Glitzermetropole Hongkong Chinas Versuchslabor

Glitzernde Wolkenkratzer, kreischend bunte Einkaufsmalls, proppenvolle Nobelcafés: Zehn Jahre, nachdem die einstige britische Kolonie Hongkong an China zurückgegeben wurde, blüht die Stadt - und die Einwohner scheren sich wenig um den Kampf um freie Wahlen. Doch der Friede mit Peking ist brüchig.


Hongkong - Mit hochgekrempelten Hemdsärmeln hastet der junge Mann durch die schwüle Mittagshitze, vorbei an den glühenden Stahl- und Glasfassaden der Hochhäuser des Central Districts. Für politische Fragen habe er keine Zeit, "so lange wir hier gutes Geld verdienen, sind die Leute zufrieden", stößt er im Laufen hervor. Dann lächelt er und zuckt entschuldigend mit den Schultern: "Das ist typisch Hongkong."

Skyline von Hongkong: Wachstumsraten von sieben Prozent, kaum Arbeitslosigkeit
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Skyline von Hongkong: Wachstumsraten von sieben Prozent, kaum Arbeitslosigkeit

Auch die beiden Studentinnen schauen erstaunt. "Das allgemeine Wahlrecht würde ich begrüßen", sagt die eine auf die Frage nach der Demokratisierung der Stadt dann beflissen. Es hört sich an, als gäbe sie ihrem Professor die Antwort, die er gerne hören möchte. Ob sie dafür auch auf die Straße gehen würde? "Warum sollte ich das tun?", fragt sie zurück.

Dann wippt sie von einem Bein auf das andere, sie will sich jetzt nach der Uni eiligst in die gigantische Shoppingmall am Hafen der Halbinsel Kowloon stürzen, die gegenüber dem Central District liegt. Hinter dem marmorweiß glänzenden Eingangsportal wartet ein riesiges Labyrinth mit kreischend bunt eingerichteten Boutiquen, die vollgestopft sind mit riesigen Flachbildschirmen, iPods, Kosmetika und Kleidern. Hongkong geht es doch prächtig, sagt ihr Blick.

Der Boom ist überall zu sehen: Das Dröhnen von Presslufthämmern liegt in der Luft, Straßen werden aufgerissen, neue Gebäude hochgezogen. Altes wird im Akkord beseitigt. Durch die U-Bahn-Tunnel eilen Massen von Menschen in schicken Anzügen, hinter den Glas- und Stahlfassaden der Hochhäuser werden Finanzströme hin- und hergelenkt, Fabrikimperien koordiniert. Die Stadt ist florierendes Bank- und Servicezentrum vor allem für die angrenzende Provinz Guangdong, wo Elektrowaren, Spielzeuge und Computer für die ganze Welt gefertigt werden.

Zehn Jahre ist es nun her, dass der letzte britische Gouverneur Chris Patten den Union Jack endgültig einholte und die Kronkolonie an China zurückgegeben wurde. Die Arbeitslosenquote liegt bei mickrigen vier Prozent, die Wirtschaft wuchs vergangenes Jahr um sieben Punkte. Am Hongkonger Aktienmarkt wurden 2006 bei Börsengängen 42 Milliarden Dollar eingespielt. Keine der düsteren Prophezeiungen, die kurz vor der Rückkehr durch die internationale Presse geisterten, scheint sich bewahrheitet zu haben. Unter dem Motto "Ein Land, zwei Systeme" wurde Hongkong zur "Sonderverwaltungsregion", die sensationell günstigen Steuern blieben genau wie der Hongkong-Dollar und weite Teile des Rechtssystems. Peking übernahm auch politisch nicht die "totale Kontrolle", wie es der Chef der Demokratischen Partei (DP), Martin Lee, im SPIEGEL-Interview düster prophezeit hatte.

