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Euro-Krise, EM-Freude: Griechenland vor der Parlamentswahl

Foto: Dimitri Messinis/ AP

EM-Erfolg in der Krise Griechenland beschwört das Euro-Wunder

Die Griechen wählen ein neues Parlament - und feiern frenetisch den Einzug ihrer Elf ins Viertelfinale der Fußball-EM. Der sportliche Erfolg verhilft zu neuem Selbstbewusstsein, auch in der Euro-Krise und in den Verhandlungen mit dem Feindbild Deutschland. Der Wahltag wird spannend.

Auf einmal gehen auf dem Omonia-Platz alle auf die Knie. Doch da bleiben sie nur ein paar Sekunden. Dann springt die Menge mit einem Mal wieder auf und singt die Hymne von 2004: "Olé, olé, olé, olé, Hellas, olé..." Viele schwenken Flaggen, manche davon wurden wohl gerade erst für fünf Euro bei Straßenhändlern gekauft, die wie aus dem Nichts große Mengen davon hervorgezaubert haben. Gegenüber weht auf einem Wandgemälde eine besonders große Fahne, darunter ein Zitat des kretischen Sängers Manolis Rasoulis: "Ach, Griechenland, ich liebe dich."

In Athen ist am späten Samstagabend die Stunde des Nationalstolzes angebrochen, zu einem Zeitpunkt, der nicht passender sein könnte. Am Sonntag wählen die Griechen ein neues Parlament, seit 7 Uhr am Morgen sind die Wahllokale geöffnet, und vielen kommt es vor, als hätten sie nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Die herrschende politische Klasse verachten sie, vom Rest Europas, besonders von Deutschland, fühlen sie sich drangsaliert. Und jetzt dieser Sieg gegen Russland, das Erreichen des Viertelfinales. Das geht runter wie feinstes Olivenöl.

Maria hat ein seliges Lächeln auf den Lippen. "Das zeigt, dass wir stark sind und dass wir eine griechische Seele haben", sagt sie über den Sieg. Den nächsten möglichen Gegner hat die 22-Jährige im hellblauen Top schon im Blick. "Die Deutschen werden wir schlagen." Auch der 21-jährige Kostas ist sich sicher: "Die Deutschen besiegen wir auf jeden Fall!"

Immer wieder explodieren auf dem Platz Feuerwerkskörper, ein Hund rennt aufgescheut durch die Menge. Den südlichen Teil des Omonia-Platzes hat die Polizei ohnehin abgesperrt, doch auch ein paar hundert Meter entfernt blockieren feiernde Fans die linke Fahrbahn. Niemanden scheint es zu stören.

Wut auf Feindbild Merkel

Christos hat einen Hellas-Schal um die rechte Hand gebunden, um den Hals trägt er eine griechische Flagge. Die politische Situation werde der Sieg zwar nicht beeinflussen, sagt der 30-Jährige, "aber wir haben das Feiern nötig!" Beim EM-Sieg 2004 sei noch mehr los gewesen, merkt sein Kumpel Lukas an, der bei der deutschen Baumarktkette Praktiker arbeitet. "Aber da ging es dem Land auch noch gut."

Ist der Sieg gegen Russland am Ende ein Zeichen dafür, dass es mit dem Land jetzt wieder bergauf geht? Nein, sagt Vangelis, der das Treiben ruhig von seinem Motorroller aus beobachtet. "Politik und Sport haben nichts miteinander zu tun." Doch wenige Sekunden später widerlegen die Umstehenden diese Aussage. Sie stimmen zwei Gesänge an, in denen es um Angela Merkel geht, und das in ganz und gar unschmeichelhafter Weise. Es fallen wüste Beschimpfungen. Einer will dann wohl noch seinen generellen Unwillen über die Währungsunion zum Ausdruck bringen. "Fuck Euro!", ruft er.

Natürlich ist das Sportliche höchst politisch, zumindest in Zeiten wie diesen. Das zeigen auch griechische Kommentare, die nach dem Spiel über den Kurznachrichtendienst Twitter laufen. Der Sieg zeige, schreibt @papadimoulis, ein Abgeordneter des Linksbündnisses Syriza, "dass wir nur mit einer Teamleistung die Tatsachen, die die Mächtigen geschaffen haben, überwinden und im Euro bleiben können!"

Besonders begeistert die Netzgemeinde auch die Aussicht, dass das nächste Spiel gegen Deutschland gehen könnte. Die Euro als Turnier und der Euro als Währung werden dabei eins. Vielleicht treffe der Euro-Exit Deutschland ja als erstes, spottet @LuisBun. Und @Inverted_A hat sich schon genau ausgemalt, welche Rolle der Kandidat des Linksbündnisses, Alexis Tsipras, bei dem Duell spielen könnte. "Nächstes Spiel Griechenland - Deutschland. Tsipras ist als unser Premierminister da. Tor für Griechenland. Tsipras zeigt Merkel den Mittelfinger."

Mitarbeit: Lamprini Thoma
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