Gipfeltreffen in Moskau Obama und Medwedew beschwören den Neubeginn

US-Präsident Obama und Russlands Staatschef Medwedew wollen die unterkühlten Beziehungen zwischen ihren Ländern neu beleben. Bei einem Treffen in Moskau kündigten sie eine verstärkte Zusammenarbeit an. Auf einen Abrüstungsplan haben sich die Politiker offenbar schon geeinigt.


Moskau - US-Präsident Barack Obama und der russische Präsident Dimitri Medwedew wollen die Beziehungen zwischen ihren beiden Ländern verbessern. Bei der Ankunft Obamas in Moskau sagte Medwedew am Montag, beide Seiten wollten eine Reihe schwieriger Kapitel aus den vergangenen Jahren schließen und "neue Seiten aufschlagen". "Wenn wir in den kommenden Tagen hart arbeiten, können wir außergewöhnliche Fortschritte erzielen", antwortete Obama.

Politiker Medwedew, Obama: "Neue Seiten aufschlagen"
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Politiker Medwedew, Obama: "Neue Seiten aufschlagen"

Die kühle Witterung nahm Medwedew zum Anlass, auf die unter Obamas Vorgänger George W. Bush zuletzt stark abgekühlten russisch-amerikanischen Beziehungen anzuspielen: "Selbst das Wetter" sei für eine Aufwärmung geeignet. "Draußen ist es kalt, also können wir drinnen ordentlich arbeiten", scherzte der Kremlchef. Es gebe jeden Grund drinnen zu bleiben, pflichtete Obama ihm bei. In Moskau wurden am Montag nur elf Grad Celsius gemessen.

Obama war gegen Mittag zu einem dreitägigen Besuch in der russischen Hauptstadt eingetroffen. Im Zentrum seines ersten Russland-Besuchs seit seinem Amtsantritt im Januar stehen Rüstungs- und Sicherheitsfragen. "Wir haben mehr Verbindendes als Trennendes", sagte Obama am Montag im Kreml zum Auftakt seiner Gespräche mit Präsident Dmitri Medwedew. Er wolle während seines zweitägigen Aufenthaltes in Moskau an die "hervorragenden Diskussionen" mit Medwedew am Rande des Weltwirtschaftsgipfels (G20) in London Anfang April anknüpfen.

Medwedew kündigte an, mit Obama Fragen der Wirtschaft, der internationalen Sicherheit und der Abrüstung zu erörtern. "Es ist mein Wunsch, diese Gespräche erfolgreich zu beenden", betonte der Kremlchef. Beide Länder wollen zudem ihre Positionen zu den Konfliktherden Iran, Afghanistan und Nordkorea aufeinander abstimmen.

Dem Vernehmen nach wollen Obama und Medwedew außerdem einen Fahrplan für einen neuen Abrüstungsvertrag unterzeichnen. Das meldeten russische Nachrichtenagenturen am Montag unter Berufung auf den stellvertretenden russischen Außenminister Sergej Ryabkow. Die Vereinbarung enthalte allerdings keine inhaltlichen Details im Hinblick auf den neuen Vertrag, wurde Ryabkow zitiert. Das Gespräch ist das erste Gipfeltreffen zwischen den beiden Politikern seit der Amtsübernahme Obamas und ist auf vier Stunden angesetzt.

Atomsprengköpfe und Soldatenschicksale

Nach Angaben aus dem Kreml sollte das vorbereitende Papier noch keine konkreten Daten, aber Zahlen erhalten. Damit könnte gemeint sein, dass sich die USA und Russland in dem Vorbereitungsdokument bereits auf eine konkrete Zahl von Atomsprengköpfen festlegen. Umstritten ist, ob nur die einsatzbereiten oder auch die eingelagerten Sprengköpfe gezählt werden. Ein Hauptstreitpunkt bei den Verhandlungen sind zudem die US-Pläne für einen Raketenschild in Osteuropa, die Russland als Bedrohung seiner Sicherheit einstuft.

Laut Angaben aus Moskau wollten Obama und Medwedew bei dem Treffen außerdem ein Abkommen unterzeichnen, das den Transit von US-Militärgütern für den Afghanistan-Einsatz über russisches Territorium regelt. Dabei gehe es vor allem um die Nutzung des russischen Luftraumes, aber auch des Landweges. Nach Angaben aus Washington soll zudem eine gemeinsame Kommission zum Schicksal von Kriegsgefangenen und verschollenen Soldaten wiederbelebt werden.

