Grenzgefecht Afghanische Taliban greifen Pakistan an

Sie kamen im Schutz der Nacht, dann schlugen sie zu: Rund 300 Extremisten aus Afghanistan haben einen pakistanischen Grenzposten angegriffen. Militante und Sicherheitskräfte lieferten sich ein mehr als 24 Stunden andauerndes Gefecht. 

Kampf gegen Taliban: Pakistanische Artillerie in den Bergen von Upper Dir (Archivbild)
AFP

Kampf gegen Taliban: Pakistanische Artillerie in den Bergen von Upper Dir (Archivbild)

Von , Islamabad


Man hätte sie für Soldaten halten können, die Männer, die am Mittwoch im Morgengrauen die Grenze von Afghanistan nach Pakistan überschritten: Sie trugen Uniformen und waren schwer bewaffnet. Sie marschierten über die bewaldeten Hügel in Nordwestpakistan, im Distrikt Upper Dir, in der Krisenprovinz Khyber-Pakhtunkhwa.

Um vier Uhr morgens stießen sie in dem Ort Shaltalo auf einen Kontrollposten der pakistanischen Grenzpolizei. Die Wachen wussten nichts von einer anrückenden Armee-Einheit, schon gar nicht von der afghanischen Provinz Kunar kommend. Doch ehe sie reagieren konnten, waren sie schon in ein Gefecht mit den rund 300 Männern verwickelt, das mehr als 24 Stunden dauern sollte: Die Angreifer waren keine Soldaten, sondern afghanische Taliban, mit dem Ziel, Pakistan anzugreifen. Mehreren Angreifern gelang es, an dem Posten vorbei ins Landesinnere vorzudringen und fünf Dörfer anzugreifen. Hunderte Familien flohen aus ihren Häusern und brachten sich mit Hilfe von Soldaten in benachbarten Orten in Sicherheit.

Der Grenzposten forderte Hilfe an, das Militär schickte Kampfhubschrauber, die die Angreifer aus der Luft beschossen. Erst am Donnerstagmittag meldeten die Behörden, dass die Schießerei eingestellt sei - vorerst. Die Angreifer seien in Richtung Afghanistan geflohen, als die Armeehubschrauber ihre Stellungen in den umliegenden Hügeln bombardierten. Es könne durchaus sein, dass sich einige der Kämpfer in den Wäldern versteckten und wieder angreifen würden.

Viele Paschtunen erkennen die Grenze nicht an

Bisherige Bilanz der Attacke: mindestens 27 tote Sicherheitskräfte und Zivilisten. Ein Polizeisprecher sagte, eine Familie habe vier Mitglieder verloren, als eine Mörsergranate der Taliban ihr Haus traf. Die Terroristen hätten außerdem einen Fernfahrer getötet, um mit seinem Fahrzeug die Leichen der Mitkämpfer abzutransportieren. "Deshalb ist unklar, wie viele Angreifer genau getötet wurden", sagte er. Schätzungen zufolge kamen 45 Militante ums Leben.

Die pakistanischen Taliban, die Tehrik-i-Taliban, bekannten sich zu dem Angriff. Wie bei früheren Anschlägen, zum Beispiel dem Sturm auf den Marinefliegerstützpunkt in Karatschi vergangene Woche, deklarierten sie ihr Vorgehen als Rache für den Tod Osama Bin Ladens.

Khyber Pakhtunkhwa wird seit Jahren von Terror erschüttert - mehr als jede andere pakistanische Provinz. Die knapp 2700 Kilometer lange Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan ist nur spärlich bewacht. Die Landschaft ist wegen der Berge unübersichtlich und mit herkömmlichen Grenzposten kaum zu kontrollieren. Man benötigte Satelliten und hochmoderne Aufklärungsflugzeuge, um das Gebiet zwischen beiden Ländern effektiv zu überwachen.

Aber viele Einheimische wollen nicht, dass diese in Zeiten Britisch-Indiens geschaffene, nach dem damaligen britischen Außenminister Henry Mortimer Durand benannte Durand-Linie existiert - sie trennt das Volk der Paschtunen. Viele Familien leben auf beiden Seiten dieser Grenze, sie empfinden sie als von den damaligen britischen Kolonialherren willkürlich geschaffene Trennung einer westlichen Macht.

Washington verlangt Krieg gegen Haqqani-Netzwerk

Der Distrikt Dir litt ab 2008 besonders unter dem Vormarsch der Taliban, die diese Region bis einschließlich das Swat-Tal eroberten. Im Frühjahr begann das Militär eine Offensive und drängte die Extremisten in einem blutigen Krieg zurück - viele Aufständische flohen in andere Regionen Pakistans oder nach Afghanistan. Seither behauptet das pakistanische Militär, die Region sei von Extremisten befreit.

