Gewaltwelle Indien verzweifelt an der Kaschmir-Krise

Sie wurden totgeprügelt, erschossen, von Bomben zerfetzt: In der Krisenregion Kaschmir sind seit Juni Dutzende Demonstranten bei Zusammenstößen mit indischen Soldaten umgekommen. Der Tod eines 17-Jährigen sorgt für eine dramatische Eskalation des Dauerkonflikts.

DPA

Von , Islamabad


Junge Männer laufen durch den Ort Mendhar, sie halten Plakate in den Händen, manche auch Steine. Polizisten rufen, sie sollten gefälligst von der Straße verschwinden, es gelte eine Ausgangssperre. Die Männer hören nicht darauf. Stattdessen brüllen sie: "Wir wollen Freiheit!" Dann werfen sie Steine auf die Sicherheitskräfte. Die Uniformierten schießen zurück, mit Tränengas und Gummigeschossen. Ein paar Polizisten laufen mit Schlagstöcken auf die Demonstranten zu.

Am Ende sind am Mittwochnachmittag mindestens vier Menschen tot.

Es sind die letzten Opfer einer Welle der Gewalt im indischen Teil Kaschmirs. Auslöser der Krise ist der Tod von Tufail Ahmad Mattoo. Am 11. Juni wurde der Schüler in Srinagar, Sommerhauptstadt des indischen Bundesstaates Jammu und Kaschmir, auf dem Weg nach Hause vom Unterricht getötet. Proteste und Reibereien mit den Sicherheitskräften war der 17-Jährige gewohnt, deshalb dachte er sich nichts dabei, als er in eine Gruppe von Randalierern geriet.

Plötzlich krachte es, Mattoo lag am Boden, er blutete stark am Kopf. Eine Tränengasgranate hatte ihn getroffen. Augenzeugen sagten später, die Polizei habe gezielt auf ihn geschossen. Mattoo erlag seinen Verletzungen. Die indische Regierung räumte gegenüber dem Parlament schriftlich ein, dass der Schüler von der Polizei getötet wurde.

Tufail Ahmad Mattoo ist für viele Kaschmiris ein Märtyrer

Seit dem Tod von Mattoo ist Kaschmir im Ausnahmezustand. Der getötete Schüler ist für viele Kaschmiris ein Märtyrer, ein Symbol für die Unterdrückung des überwiegend muslimischen kaschmirischen Volkes durch die indischen Soldaten. Seit mehr als drei Monaten kommt es täglich zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten, bis Mittwoch sind 87 Menschen ums Leben gekommen - erschossen, totgeprügelt, von Bomben zerfetzt.

Es sind Menschen, die ein unabhängiges Kaschmir fordern, aber auch Kaschmiris, die nur einen Abzug der indischen Streitkräfte verlangen. Befragungen haben ergeben,

  • dass 43 Prozent der Menschen in Indien eine Besatzungsmacht sehen und für ein eigenständiges Kaschmir stimmen würden,
  • 15 Prozent für einen Anschluss an das islamische Pakistan sind
  • und sich gut 20 Prozent für einen Verbleib bei Indien aussprechen - die meisten von ihnen jedoch nur unter der Bedingung, dass die massive Truppenpräsenz abgebaut wird.

Eine Volksabstimmung, wie sie der Weltsicherheitsrat der Uno seit 1948 per Resolution fordert, lehnt Indien strikt ab. Seit Ende der achtziger Jahre sind Schätzungen zufolge bis zu 90.000 Zivilisten getötet worden. In Kaschmir wächst eine Generation heran, die Kontrollen auf den Straßen, Hausdurchsuchungen und ruppigen Umgang der Soldaten und Polizisten mit der Bevölkerung gewohnt ist. Eine Generation, die sich jetzt wehrt, die gehört werden will, notfalls mit Gewalt.

