Troika-Besuch in Athen Griechenland zittert vor den Herren in Schwarz

Für Griechenland geht es jetzt um alles: Die Troika-Experten von EU, EZB und IWF prüfen derzeit die Sparfortschritte in dem Land - es droht ein Ende der Finanzhilfen. Viele Bürger sind längst verzweifelt und rechnen mit dem Schlimmsten.

Suppenküche in Athen: Wenig Hoffnung in Europas Krisenstaat Nummer eins
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Suppenküche in Athen: Wenig Hoffnung in Europas Krisenstaat Nummer eins

Aus Athen berichtet


Eine Aluminiumschale mit Nudeln. Eine Flasche Wasser. Ein Brötchen. "Hauptsache, es stillt den Hunger", sagt Yannis. Der 63-Jährige lehnt an einer Häuserwand in der Sophokles-Straße und löffelt sein Mittagessen. Eine halbe Stunde hat er in der Schlange gestanden, vor einer Suppenküche im Zentrum von Athen. Er sagt, er habe kein Geld mehr, um sich anderweitig zu ernähren. "Ich verdiene 500 Euro im Monat, davon gehen alleine 200 für die Miete drauf."

Als einer von mehr als 400.000 Menschen, die im Großraum Athen Tag für Tag auf die kostenlosen Lebensmittelrationen angewiesen sind, macht sich Yannis keine Illusionen mehr. Nicht über seine Zukunft, nicht über die Zukunft seines Landes. "Ich weiß nicht, wie sie Leute wie mich noch weiter schröpfen wollen. Es gibt nichts mehr zu schröpfen. Soll ich mich vom Hochhaus stürzen, um den Staat zu entlasten?"

Man sollte mit Leuten wie Yannis sprechen, um ein Gefühl für die soziale Realität in Griechenland zu bekommen - und für den Frust, der hier inzwischen fast alle Gesellschaftsschichten erfasst hat. Viele mussten Entlassungen hinnehmen, Einkommenseinbußen von bis zu 50 Prozent, Rentenkürzungen, dazu immer neue Steuern und Abgabenerhöhungen. Sie mussten miterleben, dass immer mehr Geschäfte schließen; dass ganze Stadtteile verwildern und verrohen; dass Apotheker Medikamente nur noch gegen Vorkasse verkaufen; dass die Zahl der Drogensüchtigen ebenso ansteigt wie die der Selbstmörder. Von "verängstigten Menschen" spricht die Chefin des Internationalen Gewerkschaftsbundes, Sharan Burrow, die dem Land einen Besuch abstattete, von "Menschen, die Angst davor haben, Kinder in die Welt zu setzen, weil sie nicht wissen, ob sie noch für sie sorgen können".

Weitere Gehaltskürzungen für Staatsbedienstete

Es ist kaum Hoffnung zu spüren in Europas Krisenstaat Nummer eins, nur eine Frage beschäftigt die Menschen: Kann es noch schlimmer kommen?

Seit die sogenannte Troika am Dienstag wieder in Athen eintraf, ist die Anspannung groß. Das Dreigespann aus Europäischer Kommission, Internationalem Währungsfonds (IWF) und Europäischer Zentralbank (EZB) bereitet einen Abschlussbericht vor, der darüber entscheiden soll, ob das Land seinen Spar- und Reformanstrengungen gerecht wurde und weitere Hilfszahlungen erhalten soll - oder ob der Geldhahn zugedreht wird und Griechenland endgültig pleitegeht.

Über Gerüchte, dass sich der IWF nicht mehr an den Milliardenkrediten beteilige, weil es zu viele Verzögerungen bei den Reformen gebe, hatten auch griechische Medien ausgiebig berichtet. Nicht zuletzt wegen des Wahlkampfs blieben tatsächlich etliche Spar- und Reformmaßnahmen auf der Strecke.

Als vollkommen unverantwortlich kritisierten die Medien dagegen Spekulationen, dass ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone nun immer wahrscheinlicher werde. "Hört auf mit den negativen Gerüchten", so die Tageszeitung "Kathimerini", "solange die Euro-Austrittsdrohungen nicht verschwinden, wird nichts Positives in diesem Land passieren!" Das klang ganz ähnlich aus dem Munde des deutschen Botschafters in Athen, Wolfgang Dold, der in einem Interview mit der Sonntagszeitung "To Vima" noch davor gewarnt hatte, "der Versuchung des Euro-Austritts" zu unterliegen.

