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Gewalt in Nahost Syrien auf dem Weg in den Bürgerkrieg

Brutal geht Syriens Diktator Assad gegen Aufständische vor - die wehren sich nun immer heftiger, beschießen ihrerseits Soldaten des Regimes. Russlands Außenminister spricht schon von einem Bürgerkrieg.

Moskau/Damaskus - Die Situation in Syrien spitzt sich dramatisch zu, inzwischen greifen auch die Gegner von Präsident Baschar al-Assad zu den Waffen. Am Mittwoch attackierten abtrünnige Soldaten einen Posten der staatlichen Armee - nun sprach der russische Außenminister erstmals von bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen im Land.

"Wir haben Fernsehberichte gesehen, dass eine neue Einheit, die sogenannte 'Freie Syrische Armee', einen Angriff auf ein Regierungsgebäude organisiert hat. Das gleicht voll und ganz einem wahren Bürgerkrieg", sagte Sergej Lawrow am Donnerstag.

Lawrow wiederholte die russische Forderung nach Gesprächen zwischen der syrischen Führung und Regierungsgegnern, um den seit acht Monaten anhaltenden Konflikt beizulegen. Russland hat Präsident Assad aufgefordert, versprochene Reformen rasch umzusetzen. Genau wie China hatte Russland aber im vergangenen Monat im Uno-Sicherheitsrat sein Veto gegen eine Resolution eingelegt. Mit dieser hätte Assads Regierung für ihr gewaltsames Vorgehen gegen Demonstranten verurteilt werden sollen. Bei dem Aufstand gegen das Regime sind nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 3500 Menschen umgekommen.

Deserteure der syrischen Armee hatten nach Angaben der Opposition am Mittwoch eine Militäreinrichtung mit Raketen und Granaten angegriffen. Wie die örtlichen Koordinierungskomitees mitteilten, handelte es sich um ein Zentrum des Geheimdienstes des syrischen Militärs. Es sei von der "Freien Armee Syriens" attackiert worden, einer Einheit oppositioneller Streitkräfte, die im Sommer gebildet worden war.

Die "Freie Armee Syriens" hat nach eigenen Angaben inzwischen 15.000 Soldaten - jeden Tag kämen mehr hinzu, heißt es. Alle seien sie Deserteure der Regierungstruppen. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, den politischen Protest gegen Präsident Assad zu unterstützen.

Druck auf Assad wächst, Gefangene kommt frei

Assad steht zunehmend unter Druck, seit die Arabische Liga Syrien am Mittwoch ausgeschlossen und mit Wirtschaftssanktionen gedroht hatte. Vertreter Russlands und der Europäischen Union wollten am Donnerstag in Moskau über das Thema Syrien sprechen. Die Europäer haben unter anderem die Vermögenswerte von syrischen Spitzenfunktionären, Angehörigen des Assad-Clans und führenden Beamten im Sicherheitsapparat eingefroren.

Deutschland, Großbritannien und Frankreich fordern eine Uno-Resolution, in der die Menschenrechtsverletzungen durch das syrische Regime scharf verurteilt und ein sofortiges Ende der Gewalt in dem Land gefordert werden. Der deutsche Botschafter bei den Vereinten Nationen, Peter Wittig, sagte, es gebe große Unterstützung für die Resolution.

Ein erstes Anzeichen für eine Annäherung zwischen syrischer Regierung und Opposition könnte die Freilassung der bekannten syrische Psychoanalytikerin Rafah Nasched sein. Sie wurde nach mehr als zwei Monaten Haft aus dem Gefängnis entlassen. "Ich bin bei guter Gesundheit und in guter moralischer Verfassung", sagte sie am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa in Damaskus.

Diplomaten und Intellektuelle hatten nach der Festnahme der 66 Jahre alten Syrerin am 10. September eine Kampagne für ihre Freilassung gestartet. Sie war nach Angaben ihres Ehemannes am Flughafen Damaskus festgenommen worden, als sie nach Paris fliegen wollte, um ihre Tochter zu besuchen.

jok/dpa/dapd/Reuters