Gordon Brown Der Tyrann aus Downing Street

Angst und Schrecken verbreitet der britische Premier Gordon Brown in Downing Street - verzweifelte Mitarbeiter sollen sich bereits an eine Mobbing-Hotline gewandt haben. Die Vorwürfe eines britischen Journalisten kommen im Wahlkampf ungelegen - Browns Büro weist sie als "bösartig" zurück.
Britischer Premier Brown: Anrufe der Mitarbeiter bei der Mobbing-Hotline

Britischer Premier Brown: Anrufe der Mitarbeiter bei der Mobbing-Hotline

Foto: POOL/ REUTERS

Gordon Brown

Hamburg/London - Wird Großbritannien von einem Sensibelchen oder einem handgreiflichen Choleriker regiert? Wenige Wochen vor der Parlamentswahl werden die Briten aus ihrem Premierminister nicht schlau. Noch vor ein paar Tagen ließ er das Volk in einem tränenreichen Interview an seinem Seelenleben teilhaben, ein aktuelles Buch zeichnet jedoch ein ganz anderes Bild vom Regierungschef.

Als jähzornigen Wüterich schildert der Journalist Andrew Rawnsley den Premier in seinem Buch. Dieses Image hängt Brown schon zwar länger an, doch Rawnsley bringt gleich mehrere Beispiele:

  • Als ein Berater den Premier über den Verlust einer CD mit Millionen Daten informierte, habe ihn der am Kragen gepackt und ihn angebrüllt: "Die haben's auf mich abgesehen."
  • Ähnlich rabiat soll der Labour-Politiker mit einer Sekretärin verfahren sein, weil sie in seinen Augen zu langsam tippte, schreibt Rawnsley. Brown zerrte die Frau kurzerhand von ihrem Stuhl und setzte sich selbst an den Computer.
  • Ein weiterer Mitarbeiter bekam laut Rawnsley den Zorn des Regierungschefs zu spüren, weil er einen Empfang für EU-Botschafter organisieren wollte. Er wolle "diese verdammten Leute" nicht treffen, soll Brown gebrüllt haben und seinem Berater gleich noch einen Schubser versetzt haben.
  • In seinem Dienstwagen soll der Premier so ausgerastet sein, dass sich ein Mitarbeiter sogar vor seiner geballten Faust wegduckte.

Er habe zuverlässige Quellen, beteuert Autor Rawnsley, der für den linksliberalen "Observer" arbeitet. So führt er etwa Kabinettsstaatssekretär Sir Gus O'Donnell ins Feld. Der habe den Premier angesichts seiner Tobsuchtsanfälle sogar zurechtgewiesen. "So geht es nicht", soll der Top-Beamte Brown gerüffelt haben. In einer Stellungnahme wies O'Donnells Büro diese Darstellung jedoch, als "komplett unwahr" zurück.

Der Premier wirft mit Zeitungen

Just als britische Zeitungen die Ausschnitte aus Rawnsleys Buch veröffentlichten, meldete sich auch die Leiterin einer Telefon-Hotline für Mobbing-Opfer zu Wort. Einige von Browns Mitarbeitern hätten dort angerufen, sagte Christine Pratt. "Ich habe persönlich einen Mitarbeiter-Anruf aus dem Büro des Premiers entgegengenommen", zitierten sie Zeitungen. Ihr sei eine Mobbing-Atmosphäre geschildert worden, die enormen Druck erzeuge.

Labour-Partei

Bei Brown könnten diese Berichte neue Wutanfälle hervorrufen. Denn wenige Wochen vor der Unterhauswahl im Mai hatte seine in der Aufholjagd zuletzt wieder etwas zu den konservativen Tories aufschließen können. In aktuellen Umfragen lag Labour nur noch sechs Prozentpunkte zurück - im vergangenen Jahr waren es zeitweise bis zu 20 Prozent.

Brown selbst und auch Parteifreunde bemühten sich, die Jähzorn-Schilderungen als Übertreibungen abzutun. Wenn er wütend werde, werfe er "Zeitungen oder so" auf den Boden, sagte Brown dem Sender Channel 4. Aber er habe "niemals" in seinem Leben jemanden geschlagen oder seine Mitarbeiter angegriffen. "Wenn ich wütend werde, dann bin ich es vor allem über mich selbst", beteuerte der 59-Jährige.

Auch Wirtschaftsminister Peter Mandelson mühte sich, den Premier in Schutz zu nehmen. Brown sei zwar "fordernd", "emotional" und habe einen gewissen Hang zur Ungeduld - er tyrannisiere aber die Mitarbeiter nicht.

"Ich sage nicht, dass Gordon Brown ein Tyrann ist"

Labour-Politiker stellten zudem die Glaubwürdigkeit der Mobbing-Hotline-Chefin Pratt in Frage. Denn die Schirmherrschaft über das Sorgentelefon trägt eine Abgeordnete der Opposition. Und die Konservativen haben der Regierung bereits vorgeworfen, sie vertusche Browns Verhalten. Pratt wies Spekulationen zurück, es gebe Ansprachen mit der Opposition. "Wir sind unpolitisch", sagte die Hotline-Chefin.

"Ich sage nicht, dass Gordon Brown ein Tyrann ist, ich bin kein Richter", sagte Pratt. Aber sie sei "erschüttert", dass die Mobbing-Vorwürfe einfach nur zurückgewiesen und nicht aufgeklärt würden. Der "Guardian" berichtete, auch ein früherer Berater Browns habe die Tobsuchtsanfälle des Premiers bestätigt. "Er leidet unter massiver Paranoia und der Unfähigkeit, Schuld zu akzeptieren", zitiert die Zeitung den Ex-Mitarbeiter. Dem Premier gehe es nicht um Argumente.

Ob zutreffend oder nicht - für die britische Presse sind die neuen Enthüllungen ein gefundenes Fressen im Wahlkampf. Die Boulevard-Zeitung "The Sun" taufte Brown am Montag vom "Prime Minister" in "Prime Monster" um. Den Mitarbeitern in Downing Street könnten schwere Zeiten bevorstehen.

mmq/dpa