Amerika-Blog Lahmgelegt vorm Chaos-Kongress

Kapitol in Washington: Rund um das Denkmal geht derzeit nicht mehr viel
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Kapitol in Washington: Rund um das Denkmal geht derzeit nicht mehr viel

Von , Washington


Washington D.C. ist doof! Das finden die von Government Shutdown und Schuldenstreit genervten US-Bürger. Dabei ist die Hauptstadt das Opfer der Politiker - und wehrt sich nun auf besondere Weise.

Der ganz persönliche Shutdown hat mich auf dem Parkplatz erwischt. Ausgerechnet direkt vorm Kongress war das, wo die republikanischen Abgeordneten seit mehr als zwei Wochen die Regierung lahmlegen und Amerika mit der Zahlungsunfähigkeit drohen. In letzterem Fall läuft die Frist am Donnerstag ab, die Konsequenzen für die Weltwirtschaft wären natürlich furchtbar und so weiter und so fort.

Ich aber hatte in besagtem Moment ein wesentlicheres Problem: mein Auto sprang nicht mehr an. Entschuldigen Sie diese Selbstbezogenheit trotz nahenden Weltuntergangs, doch ich fühlte mich mindestens genauso lahmgelegt wie der US-Präsident.

"Mach keinen Ärger!"

Nur gut, dachte ich, dass Washington D.C. eine dem Bund direkt unterstellte Stadt ist; der Kongress bewilligt die Finanzmittel. Heißt: Hier ist eigentlich jeder ein de facto Angestellter des Bundes, das gilt von der Müllabfuhr bis zur, genau, Parkraumüberwachung. Demzufolge dürfte DC auch kein Geld mehr für Politessen haben, mein Auto also könnte ich erst mal kostenlos auf diesem Premium-Parkplatz vorm Chaos-Kapitol stehen lassen.

So fühlte ich mich ein paar Minuten als kleiner Profiteur des großen Government Shutdowns. Dann kam eine Politesse vorbei. Sie ließ nicht mit sich reden: Ich hatte keine Münzen für die Parkuhr und bekam einen Strafzettel.

Warum war sie überhaupt im Dienst? Washingtons Bürgermeister Vincent Gray ist schuld. Denn der Mann hat getrickst. Schon wieder - würden vielleicht seine Kritiker sagen, weil es da mal ein paar Unregelmäßigkeiten in Grays Wahlkampffinanzierung gab. Aber das ist der normale DC-Klüngel und eh eine andere Geschichte. Also jetzt der Shutdown: Zu Beginn des Regierungsstillstands erklärte Gray einfach "alle" Aktivitäten seiner Verwaltung als "wesentlich für die Sicherung von öffentlicher Sicherheit, Gesundheit und Eigentum".

Die Finanzierung stellt Gray seither über einen Fonds sicher, den die Stadt nach dem letzten Shutdown in den Neunzigern angelegt hat: In der "Contingency Cash Reserve" lagen Anfang Oktober rund 140 Millionen Dollar. In dieser Woche muss Gray die DC-Angestellten bezahlen, dafür gehen fast 100 Millionen drauf. Danach wird das Geld auch in der Notkasse knapp.

Deshalb macht Gray jetzt Druck vor Ort. Vergangene Woche fängt er unweit meines Parkplatzes vorm Kongress seinen Parteifreund Harry Reid ab, den demokratischen Mehrheitsführer im Senat. Mit der Freundschaft der beiden ist es aber so eine Sache, seit Reid einen Vorstoß der Republikaner blockt, den Shutdown zumindest für die Hauptstadt aufzuheben. Auf keinen Fall will Reid der republikanischen Salamitaktik zu einem Erfolg verhelfen. Gray findet das natürlich nicht so prima und knöpft sich Reid in aller Öffentlichkeit vor: "Sir, wir sind keine Regierungsabteilung, wir wollen nur unser eigenes Geld ausgeben." Darauf Reid, recht genervt: "Mach keinen Ärger, wir sind auf deiner Seite."

Von wegen. Wer steht dieser Tage schon auf Seiten der Hauptstadt? Im ganzen stillgelegten Land ist "Washington DC" zum Synonym für Wahnsinn geworden. Damit sind DC's 600.000 Bürger gleich doppelt gestraft: Erstens dürfen sie nicht über ihre eigenen Steuermittel verfügen; zweitens leidet das Image ihrer Stadt. Empört appelliert die "Washington Post", man solle doch bitte schön nicht DC für den Shutdown verantwortlich machen: "Amerika, Du hast diese Spinner hierher geschickt." Gemeint sind die Abgeordneten, "importiert aus dem Rest des Landes".

Ach, DC wird übel mitgespielt. Dabei zeigt sich das Wunderbare an Amerika doch just in diesen Tagen in dieser Stadt: Widerstandsgeist und Solidarität. Da stürmen Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg, die 1944 an der Küste der Normandie landeten, ihr wegen des Shutdowns gesperrtes Denkmal. Und die Touristen tun es ihnen seither tagtäglich gleich. Da mäht ein Mann aus South Carolina widerrechtlich den Rasen am Lincoln Memorial, räumt Müll und Laub weg. Restaurants bieten überall in der Stadt ermäßigtes Essen für zwangsbeurlaubte Bundesangestellte. Und der Bürgermeister beugt sich nicht.

Bis auf die Nummer mit den Politessen ist das eine sehr feine Sache.



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13 Leserkommentare
xxbigj 14.10.2013
tz666 14.10.2013
Reflektierer 14.10.2013
lordas 14.10.2013
hhtom 14.10.2013
notty 14.10.2013
Ariwer 14.10.2013
Am_Rande 14.10.2013
benev 14.10.2013
desertcruiser 14.10.2013
grover01 14.10.2013
uterallindenbaum 15.10.2013
alwoods 23.11.2013

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