Auch Soldaten und Polizisten haben Angst

Die Proteste haben sich diesmal von Srinagar auf die gesamte Provinz ausgebreitet. Ein Video sorgte für eine neue Protestwelle, daran konnte auch die Mitteilung der Behörden nichts ändern, sie würden die Echtheit des Videos anzweifeln. Auf den Bildern ist zu sehen, wie Uniformierte nackte Männer wie Vieh mit Stöcken durch ein Dorf treiben. Sie brüllen die Gefangenen an, sie sollten gefälligst ihre Hände hochhalten, damit jeder ihre Geschlechtsteile sehen könne.

Als ein Bericht über einen Mann die Runde machte, der in den USA einen Koran zerriss, griffen wütende junge Männer etwa 180 Kilometer südwestlich von Srinagar eine christliche Schule an, warfen Steine und brannten sie anschließend nieder. In dem Gebäude wurde niemand verletzt, da der Unterricht wegen der Ausgangssperre seit Monaten nicht stattfindet. Doch bei anschließenden Zusammenstößen starben am Montag 18 Demonstranten und ein Polizist.

Auch unter den Soldaten und Polizisten macht sich Angst breit. Sie fürchten, jederzeit angegriffen zu werden - und reagieren entsprechend rücksichtslos. Wer die Ausgangssperre missachtet, gilt als potentielle Bedrohung, Menschen auf den Straßen müssen damit rechnen, gestoppt, verhaftet, womöglich gar beschossen zu werden. Junge Soldaten, die aus Indien hierher versetzt werden, erzählen, der Einsatz in Kaschmir sei für die meisten "keine Wunschverwendung". Omar Abdullah, der Chefminister von Kaschmir, sagt, seine Provinz sei erneut in einem "Kreislauf der Gewalt" gefangen.

Krisengipfel in Neu-Delhi

Kaschmir ist auch international ein Dauerkonflikt: Seit Jahrzehnten streiten sich Pakistan und Indien um diese Region. Als die britische Kolonialmacht Indien 1947 in die Unabhängigkeit entließ und der Staat Pakistan als Heimstätte für die Muslime des Subkontinents entstand, entschied sich der hinduistische Herrscher im Fürstenstaat Kaschmir für einen Anschluss an Indien, obwohl die Bevölkerung mehrheitlich muslimisch war. Es kam zu einer Revolte, die das indische Militär niederschlug. Indien kontrolliert seither etwa zwei Drittel des Gebiets, das heute den Bundesstaat Jammu und Kaschmir bildet.

Zu Pakistan gehören die Regionen Gilgit-Baltistan sowie das teilautonome Azad Kaschmir, zu China der kleinste Teil mit dem Namen Aksai Chin. Indien und Pakistan haben bereits mehrere Kriege um Kaschmir geführt. 1999 standen die beiden Länder, inzwischen Atommächte, am Rande einer neuen Auseinandersetzung. Sicherheitsexperten sehen in Kaschmir daher einen der gefährlichsten Krisenherde der Welt.

Doch diesmal konzentriert sich die Gewalt im indischen Teil. Politiker aller Parteien trafen sich deshalb am Mittwoch zu einem Krisengipfel in Neu-Delhi. Vertreter aus Kaschmir verlangten vor allem eine Aufhebung eines Gesetzes, das indischen Sicherheitskräften in Kaschmir Immunität verleiht. Weil sie keine Strafe befürchten müssten, würden die Soldaten und Polizisten besonders brutal gegen Demonstranten vorgehen, lautet der Vorwurf. Konservative Politiker lehnten selbst eine Lockerung dieses Gesetzes ab.

Premierminister Manmohan Singh forderte führende Politiker auf, über Wege aus der Gewalt nachzudenken. "Ich habe es schon früher gesagt und sage es noch einmal: Der einzige Weg zu einem andauernden Frieden und zu Wohlstand in Jammu und Kaschmir ist der Weg des Dialogs und der Diskussion." Seine Regierung sei bereit, mit jeder Gruppe in Kaschmir zu sprechen, die der Gewalt abschwört.

Eine Volksabstimmung über die Zukunft, wie sie die Mehrheit der Kaschmiris seit Jahren fordert, erwähnte Singh mit keinem Wort. Nach fünf Stunden endete das Treffen ergebnislos.