Stattdessen betrachtet China die Stadt offensichtlich als "großes demokratisches Experimentierfeld", wie selbst Bürgerrechtlerin Christine Loh eingesteht. Die Leute können frei ihre Meinung sagen, sogar des Massakers auf dem Tiananmen-Platz in Peking 1989 wird anders als im Rest des Landes alljährlich gedacht, das China Labour Bulletin kämpft von Hongkong aus weitgehend unbehelligt für mehr Rechte in China.

Mit den anfangs misstrauisch beäugten neuen Hausherren in Peking scheinen die meisten Hongkong-Chinesen deshalb ihren Frieden gemacht zu haben. Auch wenn die Demokratie, die Peking vor zehn Jahren versprochen hat, noch auf sich warten lässt. Der Verwaltungschef wird nach wie vor von einem weitgehend Peking-treuen Gremium gewählt, die Legislative können die Bürger nur zur Hälfte selbst bestimmen.

Hongkonger noch nicht reif für die Demokratie?

Und die Einführung des allgemeinen Wahlrechts wird mal für 2012, mal für 2016 oder für noch später versprochen. James Tien, der für die Liberale Partei im Hongkonger Legislativrat sitzt, erklärt, die Hongkonger seien nicht reif für freie Wahlen. Sie wollten immer nur "mehr Goodies" für alle: "Freie Wohnungen, freie Gesundheitsvorsorge." Der Chef der ebenfalls Peking-treuen DAB, Ma Lik, verstieg sich im Mai noch zu einer viel absurderen These: Das Tiananmen-Massaker werde in den Schulbüchern der Stadt dramatisiert - ein Zeichen für das mangelnde Nationalbewusstsein in der Stadt. Das allgemeine Wahlrecht berge deshalb derzeit noch zu viele Risiken.

Es sind solche Aussagen, die Bürgerrechtlern in der Stadt noch heute die Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Die bizarre Rede von DAB-Chef Ma Lik sei allein "für die Ohren Pekings bestimmt" gewesen und zeige deutlich die Hörigkeit der Stadtregierung gegenüber der Kommunistischen Partei, sagt etwa DP-Chef Lee. "Wir sind nicht Herr im eigenen Haus."

Derzeit spüren nur wenige den subtilen Einfluss der Zentralregierung. Eine Journalistin etwa erzählt, wie sich die Presse quasi selbst zensiere. Berichte über lokale Proteste in China würden etwa gern im Innern der Zeitung versteckt. Viele Redakteure vermieden auch, China und Taiwan, auf das die Volksrepublik noch immer Anspruch erhebt, nebeneinander in der Überschrift zu nennen. Schließlich hätten einflussreiche Unternehmer der Stadt - die um die guten Beziehungen zum Festland bangen - dem allzu frechen "Apple Daily" schon ihre Werbegelder entzogen. Und auch die Verleger wollten in China Geschäfte machen. Bürgerrechtlerin Loh berichtet, wie ihrer Organisation Civic Exchange immer wieder Verbindungen zum US-Geheimdienst nachgesagt werden.

Doch was, wenn China sich endgültig entschließe, den großen demokratischen Versuch zu beenden, fragt Lee? Oder wenn die Hongkonger allzu aufmüpfig werden?

Dass die sich die Fremdbestimmung nicht ewig gefallen lassen, wurde zum ersten Mal vor vier Jahren deutlich. Da hatte sie Stadt nacheinander die Asienkrise, die Vogelgrippe und die Sars-Epidemie hinter sich gebracht. Die Arbeitslosigkeit lag bei bis dahin nie da gewesenen neun Prozent, das Wirtschaftswachstum dümpelte bei zwei Prozent vor sich hin. In dieser allgemeinen Untergangsstimmung versuchte die Stadtregierung im Namen Pekings ein rigides Sicherheitsgesetz durchzudrücken - und brachte damit eine halbe Millionen Menschen in der Sechs-Millionen-Einwohner-Stadt auf die Straße. Peking blieb nichts übrig, als das Gesetzeswerk zurückzuziehen.