Mit Sorge verfolgen die Griechen nun die Arbeit der "Herren in Schwarz", wie die Männer von der Troika im Volksmund genannt werden. Gleich nach ihrer Ankunft kündigte die Regierung von Ministerpräsident Antonis Samaras an, mehr als 200 ineffiziente Behörden zu schließen. Rund 40 Millionen Euro sollen damit gespart werden. Mit weiteren Gehaltskürzungen für Staatsbedienstete und diversen Kürzungen im Sozialbereich sollen insgesamt 9,5 Milliarden Euro zusammenkommen. Es gehe darum, die Glaubwürdigkeit Griechenlands gegenüber seinen Gläubigern wiederherzustellen, sagte Samaras in einer Rede vor dem Parlament. Er sei zuversichtlich, dass sein Land die Auflagen schultern werde, es brauche dazu nur mehr Zeit.

Dem Land fehlt ein Plan B

In Anbetracht der katastrophalen Wirtschaftslage, einer Rezession von sieben Prozent und einer Arbeitslosenrate von 24 Prozent - Tendenz steigend - hatte der Premier auf Neuverhandlungen gehofft. Doch die werden Athen wohl kaum eingeräumt werden.

Stavros Lygeros, ein bekannter politischer Kolumnist, rechnet denn auch mit dem Schlimmsten. "Unsere Wirtschaft liegt am Boden und mit jeder weiteren Einsparmaßnahme wird noch einmal nachgetreten. Keine Gesellschaft kann das auf Dauer ertragen." Um dem teuflischen Kreislauf aus Spardiktat, Rezession und steigender Verschuldung zu entkommen, so Lygeros, bräuchte Griechenland tatsächlich einen Aufschub - und einen Plan für einen radikalen Neuanfang. Und was, wenn die Troikaner ihre Drohung doch noch wahr machen? Was, wenn kein Geld mehr nach Athen fließt? "Dieser Fall ist nicht vorgesehen. Das ist das Tragische: Jedes Land hat einen Plan B, nur nicht Griechenland. Unsere Politiker verhalten sich da ganz wie Exorzisten. Sie glauben, solange sie das Böse - also die Rückkehr zur Drachme - vertreiben können, ist es auch aus der Welt."

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Seite 1
verpiler 25.07.2012
1.
Griechenland hat sich mit bewusst gefälschten Zahlen in den Euro geschmuggelt. Interessant wäre, ob dies nun zum Wohle der Bevölkerung war. Das heißt: Wo stünde Griechenland heute, wenn sie vom Euro die Finger gelassen hätten?
max-mustermann 25.07.2012
2. Wieviele
Jahre Aufschub braucht man denn noch ? Seit Jahren kommt eine Finanzspritze nach der anderen und trotzdem wird nichts seitens Griechenlands unternommen irgendetwas zu ändern. Solange das so bleibt ist jeder Aufschub sinnlos.
Sharoun 25.07.2012
3. Omg
Zitat von sysopREUTERSFür Griechenland geht es jetzt um alles: Die Troika-Experten von EU, EZB und IWF prüfen derzeit die Sparfortschritte in dem Land - es droht ein Ende der Finanzhilfen. Viele Bürger sind längst verzweifelt und rechnen mit dem Schlimmsten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846227,00.html
Ich bin ja gegen jegliches Bashing ganzer Völker und so .. aber wenn die Griechen alle so verzweifelt sind, warum haben die sich dann bei den Neuwahlen wieder mehrheitlich eine marktkonforme Regierung zusammengewählt? Hat sie doch keiner zu gezwungen; verzweifelte Menschen hätten alles mögliche andere getan, als wieder diese unsäglichen Christlichkonservativen und Pasok (das bisherige Establishment) ans Ruder zu lassen. Hab ich nie verstanden, aber das Volk hat so entschieden .. also, läuft doch.
privado 25.07.2012
4. Das Ergebnis der Prüfung...
Zitat von sysopREUTERSFür Griechenland geht es jetzt um alles: Die Troika-Experten von EU, EZB und IWF prüfen derzeit die Sparfortschritte in dem Land - es droht ein Ende der Finanzhilfen. Viele Bürger sind längst verzweifelt und rechnen mit dem Schlimmsten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,846227,00.html
...ist doch jetzt schon absehbar. Die Griechen sollten sich mal besser auf härtere Zeiten einstellen. Bald ist es vorbei mit dem Chillen auf Kosten anderer.
Nikolai C.C. 25.07.2012
5. Reiche Griechen und die Steuerflucht?
Ich lese immer wieder von den wohlhabenden Griechen, die den Londoner Immobilienmarkt leerkaufen, Reeder, die von der Steuerpflicht befreit sind und Unternehmen, welche ihren Steuersitz nach Zypern oder Bulgarien auslagern. Bitte erwähnen!
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