Flüchtlinge in Kenia Heimatlos im eigenen Land

Die letzte Wahl in Kenia endete in Chaos und Gewalt. Tausende wurden getötet, Hunderttausende vertrieben, so wie Grace Wambui. Mit ihrer kleinen Gemeinde haust die Frau nun irgendwo in der Einöde - ohne Schule, ohne Arzt und ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

SPIEGEL ONLINE

Aus Kenia berichtet


Für Grace Wambui, 52, ist ein schäbiges Zelt fern der Heimat das einzige, was ihr geblieben ist. Es steht zwischen zwei Dutzend anderen Behausungen in den Badlands nahe dem Elementaita-See. Badlands nennen sie in Kenia Land, das keiner haben will. Die Erde ist hart und rissig und das Terrain liegt tief. Wenn es wenig regnet, saugt der karge Boden das Wasser sofort auf.

Zurzeit aber regnet es mehr, als der Boden fassen kann. Wenn jetzt, in der kurzen Regenzeit, abends das Wasser in den Senken steigt, müssen Grace Wambui und ihre kleine Gemeinde fliehen. Mal wieder. Dann gehen sie ins Dorf Kikopey und bitten beim Pfarrer darum, in der gemauerten Kirche schlafen zu dürfen.

Wambui ist die gewählte Sprecherin, eine Art Bürgermeisterin, allerdings in einer Gemeinde ohne Schule, ohne Polizei und ohne Arzt. Wer zu krank zum Laufen sei, erzählt Wambui, den legten die Männer auf einen Sack und trügen ihn hinüber zur Hauptstraße, die den Berg hinauf zur nächst größeren Stadt Gilgil führt.

Rund 50 Einwohner hausen in Wambuis kleiner Zeltstadt, und so wie dort leben derzeit etwa 250.000 Kenianer als Vertriebene im eigenen Land. Manche sind vor Dürre und Hunger geflohen, Wambui und Tausende andere aber sind politische Flüchtlinge. Sie sind Opfer einer kenianischen Tragödie, die bald fünf Jahre zurückliegt. Einer Tragödie, die sich bei den Wahlen im Frühjahr 2013 wiederholen könnte.

Politik für einen Stamm: Wer gewinnt, profitiert

Ende 2007 lebte Wambui in einem Slum der nordwestkenianischen Stadt Eldoret, als die Kenianer versuchten, einen neuen Präsidenten zu wählen. Die Mutter von vier Kindern machte damals Wahlkampf für Amtsinhaber Mwai Kibaki. Als Gerüchte laut wurden, dass die Wahl zugunsten von Kibaki verschoben war, gaben die Nachbarn Grace Wambui die Schuld. Aber bei Vorwürfen blieb es nicht.

Wambui ist Kenianerin, doch sie gehört auch zum Stamm der Kikuyu, und die stellten die Minderheit im multiethnischen Eldoret. Im Wahlkampf hatten die politischen Führer des Luo- und des Kalenjin-Stamms eine Allianz gegen Präsident Kibaki gebildet. Alle Seiten hämmerten ihren Anhängern ein: Wer unterliegt, muss abgeben. Wer gewinnt, profitiert. Bleibt Kibaki Präsident, werden es die Kikuyu sein. Gewinnt Oppositionsführer Raila Odinga, brechen für Luo und Kalenjin die fetten Jahre an.

Mit ihrer Stammespolitik bereiteten die Politiker den Boden für ein Massaker, das Anfang 2008 die Welt schockierte. Kenianer töteten Kenianer mit Macheten und mit Pfeil und Bogen, Banden aufgehetzter Jugendlicher aus den Slums brandschatzten und mordeten. Aus dem Safariparadies Kenia wurde ein Land am Rande des Bürgerkriegs.

Erst als der frühere Uno-Generalsekretär Kofi Annan nach einem Monat schlichtete, willigte Oppositionsführer Raila Odinga ein, unter einem Präsidenten Kibaki Premierminister zu werden. Bis dahin hatten die Unruhen mindestens 1200 Menschenleben gekostet, 600.000 Kenianer wurden heimatlos im eigenen Land.

"Meine Leute haben dort viele Kalenjin getötet"

Als in ihrem Viertel die ersten zerhackten Leichen am Straßenrand lagen, wusste Wambuis Familie, dass sie fliehen musste. Vor allem junge Männer starben, aber auch Frauen und Kinder blieben nicht verschont. Auf offener Straße wurden sie mit Steinen erschlagen, mit Macheten verstümmelt und mit Latten tot geprügelt.

Obwohl in Eldoret in der Minderheit, waren die Kikuyu in Grace Wambuis unmittelbarer Nachbarschaft in der Überzahl und das nutzten sie auch aus: "Meine Leute haben dort viele Kalenjin getötet", gibt Wambui unumwunden zu. Opfer gab es damals auf allen Seiten.

