Gewalt in Zentralasien Kirgisien schlittert in den Bürgerkrieg

Marodierende Banden, die töten und plündern, eine machtlose Regierung: Kirgisien steht vor dem Bürgerkrieg und hat Moskau um Hilfe angerufen. Doch Russland zögert, sich in den lange schwelenden Konflikt einzumischen - aus Angst vor einem neuen Afghanistan.
Zerstörte Fahrzeuge in Dschalal-Abad: Keine Kontrolle über weite Teile des Landes

Zerstörte Fahrzeuge in Dschalal-Abad: Keine Kontrolle über weite Teile des Landes

Foto: Igor Kovalenko/ dpa

Alle Hoffnung ruht jetzt auf Moskau. Am Rande des Bürgerkriegs stehend muss die kirgisische Übergangsregierung erkennen, dass sie keine Kontrolle hat über weite Teile des eigenen Landes, vor allem im Süden. Selbst erst im April durch eine Revolution ins Amt getragen, flehen die neuen Machthaber in Bischkek nun um die Entsendung einer "dritten Kraft": Friedenstruppen, um die Konfliktparteien zu trennen. "Der Einmarsch russischer Truppen in den Süden ist wohl die einzige Möglichkeit, um dieses unfassbare Blutvergießen zu stoppen", sagt Arkadij Dubnow, russischer Zentralasien-Experte und Journalist.

Tatsächlich hat Interimspräsidentin Rosa Otunbajewa schon in Moskau Beistand ersucht, allein werde man der Lage nicht mehr Herr. Es ist das Eingeständnis einer gefährlichen Schwäche: Otunbajewas Regierung in Bischkek im Norden hat keinen Rückhalt und wortwörtlich kaum eigene Truppen im Landessüden.

Mindestens 170 Menschen sind nach offiziellen Angaben aus Kirgisien schon jetzt bei den Auseinandersetzungen in der Stadt Osch und anderswo im Fergana-Tal ums Leben gekommen. Vertreter der usbekischen Minderheit sprechen gar von mehr als 700 Toten. Lange Flüchtlingstrecks ziehen zu den Grenzen. Mindestens 100.000 Menschen sind auf der Flucht vor marodierenden Banden, die plündernd und mordend durch usbekische Siedlungen ziehen. Kirgisien steht am Rande des Bürgerkriegs.

"Sie bringen uns um, alle Usbeken, einen nach dem anderen", sagte die 51-jährige Rani einer Nachrichtenagentur. Auch sie ist aus ihrem Haus bei Osch geflohen. "Ich weiß nicht, was mit meinen Kindern und Enkeln passiert ist." "Wir haben viele Tote gesehen. Ich habe einen sterben sehen, dem in die Brust geschossen wurde", sagte Sijeda Achmedowa, auch sie eine Usbekin.

Werden die Unruhen von Ex-Präsident Bakijew angefacht?

International sorgt der Konflikt für Besorgnis. Der Weltsicherheitsrat hat die offene Gewalt verurteilt. Das höchste Uno-Gremium rief die Menschen in der Nacht zum Dienstag auf, Ruhe zu bewahren und zu Recht und Ordnung zurückzukehren. Es sei an der Zeit, Nahrungs- und Hilfsmittel in das Krisengebiet zu schicken, mahnte Ratspräsident Claude Heller im Namen der 15 Mitgliedsländer.

Kirgisien

Es sind die schwersten Unruhen in seit 20 Jahren. Seit Monaten kommen das Land und seine fünf Millionen Einwohner nicht zur Ruhe. Anfang April stürmten aufgebrachte Demonstranten in der Hauptstadt Bischkek und den Nordprovinzen Gebäude von Behörden und der Regierung von Ex-Präsident Kurmanbek Bakijew. Dessen Sicherheitskräfte schossen in die Menge, mehr als 70 Menschen starben. Bakijew musste dennoch türmen - und floh zunächst in den Süden des Landes, nach Dschalal-Abad, und sammelte seine Anhänger, bevor er das Land verließ.

Beobachter in Kirgisien und im Ausland schließen nicht aus, dass Bakijew selbst oder einflussreiche Personen aus seiner Umgebung die Unruhen bewusst anfachen - um das Land zu destabilisieren und Rache an der schwachen Übergangsregierung zu nehmen. "Aus der Erfahrung wissen wir, dass solche Unruhen in der Region häufig dirigiert werden", sagt Michael Laubsch von der Eurasian Transition Group.

