Ärztemangel in Afrika Warum Dr. Normeshie nach Europa will

In Ghana werden dringend Ärzte benötigt. Dennoch verlässt inzwischen jeder zweite nach der Ausbildung das Land - vor allem aus Frust über die schlechten medizinischen Bedingungen. Was könnte den Brain Drain stoppen?
Aus Ghana berichtet Jana Sepehr
Dem Gesundheitssystem in Ghana fehlt es an finanziellen Mitteln, wie hier dem Gesundheitszentrum Anyinam

Dem Gesundheitssystem in Ghana fehlt es an finanziellen Mitteln, wie hier dem Gesundheitszentrum Anyinam

Foto: Linnéa Kviske

Der Tag, an dem Cornelius Normeshie beschloss, nicht weiter als Arzt für ein staatliches Krankenhaus in Ghana zu arbeiten, begann, mal wieder, mit einer Enttäuschung. Eine Mutter, deren Kind gerade zwei Wochen alt war, klagte über Kopfschmerzen und hohen Blutdruck.

Aber Normeshie konnte sie nicht behandeln, ihm fehlten die passenden Geräte. Also rief er einen Krankenwagen, der sollte die Frau in ein anderes Krankenhaus bringen. Der Fahrer allerdings, so erinnert sich Normeshie drei Jahre später, antwortete ihm: "Wir können nicht kommen, wir haben kein Benzin mehr."

Normeshie fasste den Entschluss, zu kündigen. Er sagt: "Nichts ist schlimmer, als zu wissen: Du könntest dem Patienten helfen, aber dir fehlen einfach die Mittel und Geräte."

Cornelius Normeshie

Cornelius Normeshie

Foto: Linnéa Kviske

Cornelius Normeshie, 31, arbeitet inzwischen als medizinischer Leiter für "Global Brigades ", eine international agierende amerikanische Organisation, die versucht, der medizinischen Unterversorgung in Ghana entgegenzuwirken. Doch nächstes Jahr möchte er auch diesen Job aufgeben und mit seiner Frau und den beiden Kindern seine Heimat Ghana verlassen.

Ghana gilt in Subsahara-Afrika als Vorzeigeland, die demokratischen Strukturen sind stabil, das Wirtschaftswachstum ist eines der höchsten der Region. Doch Cornelius Normeshie hat trotzdem genug - und viele Gründe zu gehen: der Frust über die medizinisch schlechten Bedingungen. Die Verzweiflung, die es bedeutet, immer wieder sehen zu müssen, wie Menschen deswegen sterben. Dazu kommt die schlechte Bezahlung, die grassierende Korruption. Und das Gefühl, dass der Staat sich nicht genug um seine Bürger kümmert, ihnen nicht genug bietet.

Etwa jeder zweite Arzt in Ghana verlässt nach der Ausbildung  das Land, sie sehen hier keine Zukunft für sich - obwohl sie so dringend gebraucht werden. Vielerorts kollabiert deswegen die Gesundheitsversorgung umso mehr.

Der sogenannte Brain Drain, die Abwanderung von gut ausgebildeten Köpfen, betrifft viele Länder rund um den Globus - ganz gleich, ob Schwellenland oder Industrienation. Doch weniger entwickelte Länder leiden besonders unter der Abwanderung ihrer gut ausgebildeten Fachkräfte.

Und der Trend verstärkt sich noch: Die Zahl der in Afrika ausgebildeten Ärzte etwa, die in die USA auswandern, ist zwischen 2005 und 2015 um mehr als 25 Prozent gestiegen. Blickt man nur auf Subsahara-Afrika, sind die Zahlen sogar noch extremer: Wanderten im Jahr 2005 noch 2014 Ärzte in Richtung USA aus, waren es zehn Jahre später bereits 8150.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat deshalb bereits 2010 einen Verhaltenskodex  auf den Weg gebracht, der verhindern soll, dass medizinisches Personal abwandert. Der Kodex empfiehlt, auf die Rekrutierung aus bestimmten Ländern zu verzichten. Gleichzeitig will die, etwas widersprüchlich, WHO aber die Chance und das Recht auszuwandern nicht begrenzen.

Viele Ghanaer verdienen ihr Geld auf der Straße, sie können sich die medizinische Versorgung kaum leisten

Viele Ghanaer verdienen ihr Geld auf der Straße, sie können sich die medizinische Versorgung kaum leisten

Foto: Linnéa Kviske

Auch die Regierung in Ghana versucht seit einigen Jahren, den Brain Drain einzudämmen: Mehr Ärzte wurden ausgebildet, die Gehälter von Ärzten, Krankenschwestern und Professoren angehoben.

Die Maßnahmen reichen jedoch offensichtlich noch nicht aus. Wissenschaftler sprechen von Push- und Pull-Faktoren, wenn sie beschreiben, was Auswanderer dazu bewegt, ihre Heimat zu verlassen. Vor allem das niedrige Gehalt, das hohe Arbeitspensum und die schlechten Arbeitsbedingungen seien bei vielen die Push-Faktoren, sagt Joseph Kofi Teye, Direktor des Centrums für Migrationsstudien an der University of Ghana in Accra.