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join3 16.09.2010
1. Srinagar
Zitat von sysopSie wurden tot geprügelt, erschossen, von Bomben zerfetzt: In der Krisenregion Kaschmir sind seit Juni Dutzende Demonstranten bei Zusammenstößen mit indischen Soldaten umgekommen. Der Tod eines 17-jährigen Jungen sorgt nun für eine dramatische Eskalation des Dauerkonflikts. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,717698,00.html
Kann mich erinnern, daß wir schon 1970 in Srinagar mit Steinen beworfen wurden, als wir auf dem Dal Lake paddelten. Die Teilung hat den Fremdenhass in diesem vormaligen Paradies zum Volkssport gemacht.
krane 16.09.2010
2. Ich finde eine passende Pointe dazu...
Krieg ist, wenn alte Männer reden und junge Männer sterben.
heinrichp 16.09.2010
3. Kaschmir-Krise: Chronik der Kriege
Zitat von sysopSie wurden tot geprügelt, erschossen, von Bomben zerfetzt: In der Krisenregion Kaschmir sind seit Juni Dutzende Demonstranten bei Zusammenstößen mit indischen Soldaten umgekommen. Der Tod eines 17-jährigen Jungen sorgt nun für eine dramatische Eskalation des Dauerkonflikts. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,717698,00.html
947: Das überwiegend hinduistische Indien erringt nach 200 Jahren britischer Kolonialherrschaft die Unabhängigkeit. Aus den moslemischen Gebieten im Osten und Westen entsteht das unabhängige Pakistan. 1948: Pakistan und Indien führen einen Krieg um die Region Kaschmir. In einem Waffenstillstand wird die Region entlang einer Demarkationslinie geteilt. 1965: Zweiter Krieg zwischen Pakistan und Indien um Kaschmir. 1971: Indien greift in den pakistanischen Bürgerkrieg ein, der mit der Unabhängigkeit Ostpakistans endet, dem heutigen Bangladesch. Nach dem Krieg erklären beide Seiten, die Demarkationslinie zu respektieren. 1974: Indien führt seinen ersten Atomtest durch. 1990: Indien und Pakistan befinden sich am Rand eines vierten Kriegs. Dabei geht es erneut um Kaschmir. Mai 1998: Indien testet erstmals wieder Atombomben. Pakistan reagiert mit eigenen Atomwaffentests. Mai 1999: In den Kaschmir-Regionen Kargil und Drass kommt es erneut zu Eskalationen. Auslöser ist die Besetzung eines Gebietes im indischen Teil Kaschmirs durch pakistanische Söldner mit Unterstützung der Streitkräfte.
laosichuan 16.09.2010
4. Indien vs. China
Zitat von sysopSie wurden tot geprügelt, erschossen, von Bomben zerfetzt: In der Krisenregion Kaschmir sind seit Juni Dutzende Demonstranten bei Zusammenstößen mit indischen Soldaten umgekommen. Der Tod eines 17-jährigen Jungen sorgt nun für eine dramatische Eskalation des Dauerkonflikts. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,717698,00.html
Dutzende tote Demonstranten, das gab es in China die letzten 20 Jahre nicht. In Indien ist dies nur ein Konflikt-gebiet unter vielen. Gäbe es solche Vorfälle in China, gäbe es sofort internationale Proteste, Politiker aller Parteien würden sich über die Menschenrechtsverletzungen beklagen. Warum diese Ungleichbehandlung?
iii.tempel 16.09.2010
5. Weil in Indien..
Zitat von laosichuanDutzende tote Demonstranten, das gab es in China die letzten 20 Jahre nicht. In Indien ist dies nur ein Konflikt-gebiet unter vielen. Gäbe es solche Vorfälle in China, gäbe es sofort internationale Proteste, Politiker aller Parteien würden sich über die Menschenrechtsverletzungen beklagen. Warum diese Ungleichbehandlung?
..Demonstrationen nicht per se verboten sind? Und habe Sie schon mal darüber nachgedacht, das die Anwendung von Gewalt aus Demonstrationen heraus, grundsätzlich ein Straftatbestand ist.
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