Gipfel in Bukarest Wut auf die Nato - Putin kündigt Widerstand an

Deutlicher konnte er sein Misstrauen nicht zeigen: Kühl und berechnend protestierte Wladimir Putin beim Nato-Gipfel in Bukarest gegen die Erweiterung des Militärbündnisses. Seine Botschaft: Auch mit der neuen russischen Regierung wird es für den Westen keineswegs leichter.

Von , Bukarest


Bukarest – Den großen Auftritt hat die Nato Wladimir Putin vermasselt. Über diplomatische Kanäle hatte der Kreml angefragt, ob man nicht am letzten Tag des Gipfels in Bukarest gemeinsam eine Pressekonferenz machen wolle - mit US-Präsident George W. Bush und Jaap de Hoop Scheffer, dem Chef des Militärbündnisses.

Doch der lehnte ab. Wo solle das so liebgewonnene und stets penibel eingehaltene Nato-Drehbuch denn hinkommen, wenn in Zukunft Einzelpersonen mit ihm zusammen auf die Bühne wollten, antwortete de Hoop Scheffer. Diese Ehre gebühre ihm ganz allein.

Putin in Bukarest: "Sicherheit wird nicht auf Versprechen gebaut"
DDP

Putin in Bukarest: "Sicherheit wird nicht auf Versprechen gebaut"

Putins Diplomaten nahmen die Absage leicht verärgert entgegen. Und entwarfen einen Gegenplan. Kaum waren die versammelten Delegationen wie stets nach den Megagipfeln mehr als eilig gen Fughafen gerast, um noch am Abend wieder daheim zu sein, nahm sich Putin selbst das Podium.

Im imposanten Rundsaal "Rosetti" ließ er sich ein Rednerpult aufstellen und stellte sich fast eine ganze Stunde den Fragen der Weltpresse. Sichtlich genoss Putin diese Aufmerksamkeit. Nicht mal ein leichter Hustenreiz hielt ihn von seinen Antworten ab.

Putin wollte ein Zeichen setzen, das wurde schon nach wenigen Minuten klar. Auch wenn er als Präsident bald abtritt, wird sich das Verhältnis zur Nato und auch zu den USA nicht wirklich entspannen. Statt eines Abschieds wurde der Auftritt zum Vermächtnis, zu einer Zementierung des Putin-Kurses.

Die Warnung an die Nato setzte er gleich an den Anfang. "Das Entstehen eines mächtigen Militärblocks an unseren Grenzen würde in Russland als direkte Bedrohung der Sicherheit unseres Landes betrachtet werden", sagte er. Bei solcher Deutlichkeit verblasste die Parole "Lasst uns doch Freunde sein" ziemlich.

"Die Erklärungen sind nicht ausreichend"

Auch wenn er die geplante langfristige Aufnahme der Ukraine und Georgien in die Nato nicht direkt erwähnte, wusste jeder nun Bescheid. Zwar wurde der Beitritt der beiden Länder vertagt, doch Putin ist trotzdem verärgert.

In seiner öffentlichen Rede echauffierte er sich deutlicher als beim Treffen mit den Staatschefs. Dort war er gelassener aufgetreten, hatte keinen Streit gesucht – beobachteten jedenfalls westliche Diplomaten.

Auf dem Podium aber kam der wirkliche Putin zutage, der bewusst drastisch formulierte. "Erklärungen, dass dies keine Bedrohung für uns ist, sind nicht ausreichend", sagte er scharf. "Nationale Sicherheit wird nicht auf Versprechungen aufgebaut."

Deutlicher konnte er sein Misstrauen nicht illustrieren. Der russische Präsident wirkte kühl und berechnend. Wie ein Schauspieler hatte er in jeder Sekunde die Kontrolle über sich und darüber, was seine Worte ausdrücken sollten.

Drohte er zu hart zu werden, nahm er sich merklich zurück und versuchte es wieder mit einem Grinsen - dem Lächeln eines Machtmenschen.

Was er sagen wollte, muss wohl vor allem als eine Ankündigung verstanden werden. Auch wenn ich bald nicht mehr Präsident bin, das tönte aus dem Auftritt, wird meine bisherige Linie gegenüber dem Westen die Linie Russlands sein. Dass der von ihm ausgesuchte Nachfolger Dimitrij Medwedew Putins Kurs bedingungslos ausführt - das wird im Westen nicht bezweifelt.



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