Gewerkschafter zur Katalonien-Krise "Puigdemont verrennt sich. Rajoy irrt"

Der Unabhängigkeitskampf katalanischer Separatisten verunsichert die Wirtschaft - und damit auch die Angestellten. Gewerkschaftsführer Pacheco erklärt, was seine Mitglieder am meisten fürchten.

Mittelfinger für Madrid: Demonstranten für ein unabhängiges Katalonien
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Mittelfinger für Madrid: Demonstranten für ein unabhängiges Katalonien

Ein Interview von , Barcelona


Zur Person
  • CCOO
    Javier Pacheco, Jahrgang 1970, ist Chef der größten spanischen Gewerkschaft CCOO (Confederación Sindical de Comisiones Obreras) in der Region Katalonien.

Mag sein, dass der Schlagabtausch um ein unabhängiges Katalonien für den Katalanen Carles Puigdemont und für den spanischen Premier Mariano Rajoy nur ein politisches Kräftemessen zweier Regierungschefs ist, die stark unter Druck stehen.

Die Unternehmen in Katalonien aber reagieren - wie überall bei Spannung und Unsicherheit - sehr empfindlich. Nach dem vom spanischen Verfassungsgericht verbotenen Referendum vom 1. Oktober für eine Loslösung von Spanien, haben im Oktober mehr als tausend Unternehmen ihren juristischen Firmensitz aus Katalonien hinaus wegverlegt, aus Furcht vor einer Abspaltung der nordöstlichen Region.

Bei den Beschäftigten der Firmen sorgt das für Unsicherheit. Hier erklärt ein katalanischer Gewerkschafter, wie das Ringen zwischen Madrid und Barcelona sich auf das Klima in den Unternehmen auswirkt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Pacheco, mehr als tausend Unternehmen haben ihren Sitz aus Katalonien in andere Teile Spaniens verlegen. Wie sehr verunsichert das die Arbeiter?

Pacheco: Die Menschen haben Angst. Soweit ich weiß, hat aber noch niemand seinen Job dadurch verloren.

SPIEGEL ONLINE: Was fürchten die Menschen?

Pacheco: Die Regierung in Madrid wendet außergewöhnliche Maßnahmen an, um die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens zu beenden. Viele Mitarbeiter befürchten, dass es zu einem sozialen Bruch kommt, sie haben Angst um ihre Zukunft. Wir erleben gerade die kritischsten Zeiten seit 40 Jahren. Was geschieht, verletzt die Demokratie und beeinflusst die Situation in den Unternehmen. Die Stimmung ist extrem angespannt.

SPIEGEL ONLINE: In den Firmen arbeiten nun Separatisten und ihre Gegner zusammen. Gibt es da bereits Konflikte?

Pacheco: Noch nicht, und damit es erst gar nicht so weit kommt, veranstalten wir zurzeit sehr viele Diskussionen, wir wollen, dass die Mitarbeiter miteinander und auch mit ihren Vorgesetzten über die Lage reden.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht Ihre Gewerkschaft zu den Unabhängigkeitsbestrebungen?

Pacheco: Wir sind weder für noch gegen die Unabhängigkeit, wir sind weder für noch gegen den Artikel 155. Wenn Carles Puigdemont weiter für die Unabhängigkeit kämpft, dann verrennt er sich genauso, wie sich Mariano Rajoy irrt, wenn er Puigdemont absetzen und von Madrid aus über Katalonien herrschen will. Das führt nur zu weiteren Verunsicherungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie erwarten Sie von den Kontrahenten?

Pacheco: Die Politiker sollten sich jetzt endlich zusammensetzen und eine Lösung finden, mit der alle zufrieden sind. Das hätten sie schon in den letzten Jahren tun sollen. Wir appellieren an ihre Vernunft, sie sind für uns verantwortlich.

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