Grausame Entdeckung im Irak Saddams Killing Fields

Fast jeden Tag entdecken Iraker in ihrem Land neue Massengräber, allein in al-Mahawil nahe Bagdad liegen bis zu 15.000 Leichen vergraben. Stück für Stück enthüllen die Menschen mit bloßen Händen die ganze Brutalität des Saddam-Regimes, das in den neunziger Jahren vermutlich Hunderttausende Schiiten und Kurden ermorden ließ.



Bagdad/Hilla/Al-Mahawil - Was im Jahr 1991 in der Nähe der Zementfabrik von al-Mahawil passierte, war keine Geheimaktion. Fast an jedem Apriltag rollten damals schwere Lastwagen und Busse voll gestopft mit Menschen und bewacht von bewaffneten Militärs durch die Straßen der kleinen Stadt und fuhren weiter in Richtung der salzigen Moorgebiete. Wenig später hörten die Einwohner von al-Mahawil minutenlange Maschinengewehrsalven. Danach war es still. Nur das Geräusch der Bulldozer war manchmal noch zu hören, während die Busse ohne die Menschen wieder zurückfuhren.

Bis zum Krieg der USA gegen Saddam Hussein hat in al-Mahawil niemand offen über die Geschehnisse gesprochen. Die Menschen wussten, dass die Schergen von Saddam Hussein blutige Rache an denjenigen nahmen, die sich während des ersten Golfkrieges gegen sie gewandt hatten. Zu Tausenden verhafteten Armee, Polizei und die Geheimdienste Schiiten und Kurden, die den Aufstand gegen Saddam geführt hatten oder einfach nur dessen verdächtigt wurden. Dass diese Menschen nach ihrer Verhaftung getötet würden, wusste jeder Iraker. Doch jeder der Einwohner des Saddam-Landes war sich auch gewiss, dass er der Nächste sein könnte, wenn er nicht vorsichtig war und den Mund hielt.

Menschenrechtler rechnen mit 200.000 Opfern

Wenige Wochen nach dem Ende der Kämpfe und dem Ende des Saddam-Regimes enthüllen die Menschen in al-Mahawil nun die ganze Brutalität des Regimes ihres einstigen Führers. Ohne Hilfsmittel graben sie seit Tagen an den Stellen, von denen damals die Schüsse kamen. Was sie bisher fanden, eröffnet die ganze Dimension des Terrorstaates, der jeden politischen Gegner eliminierte und ihn dann in der Wüste verscharrte. 3000 Leichen haben die Männer unter der Leitung des örtlichen Arztes Rafid al-Husseini in den letzten neun Tagen bereits gefunden. Wenn jedoch das ganze Feld geöffnet wird, erwartet Husseini mehr als 15.000 Leichen - vielleicht noch mehr.

Gleichwohl ist al-Mahawil nur eines von Dutzenden von Massengräbern im Irak. Am Dienstag entdeckten Iraker im Norden Bagdads ein weiteres Feld mit fast 1000 Leichen, auch aus dem Süden kommen immer wieder Nachrichten über größere Leichenfunde. Jeden Tag suchen dort Hunderte von Irakern mit bloßen Händen in der Wüste nach den Überresten ihrer vermissten Verwandten, die nach dem Aufstand 1991 verschwanden. Viele hielten die Erzählungen über massenhafte Erschießungen noch Tage nach dem Ende der Kämpfe für Gerüchte von Aufgeregten. Doch mit jedem Fund eines Leichenfelds kommt ein weiteres Stück der traurigen Realität ans Licht. Immer wahrscheinlicher wird auch die Vermutung der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch". Mittlerweile schätzen ihre Mitarbeiter, dass seit 1991 mehr als 200.000 Iraker vom Regime getötet wurden.

Massengräber statt Massenvernichtungswaffen

Vielen Kriegsbefürworten von gestern und heute könnten die Bilder aus al-Mahawil gute Argumente für ihre Haltung geben. Während die US-Armee noch immer verzweifelt nach den angeblichen Massenvernichtungswaffen und damit nach einer Rechtfertigung für den Krieg sucht, belegen die Bilder, dass der Waffengang allein wegen der Unmenschlichkeit des Regimes von Saddam gerechtfertigt sein könnte. Der wegen seines US-treuen Kriegskurses im eigenen Land schwer angeschlagene Blair zeigte sich jedenfalls schon wenige Stunden nach den ersten BBC-Berichten über die Massengräber schockiert und sagte, sie zeigten das "wahre Gesicht des üblen Regimes" von Saddam Hussein.

Den meisten Irakern ist dieses Gesicht wohl bekannt genug. Für sie ist die Suche nach den Massengräbern eher die Suche nach Gewissheit, die sie über Jahre nicht anerkennen wollten. Nichts hatten sie nach dem Verschwinden ihrer Verwandten über ihr Schicksal gehört. Viele trauten sich noch nicht einmal nachzufragen, da sie Angst vor der eigenen Verhaftung hatten. Nun suchen sie die langen Reihen mit den notdürftig zusammengeschnürten Überresten in al-Mahawil ab und suchen nach Spuren. An den Handgelenken der verwesten Körper finden sich manchmal Uhren oder eine Brille, die ein Identifikationsmerkmal sein könnten. Anderswo ist die Kleidung noch erhalten oder ein vergilbter Personalausweis. Dass ihre Verwandten tot sind, ahnen die meisten der Suchenden - sie wollen den endgültigen Beweis und eine Leiche zum Beerdigen.

US-Soldaten: "Für diese Verbrechen sind wir nicht zuständig"

Die in al-Mahawil gefundenen Leichen erzählen die Geschichte der Unmenschlichkeit des Saddam-Regimes und seiner Getreuen, die bis zum letzten Moment im Leben der Opfer anhielt. Viele der Leichen weisen Schussspuren auf und an manchen ist zu erkennen, dass sie eine Augenbinde hatten. Doch in al-Mahawil fanden die Suchenden auch Körper ohne Einschüsse. "Etwa ein Fünftel der Opfer wurde vom Militär lebendig begraben, sie mussten sich in das Loch legen und wurden zugeschüttet", sagt Husseini und zeigt auf die immer noch gefesselten Hände der Leichen. In einem anderen Plastiksack ist eine tote Frau zu sehen, die ihr Kind noch in den Armen hält. Beide Schädel haben ein Einschussloch auf der Stirn.

Am Mittwoch sicherten überraschend amerikanische Soldaten das Leichenfeld, über dem ein kaum auszuhaltender Verwesungsgeruch liegt. Husseini beruhigt diese spontane Hilfe der USA nicht. Seit dem 3. Mai hatte er die Armee auf das Massengrab hingewiesen, doch nichts passierte. Seitdem graben die Menschen unkontrolliert nach den Leichen. Husseini fürchtet, dass sie wichtige Beweise für eine spätere Identifizierung der Leichen vernichten könnten. Auch die Spuren der Massenexekutionen könnten so für einen möglichen Prozess gegen die Täter verschwinden. Dagegen erklärte Rick Long von den US-Marines, dass es sich "um ein Verbrechen gegen das irakische Volk, nicht um ein Kriegsverbrechen" handele. Deshalb hätten die US-Soldaten Anweisung, im Hintergrund zu bleiben und nur auf Hilfeersuchen der Bevölkerung zu reagieren.

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