Gordon Brown Abstieg des Anti-Blair

Die Wähler haben gesprochen und ihre Botschaft kam an: Geschockt, bleich und fahrig wirkte Premier Gordon Brown nach der verheerenden Niederlage für seine Labour-Partei bei den Kommunalwahlen. Dem Nachfolger von Tony Blair bleibt nun nicht mehr viel Zeit um sein Amt zu retten.


Immer wenn es ernst wird in der britischen Politik, greifen selbst die Schlagzeilenmacher der seriösen Zeitungen tief in den Wortschatz shakespearscher Prägung, aber eine Dramatik wie sie heute morgen an den Kiosken der Insel präsentiert wurde, hat es selbst hier lange nicht gegeben.

Von einem "Blutbad für Labour" und einem "Massaker" schreibt die ehrwürdige Times, der linksliberale Guardian wähnt, dass Brown "zerfleischt" wurde.

Gordon Brown nach dem Wahldebakel seiner Labour-Partei: Ein perfekter Sturm
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Gordon Brown nach dem Wahldebakel seiner Labour-Partei: Ein perfekter Sturm

In der Tat muss man ganze vierzig Jahre zurückgehen, um ein Wahlergebnis für Labour zu finden, dass sich mit dem Desaster für den Premierminister bei den Kommunalwahlen am Donnerstag vergleichen ließe. Damals erlitt Premier Herold Wilson einen ähnlichen Absturz, nachdem er das Pfund hatte abwerten müssen. Zwei Jahre später musste er seinem konservativen Nachfolger Ted Heath Platz machen.

Die 24 Prozent, die Brown am Donnerstag bei seiner ersten Wahl als Premier einfuhr, waren mehr als eine Niederlage. Sie waren eine Demütigung, von der sich der Premier wahrscheinlich nur noch schwer erholen kann. Bei seiner Pressekonferenz sahen die Briten einen Mann, der fahrig wirkte und bleich war, wie ein Mensch, der gerade einen schweren Unfall erlitten hat und nun bei Nacht nach Rettung suchend die Autobahn entlang wandelt.

Brown wusste, dass es keinen Sinn hatte, nach Politikerart die Wahlkatastrophe schön zu reden. Er sprach von einer "schlimmen Nacht für Labour" und stellte Besserung in Aussicht, in dem er "zuhören und führen" wolle.

"Not flash, just Gordon"

Das Dumme ist nur, dass er ein sehr ähnliches Gelöbnis schon vor neun Monaten abgelegt hatte, als er seinen Vorgänger Tony Blair nach jahrelangem Ränke- und Intrigenspiel endlich von dessen Platz verdrängt hatte. Beflügelt von einer kurzen Gunstperiode als spröder, ernsthafter Anti-Blair erwog Brown unter dem Slogan "Not flash, just Gordon" im Herbst eine vorgezogene Neuwahl. Als die Konservativen mit einem billigen Steuertrick sich in den Umfragen verbesserten, machte er jedoch einen Rückzieher und hatte nicht einmal den Mut, zuzugeben, dass er aus Vorsicht gekniffen hatte. Die Briten mögen so etwas nicht. Sie mögen Leute, die, wenn es schwierig wird, Mut beweisen und Erfolg haben. Zauderer haben es schwer auf der Insel, wo man den steiflippigen Widerstand gegen Hitler für die "feinsten Stunden" der Nation hält.

Erschwerend für Brown kommt hinzu, dass die wirtschaftliche Lage vielen Briten Sorgen bereitet. Fallende Hauspreise, erhöhte Hypothekenzinsen, explodierende Energie- und Nahrungsmittelkosten bewirken, dass sich das Wirtschaftswachstum von 3 Prozent im letzten Jahr auf 1,6 in diesem senken wird. Zu spüren bekommen diesen Abschwung im sozial ungleichsten Land Europas vor allem die Armen. Wenn man dann noch wie Brown Mitte April daran festhält, für 5,3 Millionen Niedrigverdiener den Eingangssteuersatz von 10 auf 20 Prozent zu erhöhen, hat man ein Rezept für eine Katastrophe vorbereitet, die an das erinnert, was Amerikaner einen "Perfect Storm", einen perfekten Sturm, nennen.

