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13. April 2010, 17:50 Uhr

Grab auf der Wawel-Burg

Kaczynski wird neben Königen beigesetzt

Tausende Menschen säumten die Straßen Warschaus nachdem der Sarg der verunglückten polnischen First Lady gelandet war. Inzwischen ist sie gemeinsam mit ihrem Mann im Präsidentenpalast aufgebahrt. Die Beerdigung ist für Sonntag angesetzt. Auf der Wawel-Burg - neben den Königsgräbern.

Warschau - Polens Präsidentenpaar wird seine letzte Ruhe an prominenter Stelle finden. Am Dienstag wurde bekannt, dass Lech Kaczynski und seine Frau Maria am Sonntag auf der Wawel-Burg in Krakau neben den Königen ihres Landes beigesetzt werden. Die einstige Residenz polnischer Könige ist auch Grabstätte für fast 20 Monarchen vom 14. bis zum 18. Jahrhundert. Der Staatsakt für alle 96 Opfer des Flugzeugabsturzes im westrussischen Smolensk ist für Samstagmittag vorgesehen.

Am Dienstag gab es in Warschau einen bewegenden Empfang für die sterblichen Überreste von Maria Kaczynska: Tochter Marta kniete sich am Flughafen weinend vor dem in eine polnische Flagge gehüllten Sarg nieder, als dieser aus einer polnischen Militärmaschine ausgeladen wurde. Jaroslaw Kaczynski, der Zwillingsbruder des verunglückten Präsidenten, begleitete sie. Vom Flughafen aus wurde der Sarg durch Warschau zum Präsidentenpalast gefahren. Obwohl ein normaler Arbeitstag war, standen Tausende trauernde Menschen entlang der Route an den Straßenrändern und warfen Tulpen- und Rosensträuße auf den Leichenwagen.

Die Leiche der First Lady war am Montag am Ehering identifiziert worden. Die 67-Jährige war in Polen unter anderem wegen ihres Engagements für Frauenrechte sehr beliebt.

Gegen Mittag traf der Sarg unter Glockengeläut in der Kapelle des Präsidentenpalasts ein. Auch dort hatten sich schon Stunden zuvor viele Menschen versammelt, um Maria Kaczynska die letzte Ehre zu erweisen. Nach einer Zeremonie im Familienkreis wurden die Särge des Präsidentenpaars am frühen Nachmittag aufgebahrt, um der Öffentlichkeit Gelegenheit zum Abschied von den beiden zu geben.

"Ort des polnischen Dramas"

Das polnische Parlament gedachte am Dienstag auf einer Sondersitzung der Opfer des Flugzeugunglücks. Der Wald in Smolensk sei zum "Ort des polnischen Dramas" geworden, heißt es in der Erklärung beider Parlamentskammern. Dieser Verlust könne gar nicht ersetzt werden. Unter den 96 Todesopfern der Flugzeugkatastrophe befanden sich insgesamt 18 Parlamentarier sowie weitere führende Persönlichkeiten des Landes.

Die Abgeordneten bedankten sich bei den Russen für erwiesene "Anteilnahme und Solidarität". Parlamentspräsident Bronislaw Komorowski bat alle im Parlament vertretenen Parteien, ihm zu helfen, "den Staat durch die schwere Zeit zu führen." Komorowski hat nach dem Tod des Präsidenten die Geschäfte des Staatsoberhaupts übernommen.

Außenminister Radoslaw Sikorski sah in der russischen Anteilnahme nach dem Flugzeugunglück eine Chance auf Annäherung zwischen seinem Land und Russland. "Der psychologische, emotionale Durchbruch ist bereits geschehen" sagte Sikorski der polnischen Zeitung "Gazeta Wyborcza". Das werde Folgen für die Politik haben, meinte der Chef der polnischen Diplomatie.

Sikorski führte das große Engagement der russischen Staatsführung für die polnischen Opfer auf die Anwesenheit von Ministerpräsident Wladimir Putin bei den Gedenkfeierlichkeiten in Katyn am 7. April zurück. Damals hatte Russlands Regierungschef erstmals zusammen mit seinem polnischen Kollegen Donald Tusk der 1940 vom sowjetischen Geheimdienst ermordeten polnischen Offiziere gedacht. Putin habe den Schrecken dieses Ortes begriffen und habe verstanden, was das sowjetische Russland den Polen angetan habe, erläuterte Sikorski.

Keine Hinweise auf technische Panne

Nach ersten Untersuchungen schlossen die russischen Behörden eine technische Panne als Grund für den Absturz der polnischen Präsidentenmaschine erneut aus. Die Triebwerke hätten bis zum Aufprall der Tupolew TU-154 einwandfrei gearbeitet, sagte die Leiterin des Internationalen Luftfahrtkomitees in Moskau, Tatjana Anodina. Auch ein Brand oder eine Explosion an Bord würden nach der Auswertung des Flugschreibers und der Untersuchung der Trümmer ausgeschlossen.

Russlands Chefermittler Alexander Bastrykin sagte, die Untersuchungen bei Smolensk würden noch mindestens drei Tage dauern. Noch immer finde man in dem abgesperrten weitläufigen Waldstück persönliche Gegenstände der Absturzopfer. Der Pilot sei am vergangenen Samstag mehrfach auf die schlechte Wetterlage hingewiesen worden und habe trotzdem den verhängnisvollen Landeversuch unternommen, betonte Bastrykin.

ler/dpa/apn

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