Gewalt in Syrien Schwere Explosionen in Wirtschaftsmetropole Aleppo

In Syrien weiten sich die Kämpfe massiv aus, erstmals ist auch Aleppo betroffen, die zweitgrößte Stadt des Landes. Vor zwei Behördengebäuden detonierten mehrere große Sprengsätze, das Staatsfernsehen berichtet von 25 Toten und mehr als 150 Verletzten. Regime und Rebellen geben sich gegenseitig die Schuld.

AFP / Syrian TV

Beirut - In der syrischen Stadt Aleppo sind nach staatlichen Angaben mehrere große Sprengsätze detoniert, offenbar vor zwei Einrichtungen der Sicherheitskräfte. Die Nachrichtenagentur Sana meldet, die Terroranschläge hätten einem Gebäude des Militärgeheimdienstes und dem Sitz der Ordnungspolizei gegolten. Es habe mehrere "Märtyrer" gegeben. Nach Angaben des Staatsfernsehens kamen 25 Menschen ums Leben, demnach gibt es 175 Verletzte. Unter den Opfern sollen Zivilpersonen und Militärangehörige sein.

Der Hintergrund der Detonationen ist unklar: Die Staatsführung beschuldigte wie in ähnlichen vorherigen Fällen Terroristen, hinter den Explosionen zu stehen. Menschenrechtsaktivisten berichteten von insgesamt drei Explosionen, von denen sich eine in der Nähe eines Gebäudes der Sicherheitskräfte ereignet habe.

Gegner von Präsident Baschar al-Assad machten dessen Regime für die Anschläge verantwortlich. Sie erklärten unter Berufung auf Anwohner, die vor den Detonationen verdächtiges Verhalten der Sicherheitskräfte beobachtet haben wollen: "Dies ist ein weiteres schwarzes Theaterstück des Regimes." Die Regierungstruppen hätten nach den Detonationen jeweils mehrere Schüsse abgegeben, um den Eindruck zu erwecken, es habe ein Gefecht zwischen ihnen und den Terroristen stattgefunden.

Die nordsyrische Wirtschaftsmetropole Aleppo gilt als Schlüssel für den Machterhalt von Diktator Assad. Bislang war es in der zweitgrößten Stadt des Landes ruhig geblieben.

Beobachter warnen vor Katastrophe in Homs

Immer dramatischer wird die Lage auch in der Widerstandshochburg Homs. In der Stadt besetzte die Armee in der Nacht nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten ein Wohnviertel mit Panzern. Zudem durchsuche sie zahlreiche Wohnhäuser, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London mit.

Beobachter sprechen von einer Katastrophe für die Menschen in der Stadt. Homs ist abgeriegelt, Lebensmittel werden knapp, Verwundete können nur noch provisorisch versorgt werden. Aus Angst vor Verhaftungen gingen viele Verletzte nicht mehr in Krankenhäuser, sondern ließen sich in notdürftig eingerichteten Untergrundkliniken behandeln.

Die Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter meldete, in der Provinz Homs seien am Donnerstag 63 Menschen getötet worden, die geborgen und identifiziert werden konnten. Andernorts in Syrien hätten die Truppen des Regimes zwölf Zivilisten getötet.

Der Aktivist Omar Schaker sagte der Nachrichtenagentur AFP, "Raketen regnen heute ununterbrochen auf Baba Amr". In den Häusern, die unter Beschuss genommen worden seien, lägen verkohlte Leichen. Ein weiterer Aktivist sagte, Homs sei inzwischen eine "Geisterstadt". Die Aufständischen seien mit ihren Handfeuerwaffen den "Raketen des Regimes" unterlegen.

Obama: "Gewalt ist schockierend"

Die Uno-Sondergesandte für Kinder in bewaffneten Konflikten hat Syrien zu einem sofortigen Ende der Angriffe auf Minderjährige aufgerufen. Dem Blutvergießen seien bereits Hunderte Kinder zum Opfer gefallen, sagte Radhika Coomaraswamy am Donnerstag.

Die syrische Führung unter Staatschef Baschar al-Assad räumte eine Militäraktion in Homs ein, diese richte sich aber gegen "terroristische Banden", die für die Gewalt gegen Zivilisten verantwortlich seien. Auch in anderen Landesteilen gingen die Truppen am Donnerstag massiv gegen Demonstranten vor. Zugleich wurden mindestens sieben Sicherheitskräfte nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten nahe der südlichen Stadt Daraa in einem Hinterhalt getötet.