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Kirgisien: Unruhen im Armenhaus

Foto: D. Dalton Bennett/ AP

Für Ende Juni hat Otunbajewa eine Volksabstimmung über eine neue Verfassung angesetzt, womöglich will Bakijews Lager dieses Referendum torpedieren. Sie wolle in Kirgisien ein "System von sich gegenseitig kontrollierenden Gegengewichten wie in jeder anderen normalen Demokratie" etablieren, sagt Otunbajewa. Falls das Land nicht zuvor zerbricht - oder in einem Bürgerkrieg versinkt.

1990 musste Gorbatschow Truppen schicken

Usbekistan

Tadschikistan

Usbekistan

Die Konflikte unterschiedlicher Nationalitäten, die im Süden des Landes im fruchtbaren Fergana-Tal auf engstem Raum zusammenleben, bergen seit jeher erhebliche Sprengkraft. Zehn Millionen Menschen leben in dem 300 Kilometer langen und rund hundert Kilometer breiten Tal, darunter Usbeken, Tataren, Tadschiken und Kirgisen. Einst Teil der Seidenstraße, wurde die Region vom sowjetischen Diktator Josef Stalin einst unter den zentralasiatischen Republiken , und Kirgisien per Handstreich aufgeteilt. Seither gibt es zahlreiche usbekische Enklaven in Kirgisien und umgekehrt kirgisische Gebiete in . Auch Angehörige weiterer Volksgruppen leben auf engstem Raum nebeneinander.

Schon 1990 musste Sowjetführer Michail Gorbatschow Truppen in die Region entsenden, um Pogrome gegen Usbeken zu unterbinden. Gleichwohl blieb es in den folgenden zwei Jahrzehnten relativ ruhig in der Region, trotz andauernder Streitigkeiten um Wasser und Weideland - selbst nach der sogenannten Tulpenrevolution, die Bakijew 2005 an die Macht brachte.

Nach seinem Sturz aber nahmen die Spannungen dagegen zu. Bereits im Mai kam es zu Kämpfen, Usbekistan verlegte zeitweise Panzerwagen und Spezialeinheiten in die Enklaven im Fergana-Tal. Bakijews Aufenthaltsort ist derzeit unbekannt: Zunächst hatte ihn Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko aufgenommen. Zuletzt hieß es, Bakijew, dessen Familie bis zu seiner Flucht weite Teile der kirgisischen Wirtschaft kontrollierte, sei in die Türkei gereist.

Russland scheut den erneuten Einsatz

Viel wird nun von der Reaktion der Nachbarländer und der internationalen Gemeinschaft abhängen. "Usbekistan, das immerhin über die größte Streitmacht in der Region verfügt, hat sehr besonnen reagiert", so Kirgisien-Experte Laubsch.

Russland

zögert derzeit noch, dem bedrängten Nachbarn zu Hilfe zu eilen. Man befinde sich noch im Stadium der Diskussion einer möglichen Entsendung, sagte der Chef des russischen Sicherheitsrates, Nikolai Patruschew. Bislang hat Russland lediglich zusätzliche Fallschirmjäger nach Kirgisien verlegt, um eigene Militäreinrichtungen auf der Luftwaffenbasis Kant zu sichern.

Gleichwohl könnte Moskau mit einer Mission im Fergana-Tal seinen Einfluss in der Region massiv ausweiten - und geopolitische Konkurrenten wie die USA und China übertrumpfen. Washington nutzt seit Jahren den Luftwaffenstützpunkt Manas bei Bischkek als Nachschubbasis für seine Truppen in Afghanistan und protegierte Bakijew.

Dmitrij Medwedew

Für Russland wäre der Einsatz allerdings auch mit erheblichen Risiken verbunden. Präsident , der bereits vor Wochen warnte, Kirgisien dürfe kein "zweites Afghanistan" werden, fürchtet, russische Friedenstruppen könnten bei einem Einsatz bald zwischen die Fronten geraten - und selbst zur Zielscheibe werden.

Schon im Mai hatten Plünderer in Dschalal-Abad Reportern aus Moskau zugerufen: "Misch Dich nicht ein, Russkij, das ist unser Krieg mit den Usbeken."

Mit Material von dpa, apn und AFP
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