi mindestens 30 Menschen verletzte.

Internationales Aufsehen erregten die Überfälle auf ausländische Touristen im September 2011. Ein britischer Urlauber wurde getötet, mehrere Menschen aus einem Luxushotel entführt. Die Täter sollen damals aus Somalia gekommen und über ihre Opfer hergefallen sein. Sie wurden von den Behörden der Schabab zugerechnet. Gerade in den ärmeren Gebieten - und dazu zählt Mombasa trotz seines Tourismussektors - findet das Netzwerk unter der jungen muslimischen Bevölkerung immer mehr Unterstützer.

Bei den aktuellen Zwischenfällen bestand für die Touristenzentren im Norden von Mombasa keine unmittelbare Gefahr, wie das Auswärtige Amt mitteilte. Allerdings beklagen Hoteliers, dass immer wieder wichtige Zufahrtsstraßen blockiert wurden. So sei die Route zum internationalen Flughafen auf dem Höhepunkt der Proteste zeitweise unpassierbar gewesen.

Die Kenianer fürchten deshalb um eine wichtige Einnahmequelle. Nach den Entführungen 2011 hatten viele Urlauber ihre Buchungen storniert. Sollte die Schabab-Miliz in Kenia, wie mehrfach angekündigt, neue Attacken planen, rechnen Reiseveranstalter mit Einbußen. So sagte ein Hotelier in Mombasa zu Reuters: "Diese Gewalt ist sehr gefährlich für den Tourismus. Das ist gar kein gutes Signal."

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