Gewalt in Syrien Alltag hier, Massaker dort

Syriens Diktator terrorisiert sein Volk systematisch. Assads Soldaten stürmen nur einzelne Orte, gehen dort mit unglaublicher Härte vor - überall sonst verzichten sie auf Gewalt. Die Taktik ist perfide: Im ganzen Land verbreitet sich Angst, doch die Regierung kann sich als friedliebend inszenieren.

AP

Von der türkisch-syrischen Grenze berichtet


Es soll Geisterorte geben in Syrien, entlang der Grenze zur Türkei. Leere Häuser, geschlossene Geschäfte, kaum eine Menschenseele auf der Straße. Flüchtlinge, die es in die türkische Provinz Hatay geschafft haben, beschreiben aufgeblähte Leichen auf den Straßen und Kadaver von Kühen und Ziegen. Überprüfen lassen sich diese Angaben kaum, Syrien verbietet Journalisten die Einreise. Aber ihre Berichte, Angaben von Bloggern und Informationen von Menschenrechtsorganisationen in Syrien lassen kaum Zweifel: Die Truppen von Präsident Baschar al-Assad gehen brutal gegen das eigene Volk vor.

Das Staatsfernsehen zeigt natürlich nichts davon, dort laufen Bilder, die Normalität vermitteln sollen. Und tatsächlich herrscht in den meisten Teilen des Landes genau das: Alltag. In der Hauptstadt Damaskus oder in der nordsyrischen Metropole Aleppo sei alles ruhig, berichten Einwohner. Man könne einkaufen gehen, in Cafés sitzen und sich frei bewegen. "Es ist wegen der Nachrichten nur insgesamt weniger los", sagt Sami M., ein Restaurantbesitzer in Aleppo, am Telefon. "Die Leute sind halt verunsichert und vorsichtig."

Die syrische Regierung verbreitet seit Wochen dieselbe Information: Es werde nicht auf Demonstranten geschossen, auch nicht auf Deserteure, man bekämpfe vielmehr "Islamisten", "Verbrecher", "Banditen". Viele Menschen in den ruhigen Gebieten scheinen das zu glauben, halten Berichte über marodierende Soldaten zumindest für übertrieben. Auch in der Türkei, wo inzwischen mehr als 10.000 Flüchtlinge aus Syrien angekommen sind und Tausende darauf warten, die Grenze überqueren zu dürfen, sind viele davon überzeugt, es sei alles "gar nicht so schlimm" in Syrien. Vielmehr nutzten die armen Schichten des Landes die Gelegenheit, in die Türkei zu flüchten auf der Suche nach einer besseren wirtschaftlichen Zukunft.

Es ist eine grausame, aber effektive Strategie, die das Assad-Regime anwendet: Gewalt in einigen wenigen Orten, dort aber so grausam, dass die Botschaft sich auch wirklich überall verbreitet - und ansonsten Normalität und das Beteuern, man schieße doch nicht auf die eigenen Leute. Die öffentliche Meinung zu gewinnen, ist ein großer Schritt in jedem Krieg - auch in einem Krieg gegen das eigene Volk.

Die Menschen sind vorsichtig geworden

Mit den "Säuberungen" in manchen Dörfern sollen Exempel statuiert werden. Die Botschaft lautet: Das geschieht all jenen, die sich gegen Assad, gegen Syrien wenden. Ein Menschenrechtsaktivist sagt am Telefon, die ohnehin überall mithörenden Spitzel seien jetzt noch aktiver. "Kein Mensch traut sich mehr, über die Regierung, über die eng zusammenstehende Assad-Familie oder gar über den Präsidenten selbst zu sprechen." Die Menschen seien vorsichtig geworden, weil sie nicht wüssten, was sie glauben sollten und welches Schicksal sie erwarte, wenn sie etwas Kritisches über die Lage in Syrien sagten.

Dass das Militär nicht zimperlich mit denen umgeht, die Flüchtlingen helfen, wurde am Samstag erneut deutlich: Nach Angaben von Menschenrechtlern stürmten syrische Soldaten das Dorf Bdama, nur zwei Kilometer von der Grenze zur Türkei entfernt. Mindestens sechs Panzer und 15 Truppentransporter seien in den Ort eingerückt, man habe Gewehrfeuer gehört, es seien mindestens 70 Menschen verhaftet und viele Häuser niedergebrannt worden. Der Angriff sei Rache dafür, dass die Bewohner in den vergangenen Tagen Flüchtlinge aus der Protesthochburg Dschisr al-Schughur, nur ein paar Kilometer von Bdama entfernt, mit Nahrungsmitteln versorgt hätten. Dschisr al-Schughur war vergangene Woche nach tagelanger Belagerung von der Armee eingenommen worden, Tausende Bewohner flohen.

Auch aus Städten wie Homs, Hama und aus Orten nahe der Grenze zum Irak wurde Gewalt gegen Demonstranten gemeldet. "Im Stadtzentrum von Damaskus, wo ebenfalls Menschen gegen Präsident Assad demonstrierten, blieb alles ruhig", sagte ein westlicher Diplomat. "In den umliegenden Bezirken und den Vororten ging die Armee dagegen brutal gegen die Protestierenden vor."

