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22. Januar 2012, 12:19 Uhr

Gingrich-Triumph in South Carolina

Radikal, scheinheilig - erfolgreich

Aus Charleston berichten und

Newt Gingrich hat seine Gegner in South Carolina deklassiert. Was aber bedeutet sein Traumergebnis für den Kampf um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner? Wie angeschlagen ist Mitt Romney? Die fünf wichtigsten Erkenntnisse der Wahlnacht.

Er hat das Ding gedreht. Vor einer Woche noch schien Newt Gingrich im wichtigen Vorwahlstaat South Carolina chancenlos gegen Dauer-Spitzenreiter Mitt Romney und dessen Hochglanz-Kampagne. Am Ende ist es ganz anders gekommen: Mit 40,4 Prozent und einem Vorsprung von zwölf Prozentpunkten auf Romney hat Gingrich den Konkurrenten nicht nur geschlagen sondern deklassiert. Warum? Und was bedeutet das?

Fünf Botschaften gehen von der Vorwahl in South Carolina aus.

Erstens: Charakter zählt nicht.

In Wahlkämpfen, so hieß es mal, gehe es um Charakter. South Carolina hat das widerlegt. Mit ironischem Timing: Auf den Tag genau 15 Jahre war es am Samstag nämlich her, dass das US-Repräsentantenhaus seinem Sprecher Gingrich wegen Dutzender Ethikverstöße 300.000 Dollar Strafe aufbrummte. Gingrichs Karriere versank in Schimpf und Schande.

Doch Amerika liebt zweite Chancen.

Gingrichs Gegner zerrten seine Vergangenheit zwar wieder ans Licht. Nicht nur die Sache mit der Ethik. Auch seine Sex-Affären. Seine zwei Ex-Frauen, die er verließ, als sie schwerkrank waren. Seinen Wunsch nach "offener Ehe" - ausgerechnet während er Bill Clinton wegen der Lewinsky-Affäre an den Pranger stellte. Doch in South Carolina interessierte das wenig. Gingrichs moralische Scheinheiligkeit war den Moralaposteln im "Bible Belt" ebenso egal wie Mitt Romneys unbeflecktes Großfamilienidyll. Nicht Gingrichs Verhalten sei "verachtenswert", stellte dieser in der letzten TV-Debatte unter lautem Jubel klar. Sondern die Frage danach.

Was der Rest der Amerikaner im Herbst dazu sagen wird, ist aber eine ganz andere Frage. Im direkten Vergleich zu Barack Obama, prophezeite der schwarze Bürgerrechtler Al Sharpton jetzt, werde Gingrich dastehen wie ein "schmutziges Glas neben einem sauberen".

Zweitens: Gingrich ist der Kandidat der Konservativen.

Es war ein langer Kampf um die begehrte Rolle des Anti-Romney: Welcher der vielen Konservativen im republikanischen Bewerberfeld würde es mit dem im Vergleich moderaten Dauer-Spitzenreiter Romney aufnehmen können? Jetzt ist es entschieden. Nach seinem Triumph in South Carolina wird sich Gingrich in den nächsten Vorwahlen einen Zweikampf mit Romney liefern.

Michele Bachmann, Herman Cain, Rick Perry - sie alle hatten in den vergangenen Monaten ein Umfragehoch, sie alle buhlten um Rechtsaußen, um die radikale Tea Party, um die Evangelikalen. Sie alle hatten ihren ganz eigenen Absturz. Nach seinem überraschenden Sieg in Iowa schien sich Rick Santorum plötzlich zum Darling der Erzkonservativen zu mausern, etliche Hardcore-Protestanten empfahlen die Wahl des Katholiken. Doch nun ist es Gingrich, der sich mit seinem Triumph in South Carolina durchgesetzt hat.

Es ist jetzt wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis Santorum aufgibt.

Drittens: Langer Kampf und Abschied von alten Regeln.

Drei Staaten, drei Sieger: Nach den Erfolgen von Rick Santorum (Iowa), Mitt Romney (New Hampshire) und Newt Gingrich (South Carolina) ist längst nicht klar, wer sich am Ende durchsetzen wird. Es wird ein langes Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner werden.

Noch vor kurzem schien Romney wie der sichere Herausforderer von Barack Obama, kaum einer hatte mit einer solch offenen Vorwahl-Schlacht gerechnet. Auch weitere Wahrheiten können als hinfällig gelten. Dabei lieben es doch US-Kommentatoren, Regeln für den Wahlkampf aufzustellen. Die meisten gelten seit vielen Jahren.