Dass Flüchtlinge wie Grace Wambui heute, über vier Jahre nach ihrer Vertreibung, noch immer kein neues Zuhause haben, ist einer der vielen unausgesprochenen Skandale Kenias. Ein ebenso großer Skandal ist, dass die meisten Mörder von damals bis heute straffrei geblieben sind.

Der letzte Hagelschauer von Mitte Oktober hat die Zeltplanen der zehn in den Badlands verstreut liegenden Lagern arg zerfetzt. In den Hütten, in die es nun hineinregnet, gackern Hühner. Ihre ehemaligen Bewohner sind bei den Nachbarn untergekrochen.

Während der Regen auf die Plane über ihrem Kopf prasselt, erklärt Wambui, wie ihre kleine Gemeinde an den einen Hektar Land gekommen ist. Wie in den benachbarten Camps, haben die Flüchtlinge ihr weniges Geld zusammengelegt, um damit den kleinen, harten Flecken Erde gekauft. Ihr großes Problem: Offiziell gibt es Familien wie die von Grace Wambui in Kenia gar nicht mehr. Sie sind keine anerkannten Vertriebenen, die Regierung behauptet, alle Opfer der Gewalt von 2007 und 2008 seien erfolgreich neu angesiedelt oder in ihre Heimat zurückgekehrt.

Unheilige Allianz der Angeklagten

Wer genau die Vertreibungen und die ethnische Gewalt der Jahre 2007 und 2008 zu verantworten hat, ist bis heute nicht geklärt. Nur dass ein Teil der Gewalt gut organisiert war, darin sind sich die Kenianer und die Anklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag (ICC), die gambische Juristin Fatou Bensouda, einig.

Gegen vier Kenianer hat der ICC deshalb die Anklage wegen indirekter Mittäterschaft an Mord, Vertreibung und Verfolgung zugelassen. Zwei von ihnen sind bei den kommenden Wahlen aussichtsreiche Aspiranten auf das höchste Staatsamt. Uhuru Kenyatta, bis Januar Kenias Finanzminister und einer der reichsten Männer des Landes, und William Ruto, Hochschulminister bis zu seinem Rauswurf wegen Korruptionsverdachts, führen derzeit gemeinsam in den meisten Umfragen.

Anfang Dezember gaben sie bekannt, als Team anzutreten, damit Kenyatta Präsident und Ruto Stellvertreter werden kann. Beiden lastet die Haager Anklage an, vor der Wahl 2007 kriminelle Banden angeheuert zu haben, die dann mordend durch die Straßen zogen. Möglich also, dass der ICC im April ein Gerichtsverfahren gegen das kenianische Staatsoberhaupt samt Vize eröffnet.

Unter diesen Vorzeichen fürchten viele Kenianer nun, ihr Land könnte bei den Wahlen in 90 Tagen erneut im Chaos versinken. Hinzu kommen Gewaltausbrüche im ganzen Land. Mehr als hundert Menschen starben bei Unruhen im Tana-River-Distrikt im August, drei Bombenanschläge in der Hauptstadt Nairobi töteten mindestens zehn Menschen binnen vier Wochen und ein Angriff paramilitärisch ausgerüsteter Viehdiebe ließ im Oktober 43 tote kenianische Polizisten zurück.

Erst sechs Millionen Wähler registriert

All diese Konflikte haben zumindest eine ethnische Komponente. Nach dem jüngsten, der somalischen Terrororganisation al-Schabab zugeschriebenen Attentat auf einen Bus mit neun Toten jagten Jugendbanden in Nairobi Somalis durch die Straßen und plünderten deren Geschäfte. Zwar gibt es zahlreiche Anti-Gewalt-Projekte in den Slums, eine neue Verfassung, sowie scharfe Gesetze gegen Volksverhetzung. In der Allianz der Angeklagten aus Kenyatta und Ruto allerdings sieht ihr ärgster Widersacher, Premierminister Raila Odinga, bereits die Rückkehr zu einer ethnisch getriebenen Politik.

Dass ihre Anklage die Wahlen beeinflussen könnte, weiß die neue ICC-Chefanklägerin Fatou Bensouda sicher, aber bislang kümmert sie das wenig. Ihre Aufgabe sei es, Gerechtigkeit für die Opfer der Vertreibungen und Morde zu erreichen, sagte Bensouda im Oktober in Nairobi. Auf ihren besonderen Wunsch sah sich Bensouda bei ihrem ersten Besuch in Kenia auch ein Vertriebenencamp an. Sie bekam ein ordentliches Lager mit anerkannten Flüchtlingen zu sehen, ihre Visite in den Lumpensiedlungen von Gilgil wurde kurzfristig vom Programm gestrichen, aus Sicherheitsgründen, wie es hieß.

Noch bis Mitte Dezember können die Kenianer sich für die Wahl im März registrieren. Von 22 Millionen Wahlberechtigten haben das bislang allerdings nur sechs Millionen getan. Wird Grace Wambui sich registrieren lassen? "Nein, ich wähle nicht", sagt die Campchefin. Die Wahlkämpferin von 2007 hat resigniert. Mit einem ausgestreckten Arm zeigt sie auf die malerische Landschaft des Rift Valleys.