Die Vereinten Nationen prüfen derweil nach fast elf Monaten der Gewalt mit mehr als 6000 Toten die Entsendung von Beobachtern und eines Sondergesandten nach Syrien. "Wir erwägen eine gemeinsame Mission mit der Arabischen Liga", sagte Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon nach einer Tagung des Sicherheitsrates in New York. Die EU warb für härtere Sanktionen gegen die Führung in Syrien. So sollten die Konten der syrischen Zentralbank eingefroren werden, außerdem müsse man den Handel mit Diamanten, Gold und anderen Edelmetallen unterbinden.

Zahlreiche Regierungschefs brachten erneut ihre Verachtung gegenüber dem syrischen Regime zum Ausdruck: US-Präsident Barack Obama bezeichnete die Gewalt in dem Land als "schockierend". Nach einem Treffen mit Italiens Regierungschef Mario Monti in Washington sagte Obama, man müsse das "abscheuliche Blutvergießen" in Syrien beenden. Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu sagte, die internationale Gemeinschaft dürfe nicht zusehen, wie in Syrien täglich "Massaker" angerichtet würden.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich betroffen. "Die Bilder und Berichte aus Syrien wühlen mich genauso auf wie wahrscheinlich die meisten Bürger", sagte Merkel der "Passauer Neuen Presse". Um das Blutvergießen zu stoppen, macht sich Merkel gemeinsam mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy für die Gründung einer Kontaktgruppe stark.

Die Bundesregierung hatte am Donnerstag vier Mitarbeiter der syrischen Botschaft Berlin ausgewiesen, nachdem zuvor zwei mutmaßliche syrische Spione festgenommen worden waren. Die vier syrischen Diplomaten - drei Männer und eine Frau - wurden vom Auswärtigen Amt (AA) zu "unerwünschten Personen" erklärt. Sie haben drei Tage Zeit, mit ihren Familien Deutschland zu verlassen. Solche Ausweisungen sind im diplomatischen Umgang äußerst selten.