Das Gefecht zeigt, dass das nicht stimmt. Nach wie vor können sich Militante ungehindert aus benachbarten Regionen - selbst aus Afghanistan - frei bewegen. Wie in den angrenzenden Stammesgebieten sind auch in Upper Dir Kämpfer des Terrornetzwerks al-Qaida und der Taliban aktiv - und zwar sowohl der pakistanischen Tehrik-i-Taliban als auch der afghanischen Taliban. Außerdem werden hier Mitglieder des berüchtigten Haqqani-Netzwerks vermutet, die in Afghanistan US-Soldaten bekämpfen. Während Polizei und Streitkräfte in Upper Dir noch präsent sind, haben sie in den Stammesgebieten keinen Einfluss. Hier regieren die Stämme, es gilt das Gesetz der Paschtunen, Streitigkeiten werden entweder per Dschirga, der Versammlung von Stammesältesten, oder per Waffe gelöst.

Washington drängt Pakistan deshalb, nach der Militäroperation im Swat-Tal und Umgebung im Frühjahr 2009 und dem Waffengang in Südwaziristan im Herbst 2009 nun auch gegen Extremisten in Nordwaziristan vorzugehen. Einen Bericht der pakistanischen Tageszeitung "The News", dass eine Offensive beschlossen sei und bevorstehe, wies ein hochrangiger Armeeoffizier gegenüber SPIEGEL ONLINE als "großen Unsinn" zurück. "Wir entscheiden selbst, ob und wann wir eine solche Offensive beginnen", erklärte er. Man lasse sich nicht von den USA unter Druck setzen.

Auch Armeesprecher Athar Abbas erteilte amerikanischen Forderungen nach einem raschen Vorgehen in Nordwaziristan eine Absage. "Wir müssen selbst entscheiden, wann, wie und wo wir vorgehen", erklärte er. Die pakistanische Armee habe derzeit 147.000 Soldaten im Anti-Terror-Einsatz, so dass die Streitkräfte sich derzeit nicht auf eine neue Front einlassen könnten. "Es geht doch nicht darum, dass wir nicht gegen Extremisten kämpfen wollen, im Gegenteil, wir sind doch selbst die Opfer. Aber man muss uns schon selbst beurteilen lassen, was wir leisten können."

USA und Pakistan planen gemeinsame Terroristenjagd

Nach Angaben von Geheimdienstmitarbeitern haben Spekulationen über eine bevorstehende Offensive in Nordwaziristan dazu geführt, dass Kämpfer des Haqqani-Netzwerks sich in weiter nördlich gelegene Gebiete in Sicherheit gebracht hätten - unter anderem in Upper Dir. Generalleutnant Asif Yasin Malik, Kommandeur des 11. Corps in Peschawar, erklärte auf einer Pressekonferenz, man "missbrauche" jedoch den Begriff Netzwerk: "Es entsteht nicht gleich ein Netzwerk, nur wenn vier Leute irgendwo beisammensitzen." Malik erklärte, wahrscheinlicher als eine Operation in Nordwaziristan sei eine Offensive in Kurram, wo die Stammesältesten das Militär um Hilfe gebeten hätten.

Die internationale Polizeiorganisation Interpol gab derweil einen internationalen Sicherheitshinweis heraus: Im April waren mehr als 470 Häftlinge aus dem Gefängnis im afghanischen Kandahar durch einen Tunnel in Freiheit gelangt. Da es Hinweise gebe, dass die Ausbrecher, darunter hochrangige Taliban, nach Pakistan geflohen seien, habe man die Sicherheitsbehörden in dem Land informiert.

Die USA präsentierten Islamabad zudem eine Liste mit den meistgesuchten Terroristen, die in Pakistan vermutet würden. Die Liste sei von US-Außenministerin Hillary Clinton vorgelegt worden, bestätigten Mitarbeiter des pakistanischen Außenministeriums. Nach Informationen der Nachrichtenagentur AP haben sich Washington und Islamabad darauf geeinigt, ein Team aus Geheimdienstmitarbeitern beider Länder zu bilden, die die Gesuchten aufspüren sollen. Es handele sich dabei um eine "vertrauensbildende Maßnahme", nachdem die Beziehungen beider Länder nach dem nicht abgesprochenen Einsatz eines US-Kommandos gegen Osama Bin Laden einen Tiefpunkt erreicht hatten.

