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Ghana: Vorzeigestaat in Westafrika

Foto: Ryan Pierse/ Getty Images

Ghanas Zukunft Die Macht des schwarzen Goldes

Ghana gilt als Vorbild in Afrika, trotz der bitteren Armut: Es gibt demokratische Wahlen und wirtschaftlichen Fortschritt. Nun wird bald erstmals Öl gefördert, und alle hoffen auf Wohlstand. Doch Kritiker fürchten, der Vorzeigestaat könne den Kampf um die Profite schon verloren haben.

Accra ist wahrlich keine Schönheit. Doch die Straßen der ghanaischen Hauptstadt sind eine echte Überraschung für den Besucher: breite vierspurige Verkehrsadern, glatter Asphalt, wenig Staus. Die Hauptstraßen von Accra machen einen besseren Eindruck als die Hamburgs nach einem langen Winter.

"Das ist der neue Präsidentenpalast", sagt der Fahrer und deutet auf ein helles geschwungenes Gebäude. Es erinnert an einen antiken Hocker. "Den haben die Inder gebaut. Aber der Präsident will nicht darin wohnen." Das liegt allerdings weniger an der Architektur als daran, dass John Atta Mills in der Planungsphase des Projektes noch mit seiner Partei National Democratic Congress (NDC) in der Opposition saß und gegen das Multimillionenbauwerk protestiert hat.

Der Sozialdemokrat Mills ist durch eine Wahl an die Macht gekommen, die internationale Beobachter als weitgehend fair und transparent einstufen. Der Urnengang im Dezember 2008 war der fünfte nacheinander im Land, der demokratischen Mindeststandards genügte. Das ist ein Grund, warum Ghana als Vorzeigeland in Afrika gilt.

Denn das politische System scheint recht stabil zu funktionieren. Das war nicht immer so, seit Ghana 1957 als erste afrikanische Kolonie in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Der erste Präsident, Kwame Nkrumah, einst umstritten und aus dem Land gejagt, wird inzwischen als Held afrikanischen Selbstbewusstseins gefeiert. Viele seiner Entscheidungen prägen das Land bis heute. Ihm folgten einige gewählte Staatschefs, aber auch Militärregierungen, die sich an die Macht geputscht hatten. Atta Mills' Vorgänger John Kufour hielt sich an die zwei in der Verfassung vorgeschriebenen Amtszeiten und trat ab - längst nicht selbstverständlich auf einem Kontinent, auf dem sich so mancher Staatslenker die Verfassung nach eigenem Gutdünken umbastelt, um seine Herrschaft zu verlängern.

Dennoch sind nicht alle zufrieden mit der Demokratie in Ghana, der Politologe Kwesi Jonah zum Beispiel. Im Prinzip sei egal, welche Partei regiere, ob Konservative (wie bis 2008) oder Sozialdemokraten (wie jetzt): "Wenn sie erst einmal an der Macht sind, sieht man keinen Unterschied mehr", schimpft er, "weil sie beide am Tropf des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank hängen". Und deren Zuwendungen sind an Auflagen gebunden. "Die Parteistrukturen sind rückständig, und es gibt keine erkennbare ideologische Linie." Bisher wählten viele Ghanaer nicht nach politischen Inhalten, sondern entsprechend ihrer ethnischen Zugehörigkeit, "das ist ein echtes Problem". Die Parteien müssten "die Menschen davon überzeugen, dass sie Verbesserungen für alle wollen, unabhängig von ihrer ethnischen Bindung", fordert der Leiter der politikwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Accra.

Geld kann im Notfall über Leben und Tod entscheiden

Einen besseren Lebensstandard wünschen sich viele in Ghana. Denn das Land ist trotz aller Fortschritte noch immer bitter arm. Bei der letzten Erhebung 2005/2006 fielen 28,6 Prozent aller Einwohner unter die Uno-Armutsgrenze: Sie müssen von weniger als einem Dollar pro Tag leben. Bei Anbruch der Dunkelheit legen sich viele Menschen in der Innenstadt von Accra am Straßenrand zum Schlafen nieder. Im Rinnstein fließen übelriechende Abwässer. Beißender Uringestank hängt in der Luft.

In den Touristengegenden an der Küste sieht es nicht anders aus. Über Cape Coast und Elmina erheben sich die steinernen Zeugnisse der Kolonialzeit, die mächtigen Festungen der einstigen Sklavenhändler. Darunter versinken ganze Viertel in Plastikmüll und Unrat.

Auf dem Land führt die Armut zu wahren Tragödien. Geld kann im Notfall über Leben und Tod entscheiden. Wie in dieser Geschichte: Eine hochschwangere Frau muss dringend ins Krankenhaus. Ihr Mann schwingt sich auf sein Fahrrad und bringt sie in eine acht Kilometer entfernte Klinik. Dort sagt man ihm, die Frau werde behandelt - aber erst nach der Zahlung von 50 ghanaischen Cedis, das sind umgerechnet gut 25 Euro. Der Mann, in Panik, rast mit seinem Rad die acht Kilometer zurück zu seinem Dorf und weckt einen Freund, Bernard Mornah. Er ist Generalsekretär der sozialistischen People's National Convention, hat ein Auto und 50 Cedis. Zusammen fahren sie im Auto zurück zu der Krankenstation und zahlen. Doch sie kommen zu spät. Die Frau stirbt, das Kind auch. "Wir brauchen eine bessere Infrastruktur, auch auf dem Land", sagt Mornah und seufzt.