Der Orkan, der die Labour-Party am Donnerstag bitter erschüttert hat, entstand vor allem in den Gebieten, wo ihre Stammwähler sitzen. Im multikulturellen London, im heruntergekommenen Norden, in Mittelengland und tiefroten Wales, einem Land, wo sich Labour früher gerühmt hatte, ihre Stimmen nicht zu zählen, sondern auf die große Waage zu legen.

Browns Niedergang, Camerons Chance

"Es wird sehr schwer für Brown, aus diesem Tief herauszukommen, sollte sich die wirtschaftliche Lage nicht dramatisch verbessern", sagt Tony Travers, Professor an der London School of Economics. Er sieht langfristige Neuorientierungen der Wähler zugunsten von David Cameron, dem Führer der Konservativen. Bislang galt jener als politisches Leichtgewicht, aber die 44 Prozent seiner Partei sind mehr als nur Unmut über Brown, sie sind Vorschusslorbeeren In den kommenden beiden Jahren will Cameron mehr. Und das wird auch deutlich, wenn er Sätze sagt wie: "Wir müssen zeigen, dass wir die notwendigen Änderungen aus eigener Kraft vollziehen können."

Der Abstieg Browns ist das Drama eines brillanten zweiten Mannes, der keine Ruhe gab, bis er an erster Stelle stand. Niemand hat ihm dieses Schicksal eindringlicher vorausgesagt als sein Vorgänger Tony Blair, dem neben Bill Clinton vielleicht besten politischen Kommunikator dieser Generation.

Zwar rühmte Blair Brown im Parlament als "schwere hämmernde Faust", aber wenn man den in dieser Woche veröffentlichten Memoiren des ehemaligen Labour Spendensammlers Lord Levy glauben darf, war Blair immer überaus skeptisch, was Browns Fähigkeit als Premier anging. Brown könne nie eine große Wahl gewinnen, soll Blair Levy anvertraut haben. Der grummelige Meister des Details habe keine Chance gegen den verbindlichen charmanten Tory-Jungstar Cameron.

Auch diese Indiskretion macht ein Comeback für den angeschlagenen Brown nicht leichter. Die Uhr läuft. Der Premier hat nun höchstens bis zum Parteitag von Labour im Herbst Zeit, die Werte seiner Partei erheblich zu verbessern, schätzen politische Beobachter. Ansonsten gilt wieder Nachschlagen bei Shakespeare, das heißt, die Messer werden gewetzt und die Raben steigen auf.