Zu den Gesuchten zählen die Nummer zwei des Terrornetzwerks al-Qaida, Aiman al-Sawahiri, sowie Qaida-Operationschef Atiya Abdel Rahman, sowie Taliban-Chef Mullah Omar und der Chef des Haqqani-Netzwerks Sirajuddin Haqqani. Diese Terroristen würden allesamt in Pakistan vermutet.

insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sukowsky, 02.06.2011
1. Die Ehre verletzt
Man kann ja sagen was man will über die pakistanischen Militärs doch hier haben es die Taliban zu weit getrieben und ihren Stolz verletzt. Ihre langsame Maschinerie wird nun Gebiet für Gebiet die Taliban aufscheuchen und unerbittlich verfolgen. Den Amerikaner kommt das gelegen.
ddkddk 02.06.2011
2. Für die Taliban ist Pakistan ein Feind
Schließlich duldet dieses Land ständige Nachschubtransporte zur Bekämpfung der Taliban über sein Gebiet. Wenn wir den Kampf gegen die Taliban als Krieg definieren wie neuerdings, sind die Angriffe auf Pakistan sogar mit dem Kriegsrecht vereinbar und damit legal.
mark anton, 02.06.2011
3. Sehr gut, wenn sie sich gegenseitig aus der Welt schaffen
Zitat von sysopSie kamen im Schutz der Nacht, dann schlugen sie zu: Rund 300 Extremisten aus Afghanistan haben einen pakistanischen Grenzposten angegriffen. Militante und Sicherheitskräfte lieferten sich ein mehr als 24 Stunden andauerndes Gefecht.* http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,766288,00.html
etwas besseres koennte garnicht passieren, als wenn Afghanen und Pakis sich gegenseitig eleminieren. Am Ende werden nur Pakis uebrigbleiben, da es von denen mehr gibt.
sever 02.06.2011
4. .....
Zitat von sukowskyMan kann ja sagen was man will über die pakistanischen Militärs doch hier haben es die Taliban zu weit getrieben und ihren Stolz verletzt. Ihre langsame Maschinerie wird nun Gebiet für Gebiet die Taliban aufscheuchen und unerbittlich verfolgen. Den Amerikaner kommt das gelegen.
Es wird nichts großartiges außer ein paar Komandoaktionen seitens pakistanischen Armee geben. Dieser Zwist zwischen den Paschtunen und Regierung gibts schon ewig und schon immer bleibt es beim Status Quo. Paschtunen sind ein sehr stolzes,gottesfürtiges und angesehenes Volk in der Region, daher kann Pakistan nicht bis ans Äusere gehen. Zumal laviert und ballanciert die Regierung schon ohnehin zwischen dem Volk und verhassten Westlern, besonders Amerikanern, die denen endgültig zum Verhängnis werden könnten. Die Menschen dort ticken ganz anders als wir. Alles, was sie tun und lassen, hat die Grundlage aus der Geschichte die sehr komplex ist, unter anderem "Dank" den europäischen Kolonialmächten von damals...
Ernst August 02.06.2011
5. Stolz wie ein Pakistaner
Zitat von sukowskyMan kann ja sagen was man will über die pakistanischen Militärs doch hier haben es die Taliban zu weit getrieben und ihren Stolz verletzt. Ihre langsame Maschinerie wird nun Gebiet für Gebiet die Taliban aufscheuchen und unerbittlich verfolgen. Den Amerikaner kommt das gelegen.
Lesen sie keine Zreitungen? Haben sie ein schlechtes Gedächnis. Es ist kaum 2 Jahre her als Zehtausende pakistanische Soldaten im Grenzgebiet ganze Gegenden geräumt hatten (über 2 Millionen Flüchtlinge) und dann stolz verkündeten das Gebiet von "Taliban" gesäubert zu haben. Und nun marschieren im Grenzbereich 300 Mann in Uniformen auf und beschäftigen die halbe Armee. Die Geschichte hat aber ein nicht gemeldetes Vorspiel denn wie in ausländischen Medien zu lesen stand (wird Zeit dass das Internet unter Kontrolle kommt) hat eine NATO Eliteeinheit mal wieder pakistanische Hoheit verletzt und 5 Anführer der im Artikel erwähnten Taliban Gruppe entführt und nach Afghnistan verbracht ohne die pakistanischen Behörden zu informieren. So stand es zu lesen Ein paar Tage später marschieren uniformierte (eine filmreife Geschichte) Taliban in Hunderschaften ein und zeigen Pakistan wer Herr im Hause ist. Nein, keine Angst, die pakistanische Bevölkerung weiß mehr als wir und sie weiß genau wer Pakistan regiert - ihre Regierung ist es nicht. Nein, die werden ihren Stolz nicht dahin richten wo sie es gerne hätten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.