anr/Reuters/AP/dpa



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michaelslo 10.02.2012
1. Motiv?
Zitat von sysopAFPIn Syrien weiten sich die Kämpfe massiv aus, erstmals ist auch Aleppo betroffen, die zweitgrößte Stadt des Landes. Vor zwei Behördengebäuden detonierten mehrere große Sprengsätze, Regime und Rebellen geben sich gegenseitig die Schuld. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,814446,00.html
Was sollte die Regierung für ein Motiv haben, sich nun in Aleppo selbst umzubringen? Soll sie die weiße Fahne hissen und Gegner in Damaskus einziehen lassen u. die Gewaltorgien wie in Tripolis ertragen? Eher wird es so sein, dass den Aufrührern jetzt ohne UN-Legitimation jedes Mittel Recht ist, den Staat zu destabilisieren. (Handelt es sich nicht im Sprachgebrauch des Westens um Terroristen, wie in Zwickau? Da wurde doch auch ein Haus in die Luft gesprengt! Von einem Terror-Trio.) Da der Slogan "Assad mordet das eigene Volk" nicht mehr haltbar ist, sondern die syrische Armee gegen diese Umstürzler kämpft, ja kämpfen muss, versuchen diese einen mörderischen Bürgerkrieg durchzuführen. Es wäre interessant, zu erfahren, wer diese Gangster mit Waffen und Personal unterstützt.
Baikal 10.02.2012
2. Wenn Sie lesen..
Zitat von michaelsloWas sollte die Regierung für ein Motiv haben, sich nun in Aleppo selbst umzubringen? Soll sie die weiße Fahne hissen und Gegner in Damaskus einziehen lassen u. die Gewaltorgien wie in Tripolis ertragen? Eher wird es so sein, dass den Aufrührern jetzt ohne UN-Legitimation jedes Mittel Recht ist, den Staat zu destabilisieren. (Handelt es sich nicht im Sprachgebrauch des Westens um Terroristen, wie in Zwickau? Da wurde doch auch ein Haus in die Luft gesprengt! Von einem Terror-Trio.) Da der Slogan "Assad mordet das eigene Volk" nicht mehr haltbar ist, sondern die syrische Armee gegen diese Umstürzler kämpft, ja kämpfen muss, versuchen diese einen mörderischen Bürgerkrieg durchzuführen. Es wäre interessant, zu erfahren, wer diese Gangster mit Waffen und Personal unterstützt.
.. dass im bekannten englischen Revolutionsblatt "Times" gefordert wird, nun müsse es aber schnell ein Treffen zwischen Cameron, Sarkotzy und Obama zwecks Absprache einer Syrien-Strategie geben, können Sie sich Ihre Frage selbst beantworten: dieselben wie in Libyen.
vostei 10.02.2012
3. nun
Zitat von michaelsloWas sollte die Regierung für ein Motiv haben, sich nun in Aleppo selbst umzubringen? Soll sie die weiße Fahne hissen und Gegner in Damaskus einziehen lassen u. die Gewaltorgien wie in Tripolis ertragen? Eher wird es so sein, dass den Aufrührern jetzt ohne UN-Legitimation jedes Mittel Recht ist, den Staat zu destabilisieren. (Handelt es sich nicht im Sprachgebrauch des Westens um Terroristen, wie in Zwickau? Da wurde doch auch ein Haus in die Luft gesprengt! Von einem Terror-Trio.) Da der Slogan "Assad mordet das eigene Volk" nicht mehr haltbar ist, sondern die syrische Armee gegen diese Umstürzler kämpft, ja kämpfen muss, versuchen diese einen mörderischen Bürgerkrieg durchzuführen. Es wäre interessant, zu erfahren, wer diese Gangster mit Waffen und Personal unterstützt.
Bislang heißt es, es wären Desserteure, die Waffen usw mitnahmen / mitnehmen - und - es ist Assad selbst, der keine internationalen Beobachter bzw Journalisten zulässt. Noch ist er der Chef, im obliegt es für die nötige Klarheit zu sorgen.
lifeguard 10.02.2012
4.
Zitat von michaelsloWas sollte die Regierung für ein Motiv haben, sich nun in Aleppo selbst umzubringen? Soll sie die weiße Fahne hissen und Gegner in Damaskus einziehen lassen u. die Gewaltorgien wie in Tripolis ertragen? Eher wird es so sein, dass den Aufrührern jetzt ohne UN-Legitimation jedes Mittel Recht ist, den Staat zu destabilisieren. (Handelt es sich nicht im Sprachgebrauch des Westens um Terroristen, wie in Zwickau? Da wurde doch auch ein Haus in die Luft gesprengt! Von einem Terror-Trio.) Da der Slogan "Assad mordet das eigene Volk" nicht mehr haltbar ist, sondern die syrische Armee gegen diese Umstürzler kämpft, ja kämpfen muss, versuchen diese einen mörderischen Bürgerkrieg durchzuführen. Es wäre interessant, zu erfahren, wer diese Gangster mit Waffen und Personal unterstützt.
aus dem selben grund wie die anschläge in damaskus kurz vor weihnachten. wer immer dahintersteht, will einen vorwand schaffen , damit die regierung noch härter durchgreifen kann. noch nix von false-flag-operationen gehört? selbst wenn es sich , in ihren worten "nur" um aufrührer und gangster handelt, hab ich folgende frage: wieso wird eine ganze stadt belagert und besonders ein distrikt dem erdbogen gleichgemacht? da könnte man doch nur sicherheitskräfte und die polizei reinschicken und nicht panzer oder artillerie. assad nimmt tote unter der bevölkerung mind. ebenso billigend in kauf wie die aufständischen. er weiß genau, sollte sich in aleppo ein nennenswerter teil der einwohner gegen ihn wenden, hat er endgültig verloren. denn ich wage zu bezweifeln, das die armee an mehreren fronten gleichzeitig kämpfen kann
flower power 10.02.2012
5. Das hat nichts
Zitat von sysopAFPIn Syrien weiten sich die Kämpfe massiv aus, erstmals ist auch Aleppo betroffen, die zweitgrößte Stadt des Landes. Vor zwei Behördengebäuden detonierten mehrere große Sprengsätze, Regime und Rebellen geben sich gegenseitig die Schuld. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,814446,00.html
mehr mit Reformern zu tun, das sind Terroristen übelster Art Ich hoffe Assad kann der Lage Herr werden, denn diese Ganoven kann doch wirklich niemand wollen. Siehe Lybien. somit hat sich die UNO-Resolution erledigt.
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