"Das Arbeitspensum ist hoch, das frustriert viele. Es fehlen außerdem Geräte, und es sind einfach zu viele Patienten pro Arzt", sagt Teye. Auf einen Mediziner kommen in Ghana 5555 Patienten. Die WHO empfiehlt ein Verhältnis von eins zu 1000. In Deutschland betreut ein Arzt im Schnitt nicht einmal 250 Menschen. In Ghana verdient ein junger Arzt im ersten Jahr nach seinem Medizinstudium 4000 Cedi, rund 667 Euro - das entspricht dem Preis einer günstigen Zweizimmerwohnung im Stadtkern von Accra.

Joseph Kofi Teye

Joseph Kofi Teye

Foto: Linnéa Kviske

Gleichzeitig hat Ghana in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte gemacht. Mittlerweile zählt der westafrikanische Staat, wie etwa Indien, Tunesien und die Ukraine, zu den unteren Mitteleinkommensländern.

Doch mit zunehmendem Reichtum steigt zunächst auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Bevölkerung auswandert. Wissenschaftlern zufolge ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten, wenn Länder ein Bruttoinlandsprodukt von 8000 bis 13.000 Dollar pro Kopf aufweisen. Danach nimmt die Wahrscheinlichkeit der Migration in der Regel wieder ab.

Auch Teye hat Ghana einst verlassen, um in Großbritannien zu studieren. Als ihm die Universität in seinem Heimatland einen Job anbot, kehrte er jedoch zurück. "Es ist wichtig, dass die Regierung sich an die Diaspora im Ausland wendet und potenziellen Rückkehrern konkrete Angebote macht", sagt der Professor.

Der Arzt Cornelius Normeshie sitzt in seinem Wohnzimmer und wiegt sein vier Wochen altes Baby im Arm. Die beiden kennen sich erst seit zwei Tagen, denn Normeshies Sohn wurde in den USA geboren. Das war kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung. Normeshies Frau Ekua ist vor der Geburt in die USA geflogen hat dort allein das Kind zur Welt gebracht. So hat es die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und kann somit ohne größere Probleme in den USA oder vielen anderen Ländern leben. Und davon träumt sein Vater.

Normeshie hat Freunde in München, Birmingham und Boston. Er weiß, dass dort nicht alles einfacher wird. Und er weiß auch, dass er als Arzt in Ghana angesehen ist. "Wenn du zu den Top-fünf-Prozent deiner Generation gehörst, dann studierst du Medizin. Und wenn du fertig bist, dann weißt du: Du kannst alles schaffen, du gehörst zu den schlausten Köpfen des Landes", sagt Normeshie. Doch mit diesem Wissen steigen auch die Erwartungen an das eigene Leben.

Gut ein Drittel seiner ehemaligen Kommilitonen sei bereits ausgewandert, schätzt Normeshie. Und natürlich weiß er, dass sein Heimatland erheblich unter Ärztemangel leidet.

Cornelius Normeshie mit seinem vier Wochen alten Baby

Cornelius Normeshie mit seinem vier Wochen alten Baby

Foto: Linnéa Kviske

"Die Frage ist aber", sagt er, "was hat Ghana uns gegeben, dass wir es nicht tun sollten?"

Seth Kofi Abrokwa, 32, ist einer von denen, die bereits gegangen sind. Er schloss in Ghana sein Medizinstudium ab, doch dann passierte: nichts. "Genau wie 180 andere Ärzte in diesem Jahr saß ich zu Hause, weil die Regierung kein Geld hatte, uns einzustellen", sagt Abrokwa. "Wir schrieben Briefe, gaben Interviews im Radio und warteten monatelang darauf, endlich einen Job zu bekommen."

Nichts half. Abrokwa fühlte sich im Stich gelassen von seinem Land und bewarb sich an Universitäten in ganz Deutschland. Ein weiterführendes Studium ist für viele das Sprungbrett ins Ausland. Seit mehr als einem Jahr lebt Abrokwa nun in Berlin, studiert International Health und arbeitet als studentische Hilfskraft am Robert Koch-Institut. "Ich möchte nicht reich oder berühmt sein", sagt er. "Ich möchte etwas Sinnvolles mit meinem Leben anstellen und andere Leben verändern."

Die Abwanderung der Fachkräfte hat für Länder wie Ghana vor allem negative Folgen, doch es gibt auch positive. Denn so mancher Migrant kehrt zeitweise oder dauerhaft zurück - mit neuen Ideen, Erfahrungen und Wissen. Behörden versuchen, solche Trends zu verstärken. So hat zum Beispiel das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) Ende 2017 im Partnerland Ghana ein Beratungszentrum errichtet, um Rückkehrer bei der Job- und Wohnungssuche oder durch Kredite zu unterstützen.

Auch Abrokwa hat in seiner Heimat nicht alles aufgegeben. Südlich von Accra betreibt er mit ein paar Mitarbeitern inzwischen eine kleine Chilifarm. Derzeit versucht er, Freunde und Bekannte an Bord zu holen, die Landwirtschaft, BWL und IT studiert haben, um ein richtiges Geschäft daraus zu machen. Etwa einmal im Jahr fliegt er selbst nach Accra und sieht nach dem Rechten. "Mein Traum ist es, eines Tages wieder nach Ghana zurückzukehren", sagt Abrokwa. Dann aber nicht nur als Arzt, sondern auch als Unternehmer.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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