Gores Rede "Schlacht endet heute Nacht"


Washington - In seiner Fernsehansprache zum Ausstieg aus dem Rennen um die Präsidentschaftskandidatur sagte der Demokrat Al Gore unter anderem:

"... Vor fast eineinhalb Jahrhunderten sagte Senator Stephen Douglas zu Abraham Lincoln, der ihn gerade im Präsidentschaftsrennen geschlagen hatte: 'Parteiische Gefühle müssen dem Patriotismus weichen. Ich stehe an Ihrer Seite, Herr Präsident. Gott segne Sie.' Im selben Geiste sage ich zum gewählten Präsidenten Bush, dass das, was an parteiischem Groll geblieben ist, nun beiseite geschoben werden muss, und möge Gott ihn bei der Führung des Landes segnen....

Weder er noch ich haben mit dieser langen und schwierigen Straße gerechnet. Ganz gewiss hat niemand von uns gewollt, dass es so weit kommt. Aber es ist geschehen, und nun ist es vorbei, gelöst, wie sich dies gehört, durch die geachteten Institutionen unserer Demokratie...

Nun hat das Oberste Gericht der USA gesprochen. Es gibt keinen Zweifel daran: Während ich dem Urteil absolut nicht zustimme, akzeptiere ich es. Ich akzeptiere die Endgültigkeit dieses Ergebnisses... Und heute, zum Wohle unserer Einheit als Volk und der Stärke unserer Demokratie, räume ich meine Niederlage ein...

Ich erkenne außerdem meine bedingungslose Verantwortung an, den neuen gewählten Präsidenten zu achten und alles Mögliche zu tun, um ihm zu helfen...

Ich weiß, dass viele Menschen, die mich unterstützt haben, enttäuscht sind. Ich bin es auch. Aber unsere Enttäuschung muss von unserer Liebe zu unserem Land besiegt werden. Und ich sage zu den Mitgliedern der Weltgemeinschaft: Lasst niemanden diesen Wahlwettbewerb als Zeichen amerikanischer Schwäche auslegen... Die Stärke der amerikanischen Demokratie zeigt sich am deutlichsten in der Überwindung von Schwierigkeiten...

Manche haben die Sorge geäußert, dass die ungewöhnliche Art dieser Wahl den nächsten Präsidenten bei der Amtsausübung behindern könnte... Ich glaube nicht, dass das so sein muss...

Während wir weiter gegensätzliche Auffassungen haben, gibt es eine höhere Pflicht als die, die wir gegenüber einer politischen Partei haben. Das ist Amerika, und wir stellen das Wohl unseres Landes vor das unserer Partei. Wir werden zusammen hinter unserem neuen Präsidenten stehen... Und was die Schlacht betrifft, die heute Nacht endet, glaube ich das, was mein Vater einst sagte: dass ganz egal, wie groß der Verlust ist, eine Niederlage genauso wie ein Sieg die Seele aufrütteln und zur Zierde gereichen kann..."



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