Bereits zuvor verlautete aus US-Kreisen, beide Seiten seien grundsätzlich bereit, sowohl die Zahl der atomaren Sprengköpfe als auch der Trägerraketen zu verringern. Das Thema Abrüstung steht bei Obamas Gesprächen in Moskau auf der Tagesordnung ganz oben. Es geht um eine Nachfolgeregelung für den Abrüstungsvertrag Start-I, der am 5. Dezember ausläuft.

Die US-Raketenabwehr
Das System
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Die geplante Raketenabwehr der USA (Ground-Based Missile Defense, kurz GMD) umfasst die Erfassung, Verfolgung und Zerstörung anfliegender Raketen. Die Wurzeln des Programms reichen zurück bis in die fünfziger und sechziger Jahre, als das US-Militär erste Abfangsysteme gegen anfliegende ballistische Raketen entwickelte. Die ersten Versionen ("Project Nike") besaßen eigene Nuklearsprengköpfe, da sie nicht in der Lage waren, eine feindliche Rakete zu rammen. Die Bemühungen während des Kalten Krieges gipfelten in der von Präsident Ronald Reagan initiierten "Strategic Defense Initiative" (SDI), die auch als "Krieg der Sterne" bekannt und verspottet wurde.

Ursprünglich hat sich die Raketenabwehr ausschließlich gegen nukleare Interkontinentalraketen gerichtet, umfasst aber inzwischen auch Abwehrmaßnahmen gegen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Ballistische Raketen, das Hauptziel des Abwehrsystems, sollen entweder in der Startphase, im All oder kurz nach dem Wiedereintritt in die Atmosphäre abgefangen werden.
Raketen-Flugphasen
Boost-Phase: Während der Antrieb der Rakete feuert, bietet das Geschoss ein relativ leichtes Ziel, da es von Infrarotsensoren zu erkennen ist, noch relativ langsam fliegt und keine Täuschkörper einsetzen kann. Allerdings dauert die Boost-Phase normalerweise nur drei Minuten. Für einen Treffer müsste die Abfangrakete sich nahe des Startorts befinden. Eine weitere Variante ist der Abschuss mit dem "Airborne Laser", einem Hochenergie-Laser an Bord eines Flugzeugs, der sich allerdings ebenfalls nahe am Abschussort aufhalten müsste.

Mittlere Flugphase: Nachdem der Antrieb ausgebrannt ist, fliegt die Rakete mehrere Minuten lang antriebslos durchs All. "Kill Vehicles" sollen die Rakete rammen, was allerdings schwierig ist, da das feindliche Geschoss nun mit rund 25.000 km/h unterwegs ist. Außerdem setzen moderne Gefechtsköpfe in dieser Phase Köder ("Decoys") aus - etwa metallbeschichtete Ballons, die auch in ihrer Form dem echten Sprengkopf ähneln.

Endphase: Sie beginnt, wenn das Geschoss wieder in die Atmosphäre eintritt. Der Vorteil eines Abschusses in dieser Phase ist, dass die Abfangraketen kleiner und leichter sein können als in der mittleren Flugphase und die Köderballons verschwunden sind. Allerdings hat die Atomwaffe zu diesem Zeitpunkt ihr Ziel fast erreicht, zum Abschuss bleiben nur noch Sekunden. Zudem könnte das Zielgebiet von herabfallendem radioaktiven Material verseucht werden.
Kritik
Zahlreiche Experten glauben, dass eine sichere Abwehr ballistischer Raketen prinzipiell nicht möglich ist, da der potentielle Angreifer immer einen Schritt voraus ist: Schon technisch einfache Gegenmaßnahmen wie Täuschkörper, etwa in Form aluminiumbeschichteter Ballons, oder eine höhere Zahl angreifender Raketen können das Abwehrsystem überwinden. Und im Fall eines nuklearen Angriffs hätte schon ein einzelner nicht abgefangener Sprengkopf katastrophale Folgen. Eine ballistische Rakete im All abzufangen, wird auch als der Versuch bezeichnet, "eine Kugel mit einer Kugel zu treffen". Die technische Kontroverse gipfelt in einem Bericht der American Physical Society, der die Machbarkeit eines funktionieren Abwehrsystems in Frage stellt.

Ein weiteres Argument gegen die Raketenabwehr ist, dass sie das in Jahrzehnten austarierte atomare Gleichgewicht zwischen Russland und den USA aushebeln könnte. Zudem könnten Atombomben auch auf Wegen in die USA gelangen, die kein Raketenabwehrsystem blockieren könnte - etwa auf Schiffen oder auf dem Landweg.

ffr/AP/AFP/dpa

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