Gleichgültigkeit in Nairobi „Krieg, was für ein Krieg?“

Krieg ist in Afrika alltäglicher als die Spiele um das Halbfinale der Cricket-WM. In Kenia hört man allenfalls an der muslimisch geprägten Ostküste von einer aggressiven Stimmung allem Amerikanischen gegenüber. Die meisten verfolgen die Aufregung um das milliardenteure Schießen mit verständnislosem Gleichmut.

Von , Nairobi


Der Zeitungsverkäufer an der Haile-Selassie-Avenue weiß nichts von einem Krieg im Irak. "Die Cricket-Helden nehmen den Kampf gegen Indien auf" verkündet die "Daily Nation", die er ans Autofenster drückt, das eigentliche Ereignis des Tages. Es findet am Nachmittag in Durban, Südafrika, statt und beschäftigt schon seit Tagen die Nation, denn noch nie hat es eine kenianische Mannschaft ins Halbfinale einer Cricket-WM geschafft. "Krieg?" fragt er grübelnd, "was für ein Krieg?"

Auch dem kenianischen Fernsehkanal KBC ist nichts Brauchbares zu entnehmen. Die Leute vom Fernsehen haben ihre Kameras in irgendeiner Turnhalle aufgebaut und übertragen das Duell der Volleyballteams von Kenia und Äthiopien. Gut, dass wenigstens die Konkurrenz von KTN umgeschaltet hat auf CNN. Jetzt flimmert, von dauernden Störungen unterbrochen, wenigstens der US-Kriegskanal, und vor dem einen oder anderen Fernsehladen hat sich eine Traube Neugieriger gebildet wie weiland in Deutschland, als Fritz Walter und Ferenc Puskas um die Fußballkrone stritten.

Krieg ist in Afrika eben alltäglicher als das Erreichen des Halbfinales im Cricket, und in Kenia hört man allenfalls an der Ostküste, die von vielen Flüchtlingen aus Somalia bevölkert und wo der Islam fest verankert ist, von einer aggressiven Stimmung allem Amerikanischen gegenüber. Die meisten anderen verfolgen die Aufregung um das milliardenteure Schießen der Amerikaner mit dem verständnislosen Gleichmut, den Menschen entwickeln, von denen viel zu viele an Aids oder Malaria sterben, und die hoffen, dass es nicht bei ihnen selbst losgeht wie bei den Nachbarn in Ruanda, Somalia und Sudan. Und dass es nicht kommt wie in Äthiopien, das schon wieder von einer Hungersnot heimgesucht wird.

Ansonsten zweifelt kaum jemand an der Einschätzung Nelson Mandelas, der befand, Bush sei ein Mann, "der nicht klar denken kann". "Der Irak ist ein souveräner Staat, genauso wie Amerika", sagt der kenianische Abgeordnete Guracha Galgago: "Es gibt für keinen der beiden eine Legitimation, den anderen zu beherrschen." Präsident Kibaki hat sich dagegen noch nicht geäußert. Er liegt immer noch im Krankenhaus und laboriert an seinen Verletzungen, die von einem Autounfall aus der Wahlkampfzeit her rühren. Insider bezweifeln mittlerweile, dass er jemals wieder politisch aktiv sein wird, und dann könnten in Afrika wieder einmal blutige Diadochenkämpfe entflammen.

"Bush hält sich für Jesus", sagt die fromme Beatrice Adhiambo aus Nairobi, "das sollte er nicht tun." Hinten flimmert die Glotze ausnahmsweise einmal störungsfrei. Und dummerweise legt Indien gerade ein gute Serie hin.

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