Zum Beispiel: Iowa hat den besten Riecher für Kandidaten (weshalb die Medien dort in Scharen einfallen). Oder: New Hampshire liebt Underdogs (weshalb die Medien dort dann als nächstes in Scharen einfallen). Oder: Der Reichste gewinnt (weshalb alle immer wieder das gleiche Klagelied auf Wahlwerbung, Fundraising und Spendengesetze anstimmen).

Der Vorwahlkampf 2012 hat diese Regeln, aus jetziger Sicht zumindest, außer Kraft gesetzt.

Iowa roch nur Romneys Schwäche richtig. New Hampshire interessierte sich wenig für Underdogs, siehe Jon Huntsman. Höchste Zeit, die traditionelle Vorwahl-Abfolge zu beenden.

Auch das mit dem Reichtum: Trotz seiner prall gefüllten Wahlkampfkasse schaffte es Romney nicht, Santorum und Gingrich auszubremsen. All die flächendeckende Wahlwerbung nutzte ihm bisher kaum: Am Ende zählte die Leistung bei den Debatten mehr - wovon auch der glücklose Rick Perry ein Lied singen kann.

Viertens: Debatten zählen.

Mehr als zwei Dutzend Mal sind die Kandidaten jetzt schon im Fernsehen gegeneinander angetreten. Sie haben sich bei CNN gemessen, bei Fox oder ABC. Sie haben in Kalifornien debattiert, in Iowa oder in South Carolina. Es ist eine Debattenflut - doch die Zuschauer werden dem TV-Kampf der Polit-Matadoren ganz und gar nicht überdrüssig. Es gilt eher das Gegenteil.

Noch nie in der Geschichte der US-Vorwahlen haben TV-Debatten eine so entscheidende Rolle gespielt wie 2011/12. Sie geben auch Kandidaten ohne Geld und Organisation die Chance zum Durchbruch.

Mancher konnte sich durch seine Auftritte in ungeahnte Höhen argumentieren, andere schossen sich regelrecht selbst ab. Unvergessen der peinliche Ooops-Moment des Rick Perry, als ihm jenes dritte Ministerium nicht mehr einfiel, das er gerne abschaffen möchte. Von dieser Schmach erholte sich der einstige Favorit nicht mehr, in der vergangenen Woche stieg er aus dem Rennen aus.

Und Newt Gingrich? Der hätte ohne TV-Debatten seinen Triumph in South Carolina vergessen können. Erstens, weil er sich ohne seine starken Auftritte in den Fernsehdiskussionen nach Implosion seiner Kampagne im Sommer kaum mehr hätte erholen können.

Zweitens, weil es die Debatten am vergangenen Montag und Donnerstag waren, die seinen Sieg in dem Südstaat ermöglichten: Gingrich machte dort Mitt Romney klein (15-Prozent-Ministeuersatz, Vergangenheit als Investmenthai) und attackierte CNN-Moderator John King, weil der seinen Job tat und kritische Fragen stellte (nach Gingrichs angeblich gewünschtem Fremdgeh-Freischein). Nach Montag und Donnerstag schmolz jeweils der Vorsprung Romneys immer weiter zusammen. Bei der Vorwahl am Samstagabend lag er dann zwölf Prozentpunkte hinter Gingrich.

Fünftens: Die Partei wird radikal.

Gingrich schürt unterschwelligen Rassismus. Er dämonisiert Arme, radikalisiert Minderheiten und zetert gegen Andersdenkende. Seine am Samstag wiederholte Parole, Obama sei ein "Lebensmittelmarken"-Präsident, schlägt in die gleiche Kerbe wie seine frühere Behauptung, Obama verfolge eine "kenianische, antikoloniale" Agenda. Gingrich weiß: Der weiße, rechte Rand ist besessen von Obamas "Andersartigkeit". Dahinter stecken fest verwurzelte Ängste, die Gingrich ausnutzt. Er "artikuliere die tiefsten Werte" Amerikas, prahlte er in seiner Siegesrede am Samstag.

Die sich davon angesprochen fühlen, haben die Wahl Obamas nie verwunden. Das hat die Republikaner auch anderweitig scharf nach rechts gerückt. Alle Kandidaten vertreten früher unhaltbare Positionen, selbst der angeblich so moderate Mitt Romney. Sie wollen Abtreibung illegal machen, die Schwulen-Ehe verbieten, Krieg gegen den Iran führen und Abermillionen Einwanderer wieder ausweisen.

Das ist, mit denselben perfiden Mitteln, nichts anderes als eine Fortsetzung der "Southern Strategy", mit der die Republikaner einst den Demokraten in den US-Südstaaten den Garaus gemacht hatten. Ob dies heutzutage aber außerhalb der Südstaaten funktioniert, ist fraglich.

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