Golf-Region Alawi rechnet mit Rückkehr des Kriegs

Iraks Ex-Premier Ijad Alawi erwartet einen Krieg um Irans Nuklearprogramm und fürchtet einen neuen Bürgerkrieg im Irak. Im Interview mit dem SPIEGEL äußert sich der Politiker sehr besorgt über die Zukunft seines Landes.

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Iraks ehemaliger Ministerpräsident Ijad Alawi erwartet mit "sehr hoher Wahrscheinlichkeit" einen Krieg um Irans Nuklearprogramm. "Überall in der Region herrscht Angst, auch in Amerika, auch in Iran", sagte Alawi in einem Interview mit dem SPIEGEL. "Wir steuern auf eine Lage zu, die beinahe der Kuba-Krise von 1962 gleicht."

Die internationale Staatengemeinschaft solle den Gesprächsfaden mit Teheran nicht abreißen lassen, sondern versuchen, "zu sehen und zu spüren, wo Irans Ängste liegen". Auf die Frage, ob Irak mit einem nuklear bewaffneten Nachbarn Iran leben könnte, antwortet Alawi: "Das glaube ich nicht."

Alawi, der von 2004 bis 2005 Ministerpräsident war, ging aus der Parlamentswahl im März als knapper Sieger hervor, konnte den Amtsinhaber Nuri al-Maliki aber bislang nicht als Premier ablösen, weil die Verhandlungen zur Regierungsbildung festgefahren sind.

"Die Umstände sprechen nicht für einen Durchbruch"

Am Dienstag werden die USA ihren vor sieben Jahren begonnenen Kampfeinsatz im Irak offiziell beenden. Sie haben in den vergangenen Tagen die Zahl ihrer Soldaten auf unter 50.000 reduziert. Bis Ende 2011 sollen alle US-Soldaten das Land verlassen haben.

Nach dem offiziellen Ende des US-Kampfeinsatzes im Irak fürchtet Alawi die Gefahr eines Rückfalls in die blutigen Jahre 2006 und 2007. Das wäre verheerend, sagte Alawi, denn diesmal "haben wir keine multinationalen Streitkräfte mehr, die einen Bürgerkrieg eindämmen könnten".

Am Mittwoch waren bei einer Serie koordinierter Anschläge auf die irakische Polizei 62 Menschen getötet worden. Eine Woche zuvor riss ein Selbstmordattentäter in einer Rekrutierungsstelle der Armee mindestens 57 Menschen mit in den Tod.

Alawi kommentierte gegenüber dem SPIEGEL die für Anfang September in Washington geplante neue Runde von Nahost-Friedensgesprächen zurückhaltend: "Ich bin sehr skeptisch. Ich glaube nicht, dass sie Erfolg haben werden. Die Umstände sprechen nicht für einen Durchbruch."

Auch Ministerpräsident Nuri al-Maliki hält eine Rückkehr der Gewalt für möglich. Er befürchte eine neue Serie von Gewalttaten durch al-Qaida nahestehende Gruppen in seinem Land. Seinen Informationen zufolge planen neben diesen Gruppen auch Anhänger des gestürzten Regimes von Präsident Saddam Hussein Anschläge, zitierte der TV-Sender Irakija Maliki am Freitag. Er rief am Samstag die höchste Terroralarmstufe für sein Land aus und rief die Bevölkerung zur Wachsamkeit auf.

"Dem Irak steht es frei, seinen eigenen Kurs zu bestimmen"

Derweil bezeichnete US-Präsident Barack Obama den Irak in seiner wöchentlichen Radioansprache am Samstag als "souveräne Nation". "Der Krieg geht zu Ende", sagte Obama. "So wie jede souveräne, unabhängige Nation steht es dem Irak frei, seinen eigenen Kurs zu bestimmen."

Das offizielle Ende des Kampfeinsatzes sei ein "wichtiger Schritt, um den Krieg im Irak verantwortungsvoll zu beenden", sagte der US-Präsident, der am Samstag seinen letzten Urlaubstag auf der Insel Martha's Vineyard in Massachusetts verbrachte.

"Als ich für dieses Amt kandidiert habe, habe ich versprochen, diesen Krieg zu beenden", sagte Obama, der sich in der Irak-Frage stets um Distanz zu seinem Vorgänger George W. Bush bemühte. "Als Präsident tue ich nun genau das. Seit meinem Amtsantritt sind mehr als 90.000 Soldaten nach Hause zurückgekehrt."

bim/Reuters/APN/AFP

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