Assad kauft sich Loyalität

Vor allem arme Menschen protestieren gegen die Verhältnisse im Land, gegen die Ungerechtigkeit und die Unterdrückung. Daher finden die Proteste in den Randgebieten der Großstädte statt und in den armen ländlichen Gegenden. Es ist nicht auszuschließen, dass sich Demonstranten mancherorts bewaffnet haben und zurückschießen. Knapp die Hälfte der 22,5 Millionen Syrer ist unter 19 Jahre alt, die meisten Jugendlichen sehen keine Perspektive für sich. Eine echte Chance haben die Proteste nur, wenn große Teile der Mittelschicht sich an den Demonstrationen beteiligen, wenn auch sie Demokratie und ein Ende der Assad-Herrschaft fordern. Genau diese Beteiligung will Assad mit seiner gezielten Gewalt in ausgewählten armen Orten verhindern. Mit der Anhebung der Gehälter von Staatsbediensteten um 30 Prozent hat er zudem deren Loyalität erkauft.

Es gibt keine gut organisierte Opposition, und wie schwierig ein dauerhafter Erfolg ohne echte Alternative zum herrschenden Regime ist, sehen Assads Leute in Ägypten. Zudem wissen sie: Die USA haben nach dem Desaster im Irak und Afghanistan und den Problemen in Libyen kein Interesse an einem weiteren Krieg. Auch die Europäer werden sich hüten, in Syrien zu intervenieren. Russland und China lehnen eine Uno-Resolution gegen Damaskus ab. Die brutale Taktik Assads, so die Überzeugung, scheint aufzugehen.

Berichte über Verhaftungen von Rückkehrern

Jedenfalls solange Ausländer nicht mit eigenen Augen sehen, wie das Militär Proteste gegen die seit vier Jahrzehnten autokratisch regierende Assad-Familie niederschlägt. Doch die Bilder lassen sich nicht unterdrücken, immer wieder gelingt es Bloggern, Fotos und Videos zu veröffentlichen, immer wieder berichten Flüchtlinge in der Türkei unabhängig voneinander von den Gräueltaten der Soldaten. Am Sonntag wollen Kritiker von Assad vor dem Parlament in Damaskus demonstrieren.

Nach nunmehr drei Monaten zeigen die Proteste offensichtlich erstmals Wirkung: Rami Makhlouf, Hassfigur vieler Syrer, reichster Mann des Landes und Cousin des Präsidenten, erklärte, er sei bereit, auf Gewinne aus seinen Firmen zu verzichten. Assad hat zudem einen Sondergesandten nach Ankara geschickt, der versichern sollte, die Lage werde sich bald bessern - und der Flüchtlingsstrom aufhören. Die Syrer seien nur "vorübergehend" in der Türkei, versprach er. Sie könnten schon bald wieder nach Hause zurückkehren.

Viele Flüchtlinge sind verzweifelt, sie haben Teile ihrer Familien und ihr Hab und Gut in Syrien zurücklassen müssen. Manche schenkten schon an diesem Wochenende den Beteuerungen aus Damaskus Glauben, sie könnten wieder nach Hause gehen. Am Sonntag machten in der Türkei Berichte die Runde, die Rückkehrer seien bei ihrer Ankunft in Syrien verhaftet worden. Ob das stimmt und ob sie ihre Gefangenschaft lebend überstehen werden, auf diese Nachricht warten jetzt Tausende Flüchtlinge in den türkischen Lagern.

insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
tobiasflasig 19.06.2011
1. Laut ungenannten Quellen
Aus Rebellenkreisen habe ich erfahren (via Twitter) dass Assad tonnenweise Flüssigviagra eingekauft hat und dieses in das Trinkwasser seiner Schergen mixen lässt !! Es wird von systematischen Vergewaltigungen der Zivilbevölkerung berichtet ! Frauen, Männer, Omas, Opas ja selbst die Haustiere der Rebellen sind den Schergen Assads hilflos ausgeliefert ! .. und ich dachte Oberst Gadhafi wäre ein schlimmer Finger.
Doctor Feelgood 19.06.2011
2. Der Spiegel als Kriegstrommler - wie üblich!
Das gleiche Schema hat man im Falle Libyen angewandt - und was ist bei den Anschuldigungen herausgekommen - z.B. bei den angeblichen Massenvergewaltigungen? Nichts, einfach nichts - wie immer. Sicher ist höchstens eines: die syrischen Truppen werden dort schiessen, wo sie bewaffnetem Widerstand begegnen. Das wäre hierzulande auch nicht anders, wenn hier plötzlich bewaffnete "Freiheitskämpfer" ihr Unwesen trieben. Mit Sicherheit ballern die auch nicht einfach auf Unbewaffnete - das ist eher ein Privileg der israelischen Armee. Nur daß die Nato dort keine Bomben wirrft....
hanspeter.b, 19.06.2011
3. Antwort
---Zitat--- Auch in der Türkei, wo inzwischen mehr als 10.000 Flüchtlinge aus Syrien angekommen sind und Tausende darauf warten, die Grenze überqueren zu dürfen, sind viele davon überzeugt, es sei alles "gar nicht so schlimm" in Syrien. Vielmehr nutzten die armen Schichten des Landes die Gelegenheit, in die Türkei zu flüchten auf der Suche nach einer besseren wirtschaftlichen Zukunft. ---Zitatende--- Naja, das wäre nicht das erste mal. Auch nach Deutschland sind viel Libanesen und Kurden auf diese Weise eingewandert und dachten nie daran jemals wieder zurückzukehren.
wika 19.06.2011
4. Bedauerlich …
… hier einige Zitate aus dem Artikel: Es ist eine grausame, aber effektive Strategie, die das Assad-Regime anwendet: Mit den Säuberungen in manchen Dörfern sollen Exempel statuiert werden. Die USA haben nach dem Desaster im Irak und Afghanistan und den Problemen in Libyen kein Interesse an einem weiteren Krieg. Auch die Europäer werden sich hüten, in Syrien zu intervenieren. ------------------------------------- Sind eigentlich die * von den USA in Afghanistan praktizierten Präventivtötungen* (http://qpress.de/2010/07/27/praventivtoetung/) / Säuberungen / Exempel statuieren weniger unmenschlich oder gar berechtigter? Ok hier schlachtet man fremde Völker und nicht wie Assad das eigene. Kein Interesse an einem weiterem Krieg? Würde vermuten, wenn es in der Region beispielsweise Öl gäbe, statt nur verarmte Menschen, dann wäre eine Intervention wohl keine Frage. So bleibt es bei verbalen Verurteilungen und Geißelungen des Regimes. Sicher ist es richtig sich dort nicht einzumischen … wäre auch in Libyen richtig gewesen … nur eben dort eine andere Interessenlage. Viel wichtiger … auch für die Presse und die USA … wäre es weniger herumzuheucheln. Ich jedenfalls kann da keinen gravierenden Unterschied zwischen den alliierten Truppen in Afghanistan und den Mörderbanden von Assad erkennen … geht immer nur um Terroristenjagd … das Wunderrezept seit 10 Jahren nahezu aller Regierungen Gewalt und verdeckte Kriege zu rechtfertigen. Ähnlich wie unsere systemkonforme Presse wird sicherlich auch die syrische Presse diese Säuberungen als notwendige Heldentaten feiern. Gewalt ist und bleibt verkehrt, egal wer sie ausübt.
hanspeter.b, 19.06.2011
5. Neee
Zitat von wika… hier einige Zitate aus dem Artikel: Es ist eine grausame, aber effektive Strategie, die das Assad-Regime anwendet: Mit den Säuberungen in manchen Dörfern sollen Exempel statuiert werden. Die USA haben nach dem Desaster im Irak und Afghanistan und den Problemen in Libyen kein Interesse an einem weiteren Krieg. Auch die Europäer werden sich hüten, in Syrien zu intervenieren. ------------------------------------- Sind eigentlich die * von den USA in Afghanistan praktizierten Präventivtötungen* (http://qpress.de/2010/07/27/praventivtoetung/) / Säuberungen / Exempel statuieren weniger unmenschlich oder gar berechtigter? Ok hier schlachtet man fremde Völker und nicht wie Assad das eigene. Kein Interesse an einem weiterem Krieg? Würde vermuten, wenn es in der Region beispielsweise Öl gäbe, statt nur verarmte Menschen, dann wäre eine Intervention wohl keine Frage. So bleibt es bei verbalen Verurteilungen und Geißelungen des Regimes. Sicher ist es richtig sich dort nicht einzumischen … wäre auch in Libyen richtig gewesen … nur eben dort eine andere Interessenlage. Viel wichtiger … auch für die Presse und die USA … wäre es weniger herumzuheucheln. Ich jedenfalls kann da keinen gravierenden Unterschied zwischen den alliierten Truppen in Afghanistan und den Mörderbanden von Assad erkennen … geht immer nur um Terroristenjagd … das Wunderrezept seit 10 Jahren nahezu aller Regierungen Gewalt und verdeckte Kriege zu rechtfertigen. Ähnlich wie unsere systemkonforme Presse wird sicherlich auch die syrische Presse diese Säuberungen als notwendige Heldentaten feiern. Gewalt ist und bleibt verkehrt, egal wer sie ausübt.
Warum sollte man wegen Öls intervenieren? Sowohl die derzeitige Regierung als auch jede potentielle Rebellenregierung exportiert soviel Öl (zu Marktpreisen) wie sie nur kann. Was würde eine Intervention bezüglich dieses Aspektes für einen Vorteil bringen? Der Westen würde sich nur erneut dem Vorwurfs eins Kreuzzuges aussetzen und es würden neue heilige Krieger gegen uns in den Krieg ziehen.
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