Die Sonne brennt und der Wind reißt an den Plastikplanen ihrer zerlumpten Siedlung. "Ich habe einmal gewählt. Und hier sieht man, was es mir gebracht hat."

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Seite 1
diamorphin 08.12.2012
1. Leider ein weiterer Beweis...
...das "Demokratie" nicht einfach alles besser macht, sondern wenn sie hinten und vorne nicht so funktioniert wie sie sollte (nämlich mit Verhandeln und Kompromisse schmieden zwischen den einzelnen Gruppen). Erinnert mich spontan an ähnliche Fälle wie die Elfenbeinküste, wo der (abgewählte Ex-)Präsident etwa anstatt seine Wahlniederlage zu akzeptieren, einfach mal hat die Armee auffahren lassen und nur durch Intervention des Auslands von der Macht gerissen werden konnte. Aber man muss sagen, wenn die Länder es nicht schaffen zumindest nur schon innerhalb ihrer eigenen Grenzen die ethnischen Konflikte zwischen z.B. zwei Stämmen zu regeln mit friedlichen Methoden, dann wird das Land nie weit kommen. Dieses Denken und diese Stammesmentalität mag zwar nachvollziehbar sein, aber ganz ehrlich, es würde Afrika als Kontinent wahnsinnig gut tun und in eine positive Richtung gehen, wenn sie das mal einschränken versuchen, so das es zumindest ohne blutige Auseinandersetzungen (Stichwort Hutsi und Tutsi in Ruanda) abläuft.. Selbstverständlich aber ist ohnehin immer der Westen schuld, auch wenn das in dem Artikel nur wenig durchschimmerte.. auch hier kann man sagen "Der Westen ist schuld weil er damals die Grenzen gezogen hat". Ich sage vielmehr: Wenn manche Länder selbst nach einem halben Jahrhundert Unabhängigkeit da keine Fortschritte gemacht haben, ist es nicht mehr die Schuld des Westens. Freundliche Grüsse diamorphin
Ragnarrök 08.12.2012
2.
Zitat von diamorphin...das "Demokratie" nicht einfach alles besser macht, sondern wenn sie hinten und vorne nicht so funktioniert wie sie sollte (nämlich mit Verhandeln und Kompromisse schmieden zwischen den einzelnen Gruppen). Erinnert mich spontan an ähnliche Fälle wie die Elfenbeinküste, wo der (abgewählte Ex-)Präsident etwa anstatt seine Wahlniederlage zu akzeptieren, einfach mal hat die Armee auffahren lassen und nur durch Intervention des Auslands von der Macht gerissen werden konnte. Aber man muss sagen, wenn die Länder es nicht schaffen zumindest nur schon innerhalb ihrer eigenen Grenzen die ethnischen Konflikte zwischen z.B. zwei Stämmen zu regeln mit friedlichen Methoden, dann wird das Land nie weit kommen. Dieses Denken und diese Stammesmentalität mag zwar nachvollziehbar sein, aber ganz ehrlich, es würde Afrika als Kontinent wahnsinnig gut tun und in eine positive Richtung gehen, wenn sie das mal einschränken versuchen, so das es zumindest ohne blutige Auseinandersetzungen (Stichwort Hutsi und Tutsi in Ruanda) abläuft.. Selbstverständlich aber ist ohnehin immer der Westen schuld, auch wenn das in dem Artikel nur wenig durchschimmerte.. auch hier kann man sagen "Der Westen ist schuld weil er damals die Grenzen gezogen hat". Ich sage vielmehr: Wenn manche Länder selbst nach einem halben Jahrhundert Unabhängigkeit da keine Fortschritte gemacht haben, ist es nicht mehr die Schuld des Westens. Freundliche Grüsse diamorphin
Mein lieber diamorhin, das machen die in Kenia! Nachteil: Die haben 96! Minister. Halt dem Proporz geschuldet und wie viel (gewaltbereite) Menschen man auf die Straße bringt. Das "gute" daran: Die Regierung verbraucht rd. *1/4* des Staatsetats, weil die Minister (und auch Abgeordnete) ähnlich viel bekommen wie in Deutschland, bei einem öhmm "etwas" geringerem Bsp/Kopf als in Deutschland. +Bonus: Vermehrungsrate jenseits von Gut und Böse* und so tollen Ländern wie Somalia als Nachbarn (Flüchtlinge!). Das es da nicht rund läuft und die Gesamtsituation für die Normalbevölkerung eher nicht zufriedenstellend ist verwundert bei diesen Fakten (mich jedenfalls) nicht. nb. Die Grenzen wurden auch von der OAU nicht angetastet. Fazit: Multikulti klappt nur selten. *Ich meine mich zu erinnern das die in 30-40 Jahren Deutschland überholt haben werden.
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