Globale Bedrohung US-Kongress warnt vor Biowaffen-Terror

Terroristen könnten mit Bakterien angreifen, mit Viren oder Gift: Ein Bericht des US-Kongresses warnt vor verheerenden Anschlägen mit Massenvernichtungswaffen - schon in den nächsten fünf Jahren. Den Westen sehen die Autoren miserabel vorbereitet. Er riskiere Zigtausende Opfer.

Von , New York


New York - Die pensionierten Senatoren und Abgeordneten waren auf dem Weg nach Islamabad. Im Auftrag des US-Kongresses wollten sie sich in Pakistan persönlich über die Terrorgefahr informieren, die im unwirtlichen Grenzgebiet zu Afghanistan gärt. In Kuwait mussten sie umsteigen - und während sie noch auf ihren Anschlussflug warteten, begannen ihre Handys zu brummen.

Über die TV-Bildschirme im Flughaften flimmerten beängstigende Bilder. In Islamabad herrschte Chaos: Auf das Marriott Hotel war ein Terroranschlag verübt worden, mindestens 54 Menschen starben dabei. Das Marriott war das Delegationshotel der Washingtoner Reisegruppe. Nur Stunden später hätten sie dort eintreffen sollen. Der Vorfall zeigte den Politikern, wie akut ihr Auftrag war.

ABC-Einsatz in einem Kongressbüro in Washington D.C. (Ende 2001): Die Warnung der US-Experten vor Bio- und Atomwaffenangriffen ist beängstigend
AP

ABC-Einsatz in einem Kongressbüro in Washington D.C. (Ende 2001): Die Warnung der US-Experten vor Bio- und Atomwaffenangriffen ist beängstigend

Die Geschichte findet sich im Abschlussbericht der Kongress-Spezialkommission, der am Dienstag veröffentlicht wurde und in dem die Gefahr eines Anschlags mit Massenvernichtungswaffen auf die USA beschrieben wird. Der insgesamt 161 Seiten starke Report skizziert ein beängstigendes Szenario einer bedrohten Welt, der schon bald ein Anschlag mit biologischen Kampfstoffen oder Atomwaffen drohen könnte.

Ganz oben auf Obamas Sorgenliste

Der zentrale Satz sickerte schon Anfang der Woche durch: "Es ist wahrscheinlicher, dass bis Ende 2013 irgendwo auf der Welt bei einem Terrorakt eine Massenvernichtungswaffe eingesetzt wird, als dass das ausbleibt." Will heißen: Die Terroristen rüsten auf, einer ihrer nächsten Anschläge könnte verheerende Dimensionen annehmen. "Die Konsequenzen eines Bioangriffs überschreiten fast das Vorstellungsvermögen", sagte der Kommissionschef Bob Graham dem TV-Sender CNN. "Es wäre hinsichtlich der Menschen, die dabei umkämen, 9/11 mal zehn oder 100."

Das brisante Papier soll an diesem Mittwoch dem Kongress, dem Weißen Haus und dem Übergangsteam des designierten Präsidenten Barack Obama vorgelegt werden. Was dessen größte Angst sei, war der Demokrat vorige Woche gefragt worden. Die vage Antwort: "Es gibt viele Dinge, die mir nachts den Schlaf rauben." Diese im Report genannten Gefahren dürften ganz oben auf dieser Sorgenliste landen.

Die parteiübergreifende Spezialkommission (Commission on the Prevention of WMD Proliferation and Terrorism) ist ein Ergebnis des 9/11-Ausschusses. Unter Führung der Ex-Senatoren Bob Graham und Jim Talent, eines Demokraten und eines Republikaners, befragten ihre Mitglieder mehr als 250 Experten, reisten kreuz und quer durch die Welt und hielten eine öffentliche Anhörung ab.

"Nur eine dünne Wand beschützt uns noch"

Ihr Fazit illustrieren sie mit einem Satz des früheren Marineministers Richard Danzig, jetzt verteidigungspolitischer Berater Obamas: "Nur eine dünne Wand terroristischer Unkenntnis und Unerfahrenheit beschützt uns noch."

Wer den Bericht studiert, merkt: Das sind keine Horrorphantasien, sondern reale Gefahren. Vieles ist Experten zwar bereits bekannt, wird aber von der uninformierten Öffentlichkeit ignoriert. Selten wurde es so schonungslos präsentiert: eine dramatische Lektüre - und ein "reality check" zum Amtsantritt Obamas. Sein Vize Joe Biden hat ihm ja bekanntlich prophezeit , binnen sechs Monaten werde ihn "die Welt testen".

Die Kommission jedenfalls ist überzeugt, dass es innerhalb der nächsten fünf Jahre zu einem neuen, großen Anschlag kommen werde, "falls die Weltgemeinschaft nicht entschieden und mit großer Eile handelt". Die Warnung ist unmissverständlich: "Die Terroristen sind entschlossen, uns erneut anzugreifen - mit Massenvernichtungswaffen, so sie können." Diese Bedrohung sei in jüngster Zeit sogar noch gewachsen und nicht gesunken, wie es die Bush-Regierung lange behauptet hat.

Der Bericht beschreibt ein globales Netzwerk aus staatlichen wie privaten Biolabors und Atomproduktionsstätten, oft marode und leicht zugänglich. "Viele biologische Pathogene und Nuklearmaterialien auf der Welt sind schlecht gesichert und so diebstahlgefährdet durch jene, die dieses Material schädlichem Nutzen zuführen oder auf dem Schwarzmarkt an potentielle Terroristen verkaufen würden."



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