Gewalt in Nahost Blutiger Anschlag in Jerusalem - Libyen blockiert Verurteilung

Das Attentat auf eine Jerusalemer Religionsschule war einer der schwersten Anschläge seit langem in Israel, die internationale Empörung ist groß - aber der Uno-Sicherheitsrat konnte sich nicht darauf einigen, die Bluttat offiziell zu verurteilen. Der Grund: Libyen blockierte die Entscheidung.

Jerusalem/New York - Seit mehr als einem Jahr hat Israel nicht mehr einen so schweren Anschlag erlebt: In einer Jerusalemer Religionsschule sind gestern Abend mindestens acht Jugendliche getötet worden.

Der als orthodoxer Jude verkleidete Palästinenser war in die Religionsschule Merkas Harav in der Nähe des Jerusalemer Hauptbahnhofs eingedrungen. Der mit einer Kalaschnikow und einer Pistole bewaffnete Attentäter schoss laut Augenzeugenberichten rund zehn Minuten lang um sich. Ein Offizier der israelischen Armee hörte die Schüsse, eilte zu Hilfe und erschoss den Angreifer. Nach Angaben des Polizeisprechers von Jerusalem, Aharon Franco, handelte es sich um einen Einzeltäter. Anders als zunächst von israelischen Medien berichtet, fand die Polizei keinen Sprengstoffgürtel, sondern eine Weste mit gefüllten Magazinen.

Zum Zeitpunkt des Angriffs hielten sich mehrere hundert orthodoxe Studenten im Alter von 16 bis 30 Jahren in der Schule auf. Ein israelisches Einsatzkommando stürmte nach dem Anschlag die Religionsschule. Die Suche nach einem vermuteten zweiten oder dritten Attentäter verlief ergebnislos. Die Jerusalemer Polizei errichtete weiträumig Straßensperren, um mögliche Helfershelfer zu finden.

Nach israelischen Medienangaben fuhren mindestens 50 Krankenwagen zum Anschlagsort. Viele Schüler und Schaulustige hielten sich dort auf. Die aufgebrachte Menge skandierte: "Tötet die Araber". Nach Angaben des Schulleiters David Schalem studieren in der Schule insgesamt 500 Studenten. Schalem nannte den Anschlag eine Folge einer jahrzehntelangen Kultur des Hasses unter den Arabern und einer verfehlten Politik der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern.

Der Leiter der Talmudschule, Rabbi Haim Katz, sagte, die Opfer seien zwischen 15 und 16 Jahre alt. Von den Verwundeten, offiziell sind es neun, wurden einige schwer verletzt. Die Rettungskräfte sprachen sogar von 35 Verletzten.

Der Anschlag ereignete sich in dem von orthodoxen Juden geprägten Stadtviertel Kirjat Mosche. Zu der Tat bekannte sich nach Angaben des Fernsehsenders al-Manar von der schiitischen Hisbollah-Miliz die bislang unbekannte Gruppe Kataeb Ahrar al-Dschalil ("Brigaden der freien Männer von Galiläa") - Gruppe des Märtyrers Imad Mughnija und der Märtyrer des Gaza-Streifens. Dies habe ein Sprecher dieser offenbar neuen Gruppe mitgeteilt. Der Hisbollah-Anführer Mughnija war im Februar getötet worden. Israel hatte Vorwürfe zurückgewiesen, hinter der Tat zu stecken.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte den "grausamen Angriff". Die anhaltende Gewalt gefährde den politischen Prozess zur Vereinbarung eines dauerhaften Friedensschlusses. US-Präsident George W. Bush erklärte, er habe Israels Ministerpräsident Ehud Olmert nach dem "barbarischen und boshaften Akt" in einem Telefonat seine Unterstützung zugesichert. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte in Berlin: "Der heutige Anschlag in Jerusalem erfüllt mich mit Entsetzen."

Hamas nennt Anschlag Heldentat

Trotz der internationalen Empörung konnte sich der Uno-Sicherheitsrat in einer Dringlichkeitssitzung nicht auf eine Erklärung einigen. Das 15-köpfige höchste Gremium der Vereinten Nationen ging in der Nacht nach zweistündigen Beratungen ohne Ergebnis auseinander.

Einige Mitglieder des Sicherheitsrats hätten das Attentat in Jerusalem nicht als Terroranschlag werten wollen, sagte der amtierende Präsident des Weltsicherheitsrates, der russische Uno-Botschafter Witalij Tschurkin. "Als russische Delegation bedauern wir, dass der Weltsicherheitsrat nicht in der Lage war, den Anschlag zu verurteilen", sagte Tschurkin vor Journalisten.

Auch der amerikanische Uno-Botschafter Zalmay Khalilzad zeigt sich enttäuscht. Er machte Libyen - eines der zehn nichtständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrates - für das Scheitern verantwortlich. "Diejenigen, die die Erklärung verhindert haben, tragen die Verantwortung", so Khalilzad.

Israels Uno-Botschafter Dan Gillerman griff die libysche Delegation an: "Der Weltsicherheitsrat ist von Terroristen infiltriert", sagte er vor Journalisten. Ein libyscher Diplomat hingegen erklärte, Libyen habe eine ausgewogene Formulierung gefordert, in der auch die israelischen Aktionen im Gaza-Streifen verurteilt würden.

An mehreren Orten im Gaza-Streifen sowie im Libanon kam es nach Bekanntwerden des Attentats zu spontanen Freudenkundgebungen. Die radikal-islamische Hamas sprach von einer "Heldentat". Diese sei die "normale Antwort auf die Verbrechen der Besatzungsmacht" Israel. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas verurteilte den Gewaltakt hingegen.

ffr/AFP/dpa/AP

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