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Räumung der Zeltstadt: Das Ende von Idomeni

Foto: YANNIS KOLESIDIS/ AFP

Räumung des Flüchtlingslagers Idomeni Die Menschen gehen, die Bulldozer kommen

Plötzlich geht alles ganz schnell. Die Polizei räumt das Camp von Idomeni, Flüchtlinge packen ihre Sachen. Viele träumen trotzdem von einem Leben in Deutschland.

Um sechs Uhr morgens schlafen die meisten Flüchtlinge in Idomeni noch friedlich in ihren Zelten, das provisorische Lager mit 8500 Menschen im Niemandsland an der griechischen-mazedonischen Grenze scheint auf den ersten Blick ruhig. Vom Dach der heruntergekommenen Bahnstation aber wirkt die Szenerie bedrohlich.

39 Einheiten der griechischen Spezialkräfte stehen bereit, sie sind mit Dutzenden gepanzerten Fahrzeugen gekommen. Teams von Zivilpolizisten patrouillieren in dem Lager zu Fuß. Die Evakuierung von Idomeni soll beginnen.

Im Video: Giorgos Christides in Idomeni

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In einem Kraftakt soll nun gelingen, was monatelange Überredungsversuche nicht vermocht haben. Viele fürchteten, dass diese großangelegte, von der Polizei geführte Räumung gewaltsam enden könnte - doch bislang bestätigen sich diese Ängste nicht. "Ohne einen einzigen Fall von Gewalt oder gewaltsamen Widerstand" wurde die Operation bislang durchgeführt, sagte ein Polizist am Morgen.

Auch Mohammed wird Idomeni verlassen, er ist traurig. Wütend ist er nicht. Er hat Fragen. Er stammt aus Syrien, aber er weiß nicht, ob er Anspruch auf Asyl hat. "Wird meine Familie künftig in einem Militärcamp gefangen sein?", fragt er. "Wenn ich Asyl erhalte, kann ich dann in Europa reisen?"

Seit vier Monaten lebt er in Griechenland. Und er vertraut den zwei griechischen Reportern, die er gerade erst kennengelernt hat, mehr als griechischen Behörden oder EU- und Uno-Vertretern.

Warmer Tee und ein Abschied

Die Bahnstation von Idomeni mit den überfluteten Korridoren und defekten Toiletten - das ist sein Zuhause geworden. Mit seiner Familie lebt er in einem Raum im zweiten Stock, in dem Zimmer ist alles sauber und ordentlich.

In den frühen Morgenstunden, wenige Stunden vor der Räumung, hat er dort noch mit den zwei Reportern warmen Tee getrunken - Journalisten, die sich vor der Polizei versteckten, weil in Idomeni vor der Räumung keine Presse sein sollte.

Die Kinder schliefen friedlich, Mohammed schaute durch die zerbrochene Fensterscheibe auf den orangefarbenen Vollmond. Er erzählte, dass er nicht in Griechenland bleiben wolle, auch wenn er es ein "schönes Land mit schönen Menschen" nannte. Mohammed ist Ingenieur der Elektrotechnik, er träumt davon, in Deutschland zu arbeiten. "Ich kann schnell Deutsch lernen", sagt er. Idomeni, das hat ihn so nah an Deutschland herangebracht wie noch nie.

Wie Mohammed harrten die meisten Flüchtlinge in Idomeni aus, weil sie darauf hofften, dass die sogenannte Balkanroute wieder geöffnet werden könnte, und sie dann nach Mitteleuropa weiterreisen könnten.

Elend, Gewalt und Menschlichkeit

Aber wenige Stunden später, gegen sieben Uhr morgens, beginnt die Räumung tatsächlich. "Guten Morgen", lautet die Ansage. "Bitte packen Sie Ihre Sachen und steigen Sie in den Bus. Er wird sie zu einem organisierten Auffanglager bringen, wo sie besser versorgt werden und die Möglichkeit haben, einen Asylantrag zu stellen." Die griechischen Polizisten geben die Botschaft weiter, ein Zelt nach dem anderen. Alle Flüchtlinge fügen sich. Manche kommen sogar aus anderen Teilen des weit gewucherten Camps.

Es geht alles sehr schnell. Innerhalb von zwei Stunden haben sechs Busse das Lager verlassen, sieben weitere stehen kurz vor der Abfahrt zu den Auffanglagern in der Region Thessaloniki. Bereits 340 Migranten haben das Lager gegen 9:30 Uhr friedlich verlassen. Viele Familien gehen nun, so wie die von Mohammed.

Der westliche Teil der Zeltstadt, so sieht es ein 60-seitiger Plan der Polizei vor, wird zuerst geräumt. Dort gab es Zusammenstöße mit mazedonischen Sicherheitskräften. Später wird der Teil an den Bahngleisen folgen, sodass zwischen Griechenland und dem restlichen Europa über diese Strecke wieder Züge fahren können.

In drei bis zehn Tagen wird das Lager geräumt sein, schätzen die Behörden. Mitte Juni, spätestens. Dieser Mikrokosmos aus Widersprüchen und Kontrasten, wo Elend, Verzweiflung und Gewalt so oft rührender Menschlichkeit und Würde begegneten - all das wird der Vergangenheit angehören.

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