Gewaltwelle in Südafrika Kapstadts Polizei kann den Mob nicht stoppen

Plünderungen, Häuser in Flammen, überfüllte Notquartiere: Die beispiellose Gewaltwelle gegen illegale Einwanderer in Südafrika erschüttert jetzt auch Kapstadt. Selbst ein Versöhnungstreffen endet in einer brutalen Prügelei. Die Polizei setzt Gummigeschosse ein.

Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt


Es hat alles nichts genützt: Die Provinzregierung und die Stadt Kapstadt hatten an den sozialen Brennpunkten rund um die Drei-Millionen-Metropole vorsichtshalber schon am Donnerstag ein massives Polizeiaufgebot aufmarschieren lassen. Ein permanent tagender Krisenstab beobachtete die immer angespannter werdende Lage. Eine Hotline wurde geschaltet, auf der ausländerfeindliche Ausschreitungen gemeldet werden konnten. Doch der Funke, der auch in Südafrikas zweitgrößter Stadt zur Explosion führte, kam unerwartet.

Eigentlich hatte alles ganz friedlich begonnen. Die ANC-Abgeordnete Lumka Yengeni hatte die Bewohner der Armensiedlung Du Noon am Freitagabend in die Turnhalle der Sophakama Schule eingeladen. "Ich wollte die dort lebenden Südafrikaner und die Ausländer aus anderen afrikanischen Staaten dazu aufrufen, sich friedlich zu verhalten und ihnen ein Gemeinschaftsgefühl geben," sagte die sichtlich erschütterte Politikerin am Tag danach.

Über tausend Menschen hatten sich versammelt. Die Turnhalle war viel zu klein für diesen Ansturm. Die Unruhe wuchs. Plötzlich der Schreckensschrei eines Somaliers: "Sie haben meinen Bruder." Die Polizei brachte die ANC-Abgeordnete sofort in Sicherheit. Es kam zu ersten Auseinandersetzungen. In der Nacht entlud sich dann die Gewalt: Hunderte flohen vor dem brutalen Mob, Läden und Häuser gingen in Flammen auf, es wurde geplündert und geprügelt.

Die "Nacht der Schande" am Kap

Wie in anderen Provinzen in den vergangenen zehn Tagen griffen die Unruhen schnell auf andere Elendsviertel Kapstadts und der Kaphalbinsel über. Kaum hatte die Polizei einen Unruheherd unter Kontrolle, rottete sich der Mob an einer anderen Ecke zusammen, um wieder loszuschlagen. Die Polizei zielte mit Gummigeschossen auf die plündernde Menge.

Die Bilanz am Freitag: Ein Somalier wurde umgebracht, über 400 Menschen flüchteten in Polizeistationen und Gemeindehallen. Auf der Killarney-Rennbahn, wo sonst sogenannte "Drag Races" gefahren werden, sind Notunterkünfte eingerichtet worden. Mehrere hundert Ausländer – vor allem Somalier, Simbabwer und Malawier – haben dort Zuflucht gefunden und wurden mit Decken, Kleidung und warmen Mahlzeiten versorgt.

40 vermutliche Plünderer und Gewalttäter sind nach Polizeiangaben festgenommen worden. Ein Sprecher der Stadtverwaltung erklärte, wegen der angespannten Lage solle auch in Kapstadt Militär eingesetzt werden. Die Kapstädter Abendzeitung "Cape Argus" titelte am Freitag: "Die Nacht der Schande".

Bilanz der Pogrome - 50 Todesopfer

In der Provinz Gauteng, wo die Unruhen vor fast zwei Wochen ausbrachen, ist die südafrikanische Armee inzwischen massiv präsent. Militärhubschrauber kreisen über den betroffenen Stadtvierteln, das 21. Afrikanische Infanteriebataillon patrouilliert gemeinsam mit der Polizei durch die Straßen. Die Regierung hat damit begonnen, erste Flüchtlingslager einzurichten.

Sicherheitsminister Charles Nqakula kündigte an, dass in Johannesburg, Ekurhuleni und anderen Städten für die 25.000 Menschen, die während der Unruhen ihr Hab und Gut sowie ihre Wohnungen verloren haben, schnell provisorische Notunterkünfte entstehen sollen. Bisher haben die Opfer vor allem in Polizeistationen, Stadthallen und Kirchen ein vorläufiges Obdach gefunden. Das Rote Kreuz und Hilfsorganisationen versorgen sie mit Essen und Kleidung.

Vor der anglikanischen St. Anton-Kirche in Reiger Park bei Johannesburg stehen Medienberichten zufolge inzwischen Hunderte von Malawiern, Mosambikanern und Simbabwern Schlange. Sie wollen sich dort registrieren lassen. Vor allem aber wollen sie sich die Fingerabdrücke abnehmen lassen, damit sie identifiziert werden können, wenn sie bei weiteren Ausschreitungen getötet werden sollten. Namen und Fingerabdrücke sollen dann in einer Datenbank gespeichert werden. Die Pogrome haben bisher schon fast 50 Todesopfer gefordert.

Hilflose Appelle, ungehörte Mahnungen

Unterdessen geht auch die Massenflucht aus Südafrika weiter. Am Grenzübergang Ressano Garcia wurden bis Freitag über 10.000 Mosambikaner gezählt, die vor der ausländerfeindlichen Gewalt in ihrem Gastland in ihre Heimat zurückflohen. Die meisten haben bei der Flucht vor dem Mob ihren ganzen Besitz zurücklassen müssen. Ihre Unterkünfte sind niedergebrannt. Die Regierung in Maputo hat angekündigt, dass sie die Rückkehrer mit allem Notwendigen versorgen werde.

Außenminister Oldemiro Baloi sagte, wahrscheinlich brauchten die verzweifelten Menschen aber nicht nur materielle Hilfe, sondern auch psychologischen Beistand. Wenn die Krise erst überstanden sei, müssten sie sich entscheiden, ob sie sich wieder in ihrer Heimat ansiedeln oder nach Südafrika zurückkehren wollen. "Für uns kommt es darauf an, dass alle besonnen reagieren, damit es nicht zu irgendwelchen Racheakten kommt, die dann schwerwiegende Folgen haben könnten", mahnte der Außenminister.

Der für die Geheimdienste zuständige südafrikanische Minister Ronnie Kasrils hat unterdessen angekündigt, seine Regierung werde die Ursachen der Gewaltwelle in Zukunft besser bekämpfen. "Wir müssen unsere Anstrengungen verstärken, die Armut zu beseitigen und unsere Hausbau- und Hilfsprogramme zu verstärken," sagte er bei einer Pressekonferenz. "Vor allem aber müssen wir unser Volk zu mehr Toleranz erziehen."



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