Gewaltausbruch in Kabul Uno-Mitarbeiter verschanzen sich in Bunkern

Tausende aufgebrachter Menschen wüten in Kabul. Unter Parolen wie "Tod Amerika! Tod Karzai!" ziehen sie zum Botschaftsviertel. Uno-Mitarbeiter suchen in Bunkern Schutz. Der Auslöser: Ein Verkehrsunfall unter Beteiligung US-amerikanischer Militärfahrzeuge.


Kabul - Es scheint der berühmte Tropfen gewesen zu sein, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Wenig ist bislang von den heutigen Meldungen aus Kabul gesichert. Fest steht, dass es am Morgen zu einem Verkehrsunfall in der afghanischen Hauptstadt zwischen einem US-Konvoi und afghanischen Zivilfahrzeugen kam. Die Empörung soll sich aufgeschaukelt haben, als die US-Soldaten sich nicht um mögliche Opfer des Unfalls kümmerten. Laut Augenzeugen wollen sie einfach wegfahren.

Es flogen die ersten Steine, dann folgten Schüsse. Plötzlich skandierte die anwachsende Menge "Nieder mit Amerika". Eine Polizeiwache und mehrere Polizeifahrzeuge wurden in Brand gesteckt. Als sich am Ort des Unfalls immer mehr Menschen zusammenfanden, sollen sich die US-Soldaten mit Schüssen in die Luft gewehrt haben. Dann sollen sie Agenturberichten zufolge auch in die Menge gefeuert haben. Über der Stadt stiegen Rauchwolken auf, Randalierer warfen Steine, Läden wurden geschlossen, Menschen flohen von den Straßen.

Die Berichte widersprechen sich in der Angabe der Zahl der Opfer und wer tatsächlich geschossen hat. Während AFP vom Tod von mindestens vier Zivilisten berichtet, zählte AP drei Tote. Mindestens 20 Menschen seien bei den Unruhen ums Leben gekommen, meldete hingegen die afghanische Nachrichtenagentur Pajhwok. Am Nachmittag gab dann das afghanische Gesundheitsministerium die Anzahl der Opfer mit acht Toten und 107 Verletzten an. Nach Polizeiangaben wurden die Schüsse von afghanischen Soldaten abgegeben. Ein AP-Reporter will beobachtet haben, dass zehn afghanische Soldaten Schüsse abfeuerten, die US-Soldaten hätten zu dem Zeitpunkt bereits den Unfallort verlassen.

Ein dpa-Reporter vor Ort sagte, möglicherweise seien Dutzende Menschen getötet oder verletzt worden. Die aufgebrachte Menge soll versucht haben auch seinen Wagen anzugreifen, als er sich dem Unfallort näherte.

Derzeit versuchen rund tausend aufgebrachte Demonstranten, in das Botschaftsviertel zu gelangen. Sie versammelten sich vor der britischen Botschaft, berichtet ein AFP-Reporter. Soldaten blockierten die Zufahrtsstraßen zu dem Viertel und hielten die Menge zurück. Dann waren Schüsse aus Maschinengewehren zu hören und die Demonstranten riefen: "Tod Amerika, Tod Karzai, Tod der Polizei".

Die Uno beorderte ihr Personal in Kabul inzwischen in Bunker oder sichere Gebiete und erklärte die Innenstadt zur verbotenen Zone. Uno-Sprecher Adrian Edwards sagte: "Es ist klar, dass eine Tragödie passiert ist." Er rief zur Ruhe auf. Im Botschaftsviertel Wasir Akbar Chan liegen die meisten ausländischen Botschaften und die Büros internationaler Organisationen.

50 Taliban bei US-Luftangriff auf Moschee getötet

Auch der US-Stützpunkt in der Region wurde nach Angaben des Nachrichtensenders CNN in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Ein Sprecher der US-Streitkräfte bestätigte, dass US-Soldaten in den Unfall verwickelt gewesen seien. Doch gebe es keine Hinweise, dass diese auf Demonstranten geschossen haben. Es werde ermittelt.

Auch im Stadtviertel Schar-i-Nau gingen rund tausend Menschen auf die Straße. Sie setzten eine Polizeiwache in Brand und zündeten ein Bild von Präsident Hamid Karzai an, berichtete ein AFP-Fotograf. Den Angaben zufolge waren auch im Süden der Stadt Schüsse zu hören; dort befinden sich unter anderem das afghanische Bildungsministerium und ein Luxushotel.

Zudem wurden bei einem US-geführten Luftangriff auf eine Moschee in Afghanistan offiziellen Angaben zufolge am Montag mehr als 50 Taliban-Kämpfer getötet. Unter den Toten seien mehrere Anführer der Gruppe, sagte der stellvertretende Gouverneur der südafghanischen Provinz Helmand.

"Die Taliban trafen sich in einer Moschee, als es zu dem Bombardement kam", sagte Amit Mohammed Achundsada. Die US-geführten Truppen waren zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

lan/dpa/AP/AFP/Reuters



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