Gewalt in Uiguren-Provinz "Die Zahl der Opfer ist erschreckend"

Für China stehen die Verantwortlichen der Unruhen in Xinjiang fest: Uiguren und Exilanten der muslimischen Minderheit. Ein typischer Reflex, sagt die China-Expertin Gudrun Wacker im SPIEGEL-ONLINE-Interview - und erklärt, warum der Westen in dem Konflikt lediglich zur Mäßigung aufrufen kann.


SPIEGEL ONLINE: Frau Wacker, in ersten Berichten zu den Ausschreitungen zwischen chinesischen Sicherheitskräften und muslimischen Uiguren in Nordwestchina ist von mindestens 140 Toten und 800 Verletzten die Rede. Welcher Konflikt spielt sich dort gerade ab?

Wacker: Der Konflikt ist schon lange latent vorhanden: Die Uiguren als ethnische Minderheit fühlen sich von den Han-Chinesen diskriminiert, ethnisch, religiös und wirtschaftlich -ausgelöst wurde der Gewaltausbruch jetzt durch den Tod zweier Uiguren nach einer Schlägerei in einer Spielzeugfabrik im südchinesischen Kanton. In Fragen der Religion wertet die chinesische Führung alles als illegal, was sich nicht in zugelassenen Kanälen bewegt und geht entsprechend dagegen vor.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das genau?

Wacker: Chinesische Behörden haben etwa in der Vergangenheit Moscheen, Koranschulen und Imame der Uiguren überprüft und gewissermaßen Säuberungsaktionen durchgeführt.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, China trägt die Verantwortung für die sich zuspitzende Lage?

Wacker: China folgt in Regionen wie Xinjiang oder Tibet einer Doppelstrategie. Zum einen geht es um wirtschaftliche Entwicklung und eine Verbesserung der Infrastruktur - dies lockt aber auch viele Han-Chinesen in die Region, birgt also neues Konfliktpotential. Zum anderen versucht die Führung in Peking alles zu unterdrücken, was sie als stabilitätsgefährdend betrachtet. Mit dieser Strategie schafft sich China möglicherweise Probleme, die es eigentlich gerade vermeiden will.

SPIEGEL ONLINE: Die chinesischen Behörden machen die Uiguren für den Ausbruch der Gewalt verantwortlich und werfen Exil-Uiguren eine Verschwörung vor. Wie glaubwürdig tritt China in dem Konflikt auf?

Wacker: Diese Reaktion Pekings folgt einem altbekannten Muster, das es in der Form schon seit 20 Jahren gibt: Bei amtlichen Meldungen aus der Uiguren-Provinz Xinjiang war früher standardmäßig von "einer handvoll Separatisten" die Rede, die von außen unterstützt beziehungsweise sogar gelenkt seien.

SPIEGEL ONLINE: Besteht die Gefahr, dass die Situation jetzt weiter eskaliert?

Wacker: Das hängt vor allem vom Vorgehen der chinesischen Sicherheitskräfte ab. Die Zahl der Opfer bei den Zusammenstößen vom Sonntag ist erschreckend. Es ist die größte ethnische Auseinandersetzung seit mehreren Jahrzehnten. So etwas hat es zuletzt, wenn überhaupt, in der Kulturrevolution gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Uigurischen Extremisten werden auch Kontakte zur Terrororganisation al-Qaida nachgesagt. Wieviel chinesische Propaganda steckt dahinter?

Wacker: Es ist schwer zu sagen, ob es Verbindungen zwischen uigurischen Extremisten und al-Qaida gibt. Denkbar sind derartige Netzwerke zumindest. China hat es mit US-Unterstützung geschafft, die Ostturekstanische Islamische Verbindung (Etim) auf die Uno-Terrorliste zu setzen - Etim ist eine Uiguren-Organisation, die sich für einen unabhängigen Staat Ostturkestan einsetzt.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Konflikt ein Fall für den Uno-Sicherheitsrat?

Wacker: Das ständige Sicherheitsratsmitglied China wird darauf eine einfache Antwort parat haben: unzulässige Einmischung in innere Angelegenheiten. Damit wäre die Angelegenheit dann erledigt. Dem Westen bleibt damit eigentlich nur der Appell zur Mäßigung.

Das Interview führte Björn Hengst

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