Kakao, Gold - und bald Öl

Bessere Infrastruktur, moderneres Gesundheitswesen, höherer Lebensstandard, Ausbau der Landwirtschaft, Investitionen in Bildung, Wohlstand und Fortschritt für alle - das sind die nachvollziehbaren Wünsche der Ghanaer. Eigentlich wären sie zu erfüllen. Das Land ist fruchtbar und reich an Bodenschätzen. Der Export von Kakao und Gold bringt Geld ins Land.

Doch Ghana ist vor allem Exporteur von Rohstoffen und verarbeitet die Produkte in der Regel nicht selbst weiter. Der Kakao wird in Bohnenform verkauft, das Gold in Südafrika raffiniert. Das muss sich nach Ansicht von Wirtschaftsfachleuten ändern. "Wir müssen internationale Investoren ins Boot holen, um landwirtschaftliche Erzeugnisse und andere Rohstoffe weiterverarbeiten zu können", fordert Ekow Afedzie, Vizechef der ghanaischen Börse.

Sollten die düsteren Vorhersagen des Klimaexperten Chris Gordon eintreffen, dann bräche schon in wenigen Jahrzehnten ohnehin eine der beiden Exportsäulen Ghanas weg. "Ich wage zu behaupten, dass wir hier schon 2050 keinen Kakao mehr anbauen können", sagt Gordon, der an der Universität von Accra lehrt. "Die Pflanze wird den Klimawandel nicht überstehen."

Und dann?

Neue Hoffnung - und die Angst vor einem zweiten Nigeria

Seit 2007 haben die Ghanaer aber eine neue Perspektive. Vor der Küste wurden Ölfelder entdeckt. Der damalige Präsident Kufour überschlug sich beinahe vor Euphorie. "Auch ohne Öl läuft es bei uns schon ganz gut", sagte er. "Aber jetzt, mit dem Öl als Aufbaukur, werden wir abheben." Noch vor Ablauf dieses Jahres soll die Förderung beginnen, bis zu 120.000 Barrel jeden Tag. Insgesamt sollen bis zu drei Milliarden Barrel Öl in den Feldern vor der Küste liegen. Die Zukunft des Landes wird also vom Öl abhängen - oder vielmehr von dem, der davon profitiert. Und dann wird sich zeigen, was das viel gepriesene Erfolgsmodell Ghana wirklich taugt. Wie sehr sich das Land von anderen auf dem Kontinent unterscheidet.

Das Land erwartet den Beginn der Ölförderung als Segen - und fürchtet den Fluch des schwarzen Goldes zugleich. Die Hoffnung auf ein besseres Leben mischt sich mit der Angst vor Preisanstieg, Korruption und Profitgier. "Wir wollen kein Nigeria in Ghana, wir wollen kein Angola", das hört man immer wieder. Nigeria und Angola, das sind die Negativbeispiele. Vom Reichtum, den das Öl bringt, profitiert dort nur eine kleine Elite. Die Masse der Bevölkerung bleibt arm. So wie dort soll es in Ghana nicht laufen.

Doch wie lässt sich das verhindern? Die Regierung in Accra will in einem Gesetz festzurren, wohin die Gelder aus der Ölförderung fließen. Überall im Land gibt es Diskussionsrunden, in denen jeder Bürger seine Vorstellungen äußern soll. Das soll, verspricht die Regierung, in der Gesetzgebung Berücksichtigung finden.

"Das Öl muss ein Segen für uns werden"

"Die Entdeckung des Öls bedeutet für uns eine heilige Verantwortung", sagt dazu Präsident Atta Mills. "Wir müssen sicherstellen, dass Öl und Gas ein Segen für uns werden." Das neue Gesetz soll garantieren, dass einheimische Unternehmen ausreichend beteiligt werden. Doch den Großteil der Lizenzrechte haben sich bisher ausländische Firmen gesichert. Betreiber der Erschließung ist Kosmos Energy Ghana, Ableger eines texanischen Spezialisten für die Erkundung von Ölvorkommen. Daneben sind vor allem der britische Ölkonzern Tullow Oil und die US-Konkurrenz Anadarko Petroleum mit an Bord. Die Ghana National Petroleum Corporation ist laut Kosmos lediglich mit einem Zehn-Prozent-Anteil beteiligt.

Bei einer Besichtigung der Bohrinsel über dem Jubilee-Ölfeld, in dem Tullow Oil rund 800 Millionen Barrel vermutet, glaubt Vize-Präsident John Mahama, eine positive Entdeckung gemacht zu haben. Eine "ansehnliche Anzahl der Arbeiter" dort, zitiert ihn die staatseigene Zeitung "Ghanaian Times", seien Einheimische. Soll heißen: Seht her, es profitieren schon Leute aus dem eigenen Land.

Doch Börsenmann Afedzie ist pessimistisch. "Alle reden nur darüber, was das Öl an Gutem im Land bewirken soll. Aber das ist eine gigantische Illusion. Das Geld verdienen die, die es auch reinstecken", sagt Afedzie. "Und das sind ausländische Investoren."

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