Grenzstadt Dandong An der Schwelle zu Kims Schattenreich
Berlin/Dandong - Die Lastwagen stauen sich beim Überqueren der Brücke über den Yalu. Voll beladen sind sie nur bei der Fahrt in Richtung Nordkorea - auf dem Heimweg nach China ist die Ladefläche meist verwaist. Im Gepäck der chinesischen Händler und Spediteure: Elektrogeräte, Haushaltswaren, Obst, Kleider für das arme Nordkorea. Dazu Öl und Getreide in großen Mengen. Auf der anderen Seite werden die Waren umgeladen. Nordkoreanische Lastwagen bringen die Güter tiefer ins Land.
Was der Uno-Sicherheitsrat am vergangenen Freitag in New York beschlossen hat, das muss sich jetzt hier im weit entfernten Nordosten von China beweisen. Der Blick der Welt richtet sich auf die Grenzstadt Dandong: den Hauptumschlagplatz für Chinas Handel mit Nordkorea. Hier wird die Frage beantwortet: Wie hält es der übergroße Nachbar wirklich mit den gerade beschlossenen Uno-Sanktionen gegen Kim Jong Ils Regime?
Noch übt sich China im Gleichklang mit der Weltgemeinschaft. Die Kontrollen an der Grenze zu Nordkorea wurden nach der Verabschiedung der Uno-Resolution verschärft. Doch der Handel mit Nordkorea ist einträglich - und soll eigentlich weiter florieren, das ist Chinas wirtschaftliches Interesse. Zu lukrativ erscheint der Handel.
Dandong ist wichtigster Umschlagplatz für den Export von chinesischen Waren nach Nordkorea. Die größte Grenzstadt des Landes ist dem stalinistischen Nachbarstaat ganz nah. Nur der Fluss Yalu trennt die aufstrebende Wirtschaftsmetropole von der bitteren Armut, die auf der anderen Seite in der Stadt Sinuiju beginnt. Dort wartet man täglich voll Sehnsucht auf die chinesischen Lastwagen und Eisenbahnwaggons.
Dandong gedeiht, die Metropole glitzert
Denn ohne die chinesischen Importe wäre die Not in Nordkorea noch größer. Güter im Wert von 500 Millionen Dollar wurden im vergangenen Jahr über die Grenze gebracht. Der Handel über den Fluss hinweg hat Tradition: Schon in der Ming-Dynastie des 14. Jahrhunderts gab es rege Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Städten.
Damals waren die Wirtschaftsbeziehungen auf Augenhöhe. Das gilt nicht mehr. Kim Jong Ils Regime ist heute an die Gunst der Machthaber in Peking gebunden - politisch wie wirtschaftlich. Aus China kommen lebenswichtige Importgüter nach Nordkorea, die das stalinistische Regime am Laufen halten. Aus Kims Schattenreich der Weltpolitik wird höchstens Billigware über die Grenze zurückexportiert.
Der Handel lohnt sich für China. An Nordkoreas Elend lässt sich gut verdienen, und der Kunde ist treu - eine Alternative zu den chinesischen Händlern gibt es für den isolierten Staat nicht.
Besonders Dandong mästet sich an dem Beinahe-Handelsmonopol. In den vergangenen Jahren erlebte die Grenzmetropole mit ihren 2,4 Millionen Einwohnern einen massiven Aufschwung. Zahlreiche Industrieunternehmen haben sich angesiedelt: Maschinen, Papier und Textilien werden nun in Dandong produziert. Moderne Hochhäuser und koreanische Restaurants zieren die Uferpromenade, schicke Geschäfte reihen sich aneinander im Stadtzentrum von Dandong.
Sinuiju leidet, die Stadt dreht nachts den Strom ab
Seit neuestem kommen auch chinesische Touristen. Sie wollen einen Blick auf das stalinistische Nachbarland erhaschen - wie einst die Mauertouristen in Berlin. Im Pauschalprogramm für die Gäste: eine Bootsfahrt bis dicht an das andere Ufer, für ein Erinnerungsfoto. Wer das Boot scheut, kann durch ein Fernglas schauen. Auf der anderen Seite, in Sinuiju, ist außer einem verrosteten Riesenrad allerdings nicht viel zu sehen. Manchmal spielen nordkoreanische Schüler im Sand, das rote Pioniertuch um den Hals. Einige Besucher zieht es auch auf die alte, zerstörte Brücke über den Yalu, die US-Flieger im Korea-Krieg kaputt geschossen haben. Bis zur Mitte ist sie begehbar, ein kleines Museum erinnert an die Kämpfe. Händler verkaufen nordkoreanische Briefmarken und Werke des Staatsgründers Kim Il Sung als Souvenirs.
Völlig anders sieht es auf der anderen Seite aus. Dort, in Sinuiju, blicken sie voll Neid auf das glitzernde Dandong. Die chinesische Stadt leuchtet jede Nacht hell. Im nordkoreanischen Sinuiji herrscht Dunkelheit. Strommangel. Nur wenige haben die Möglichkeit, legal nach China zu reisen und den Reichtum auf der anderen Seite selbst zu sehen. Also kommen viele illegal - im Dunkel der Nacht.
Seit Jahren floriert der Schmuggel in der Region. Die chinesischen Grenzbehörden lassen die Geschäfte bisher meist tatenlos geschehen. Daher auch jetzt die Sorge vor allem der US-Regierung, dass China womöglich zu wenig Einsatz zeigt, wenn es um die Uno-Sanktionen auf Waffenexporte und Luxusgüter geht.
Ein historisches Bollwerk gegen die Flüchtlinge
Unzweifelhaft ist: China will die Grenze zu Nordkorea weniger durchlässig machen. Allerdings nicht vordringlich wegen der Schmuggler, sondern wegen der Flüchtlinge. Denn viele Nordkoreaner wollen nicht nur schnelle Geschäfte mit dem Norden machen - sie wollen die Not hinter sich lassen. Sie wollen einen Neuanfang im nördlichen Nachbarland.
Zehntausende leben schon auf der anderen Seite. Die Polizei verfolgt sie, die Chinesen beuten sie oft wie Sklaven aus.
China will verhindern, dass noch mehr kommen. Ein 20 Kilometer langer Zaun an der Grenze zu Nordkorea soll jetzt die Flüchtlinge aus dem Süden abhalten.
Fast zeitgleich zur Abstimmung im Sicherheitsrat haben am Freitag chinesische Polizisten begonnen, einen Stacheldrahtzaun zu bauen. Die Grenzbefestigung hat etwas Historisches: China errichtet damit zum ersten Mal eine feste Absperrung gegen Nordkorea.
Chinas Begründung: Eine Massenflucht aus Nordkorea könnte das Nachbarland weiter destabilisieren. Die politischen Folgen und die Kosten wären fatal für die Region. Der Grenzzaun soll ein Bollwerk gegen einen Massenansturm von Flüchtlingen werden. Genau ein solcher Ansturm ist Chinas Angst - für den Fall, dass die Nordkorea-Sanktionen zu hart würden oder der Konflikt mit den USA eskaliert.
mit Material von AP, Mitarbeit: Andreas Lorenz