"Chinesische Verräter müssen sterben"

Kurz darauf wurde in einer Neuinterpretation der "Basic Laws" der Stadt die eigentlich für 2007 vorgesehene Direktwahl des Stadtoberhaupts erst einmal zurückgestellt. Die Stimmung war angespannt. Bürgerrechtler berichteten von Drohbriefen, drei Moderatoren einer beliebten Hongkonger Radio-Talkshow verließen das Programm - auf Druck "von oben", wie es hieß. Eine demokratische Abgeordnete wurde überfallen, "Chinesische Verräter müssen sterben", schmierte jemand an ihre Bürowand.

Im März dieses Jahres reagierte die chinesische Regierung erneut äußerst verstimmt, als das zuständige Gremium als Kandidat für den Posten des Verwaltungschefs neben dem Pekinger Wunschkandidaten Donald Tsang plötzlich noch den Vorsitzenden der oppositionellen Civic Party, Alan Leong, akzeptierte. Der war freilich ohne jede Chance - aber er setzte Tsang mächtig unter Druck. Die Stadt erlebte einen Wahlkampf, politische Programme wurden veröffentlicht, die Kandidaten traten sogar in einer Fernsehdebatte gegeneinander an. Ein demokratisches Treiben, das Peking definitiv zu weit ging. "Manche Dinge dürfen nicht herausgefordert werden", mahnte der Vorsitzende des chinesischen Volkskongresses.

Um zu sehen, wie brüchig der politische Friede auch heute noch ist, muss man in Kowloon nur die alte aus Kolonialzeiten stammende "Star Ferry" besteigen und sich von den Matrosen in ihren blauen Uniformen ans andere Ufer zum Central District schippern lassen. Die grasgrünen Boote wirken vor der Skyline aus Glas und Stahl ziemlich anachronistisch, aber sie sind mehr als nur Touristenattraktion. Die Hongkonger haben die Überreste der britischen Kolonialherrschaft als ihr kulturelles Erbe entdeckt.

Gegen den Abriss der früheren Anlegestelle formierte sich im im vergangenen Jahr deshalb eine wütende, vor allem von Studenten getragene Protestbewegung. Nachdem der alte Glockenturm trotzdem für die modernistische Neugestaltung der Hafenpromenade weichen musste, campieren die Demonstranten nun mit Zelten und Plakaten vor dem benachbarten Queen's Pier, der einst den VIP-Gästen der Briten diente und nun ebenfalls moderneren Bauten weichen soll. "Wir wollen gefragt werden, wenn die ganze Stadt umgegraben wird", erklärt ein 28-jähriger Psychologe. "Keine Entscheidungen mehr hinter verschlossene Türen."

Regierungskritiker wie Christine Loh und Martin Lee hoffen, dass dieses von "ganz frischen Gesichtern" initiierte lockere Netzwerk zum Ausgangspunkt einer ganz neuen Demokratiebewegung werden wird, die das Schicksal der Stadt endlich selbst bestimmen will. Gründe, aktiv zu werden, gibt es genügend, findet Loh. Die ungeheuer schlechte Luft zum Beispiel, die oft über der Stadt liegt wie dichter Nebel. Oder die wachsende soziale Ungleichheit, die in den heruntergekommenen Hochhäusern in den Seitenstraßen wenige Meter abseits von den glitzernden Einkaufszentren und Hochhäusern zu sehen ist. Weil der sogenannte Gini-Koeffizient, der diese Unterschiede misst, in den vergangenen Jahren immer dramatischer stieg, wurde er dieses Frühjahr einfach nicht mehr veröffentlicht.

Wie sehr die Bevölkerung sich an solchen Problemen stört, wird sich am 1. Juli bei dem feierlichen Jubiläum zeigen, so wünscht es sich zumindest Lee. Er hat für diesen Tag zum Protest für mehr Mitbestimmung aufgerufen. "Umfragen zufolge wollen noch immer 60 Prozent der Hongkonger das allgemeine Wahlrecht", betont er. Lee hofft, dass sie dafür auch auf die Straße gehen.



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