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D.Meinung, 03.05.2008
1. Good bye, Gordon
"Der Abstieg Browns ist das Drama eines brillanten zweiten Mannes, der keine Ruhe gab, bis er an erster Stelle stand" Nein lieber Thomas Huetlin, das ist es nicht. Es ist die - viel zu späte - Erkenntnis, dass der Kaiser keine Kleider trägt. In seiner Zeit als Chancellor (Finanzminister), hat Brown nur zwei Dinge getan - Steuern erhöht und das Geld verschwendet. Jetzt ist die Staatskasse leer. Tony Blair war die schön geschminkte Maske - jetzt tritt die hässliche Fratze einer Regierung, die in ihrer Amtszeit persönliche Freiheiten (civil liberties) und Demokratie mit Füssen getreten hat, endlich zu Tage. Es wird viele Jahre dauern, bis der Schaden den Labour angerichtet hat (und leider aller Vorraussicht nach noch zwei Jahren lang anrichten wird), behoben ist. Je eher, desto besser - good bye, Gordon ! D. Meinung, London
danki 03.05.2008
2. Parallelen Labor und SPD
Fast parallel zum Amtsantritt vom GröBaZ (größter Blender aller Zeiten) Schröder trat Tony Blair auf die politische Bühne,und beide haben in (heimlicher) Absprache alle sozialdemokratischen Wurzeln ihrer Partei gekappt. Die desaströse Niederlage von Gordon Brown als Nachfolger von Blair bei den Kommunalwahlen in GB findet ihre Ursache eben in der Sozialpolitik und mit Sicherheit auch am vom Volk nicht gewollten Militäreinsatz im Irak. Die verfehlte Sozial- und Gesundheitspolitik trifft ähnlich wie in D das Prekariat am stärksten.Steuervergünstigungen für die fette Oberschicht zu Ungunsten der Geringverdiener konnte nicht gut gehen. Die Unfragewerte der SPD in D nähern sich dann auch ganz rapide den 24% der Labor in GB. Bin gespannt,ob Gordon Brown aus diesem Desaster seine Lehren ziehen und eine Umkehr von der (verfehlten)Labor Politik einleiten wird. In D sieht Meister Petz Beck jedenfalls keinen Anlass,für die SPD von der Agenda 2010,Hartz IV,etc.zurückzuweichen.Im Gegenteil,sie arbeiten mit der CDU weiter am Sozialabbau. Dabei sollte für die SPD Labor bzw.Gordon Brown als warnendes Beispiel stehen,dass ihr dasselbe Schicksal blühen wird.
marc_malone 03.05.2008
3. Ehrenrettung für Gerhard Schröder
Zitat von dankiFast parallel zum Amtsantritt vom GröBaZ (größter Blender aller Zeiten) Schröder trat Tony Blair auf die politische Bühne,und beide haben in (heimlicher) Absprache alle sozialdemokratischen Wurzeln ihrer Partei gekappt. Die desaströse Niederlage von Gordon Brown als Nachfolger von Blair bei den Kommunalwahlen in GB findet ihre Ursache eben in der Sozialpolitik und mit Sicherheit auch am vom Volk nicht gewollten Militäreinsatz im Irak. Die verfehlte Sozial- und Gesundheitspolitik trifft ähnlich wie in D das Prekariat am stärksten.Steuervergünstigungen für die fette Oberschicht zu Ungunsten der Geringverdiener konnte nicht gut gehen. Die Unfragewerte der SPD in D nähern sich dann auch ganz rapide den 24% der Labor in GB. Bin gespannt,ob Gordon Brown aus diesem Desaster seine Lehren ziehen und eine Umkehr von der (verfehlten)Labor Politik einleiten wird. In D sieht Meister Petz Beck jedenfalls keinen Anlass,für die SPD von der Agenda 2010,Hartz IV,etc.zurückzuweichen.Im Gegenteil,sie arbeiten mit der CDU weiter am Sozialabbau. Dabei sollte für die SPD Labor bzw.Gordon Brown als warnendes Beispiel stehen,dass ihr dasselbe Schicksal blühen wird.
Das ist blanker Unfug und bösartig, zumindest in Bezug auf Gerhard Schröder. Gerhard Schröder war und ist und bleibt immer ein Sozialdemokrat. Er hat die richtige Politik vorangetrieben, durchaus eien sozialdemokratische Politik. Das unterschreibe ich Ihnen aber sehr, sehr gerne. Und dann habe ich noch für Sie ein Zitat von Schröder, kurz vor dem USA-/UK-Krieg gegen Irak, mit der er sich SEHR von Blair abhebt: "Meine Frage war und ist: Rechtfertigt das Ausmaß der Bedrohung, die von dem irakischen Diktator ausgeht, den Einsatz des Krieges, der Tausenden von unschuldigen Kindern, Frauen und Männern den sicheren Tod bringen wird? Meine Antwort war und ist: Nein." Gerhard Schröder war, ist und bleibt einer der allerbesten Sozialdemokraten, den die SPD je hatte.
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