Schuldenkrise Angela Merkel, die letzte Hoffnung Griechenlands

Erst Härte, dann Nachsicht: Bei allem Ärger will Angela Merkel dem griechischen Premier Alexis Tsipras helfen, sein Land in der Eurozone zu halten. Sogar in Griechenland wächst der Respekt für die deutsche Kanzlerin.

Merkel als Mausgraffito in Athen: Die Beliebtheit der Kanzlerin nimmt zu
AP

Merkel als Mausgraffito in Athen: Die Beliebtheit der Kanzlerin nimmt zu

Von und


"Madame Non" wurde sie getauft, als "Eiserne Lady" tituliert, mit Reichskanzler Otto von Bismarck gleichgesetzt. Die Eurokrise hat Angela Merkel wenig schmeichelhafte Spitznamen und Vergleiche eingebracht. Ganz Böswillige warfen ihr Nazimethoden vor. Die Kanzlerin in Nazi-Uniform - solche Protestplakate und Karikaturen gab es vor allem in Griechenland zu sehen. Die Menschen dort machten Merkel persönlich verantwortlich für die Entbehrungen, die sie beim Kampf ihres Landes gegen die Pleite zu erleiden hatten.

Doch gerade jetzt, in den dramatischen Tagen und Stunden, in denen sich das Schicksal Griechenlands entscheidet, ist die Stimmung gegenüber der deutschen Regierungschefin spürbar milder geworden. Eine bislang unveröffentlichte Umfrage eines führenden griechischen Meinungsforschungsinstituts, die SPIEGEL ONLINE einsehen konnte, zeigt: Die Kanzlerin ist bei den Hellenen populärer als gedacht.

Im Juni gaben demnach immerhin 38 Prozent der Befragten an, eine positive Meinung von Merkel zu haben. Das ist eine deutliche Steigerung im Vergleich zu früheren Erhebungen. In Umfragen aus dem vergangenen Jahr bewegte sich die Popularitätskurve der Kanzlerin in Griechenland noch im unteren 20-Prozent-Bereich.

Fotostrecke

7  Bilder
Griechenlandkrise: Tsipras hofft auf Merkel
Natürlich kommt Merkel nicht an Alexis Tsipras heran - der Ministerpräsident erreicht in verschiedenen Umfragen Zustimmungswerte von bis zu 74 Prozent. Doch die CDU-Chefin ist beliebter als mancher einheimische Politiker: So bleibt der Chef der konservativen Nea Dimokratia und frühere Ministerpräsident Antonis Samaras deutlich hinter Merkel zurück. Je nachdem, welche Umfrage aus den letzten Wochen man heranzieht, kann die Kanzlerin mit Stavros Theodorakis, dem Vorsitzenden der proeuropäischen To Potami, Kommunisten-Chef Dimitris Koutsoumbas oder dem Verteidigungsminister und rechtspopulistischen Scharfmacher Panos Kammenos mithalten.

Was ist da passiert? Zwar ist die Kanzlerin weiterhin vielen suspekt, vor allem ihre unterkühlte Art, Politik zu machen. Und doch scheint sich das Verhältnis entspannt zu haben - was an beiden Seiten liegt.

Merkel selbst hat ihr Krisenmanagement nachjustiert. Die deutsche Hardliner-Rolle überlässt sie mehr und mehr ihrem Finanzminister. Wenn Wolfgang Schäuble die Griechen auflaufen lässt, dann sagt Merkel: "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg." Die Botschaft an die Griechen ist: Ich will, dass ihr im Euro bleibt. Wenn ihr es auch wollt - und das gilt für den großen Teil der Bevölkerung -, dann finden wir eine Lösung.

Keine Frage, die Bedingungen für diese Lösung will Merkel sich nicht aus Athen diktieren lassen. Aber sie ist bereit, Tsipras entgegenzukommen, so weit es nur geht. Für diese Kompromissbereitschaft hat die Kanzlerin durchaus persönliche Gründe. Sie will nicht diejenige sein, die den Daumen über Griechenland senkt, das Land aus der Währungsunion drängt - und damit womöglich die europäische Einheit grundsätzlich infrage stellt. Ganz zu schweigen von den Milliardenkrediten, die Deutschland dann wohl abschreiben könnte.

Innenpolitisch steht Merkel unter Druck

Innenpolitisch ist die Operation Griechenland-Rettung eine heikle Angelegenheit. Der Ärger in der Union über die vergeblichen Bemühungen, Athen zu nachhaltigen Reformen zu zwingen, ist riesig. Die Bundestagsmehrheit für eine erneute Verlängerung des zweiten Hilfspakets wäre zwar weiterhin nicht in Gefahr. Doch jede zusätzliche Neinstimme aus den eigenen Reihen wäre auch eine Stimme gegen Merkel.

Die Kanzlerin muss auf die Kritiker Rücksicht nehmen. Sie darf öffentlich nicht zu nachgiebig erscheinen, sogar Debatten über einen möglichen Grexit lässt sie daher inzwischen zu. Für den Fall, dass dieser sich am Ende nicht vermeiden lässt, hat Merkel vorgebaut. Ihr früheres Credo "Scheitert der Euro, dann scheitert Europa" spart sie inzwischen aus. Stattdessen verkündete sie jüngst im Bundestag, Europa sei "robuster" geworden.

In Athen dürfen sie das durchaus als Mahnung verstehen, dass Merkel nicht zur Rettung um jeden Preis bereit ist. Aber darauf werden wohl auch nur noch die kühnsten Optimisten in der von Syriza geführten Links-rechts-Regierung setzen.

Ministerpräsident Tsipras jedenfalls hat früh erkannt, dass Merkel ihm helfen will. Er hat sie nicht als Zuchtmeisterin kennengelernt, sondern fühlt sich von ihr ernst genommen. Entsprechend hat der Mann, der Merkel im vergangenen Jahr noch vorwarf, für einen "sozialen Holocaust" in Griechenland verantwortlich zu sein, nur noch Lob für die Kanzlerin übrig. Die Sympathie beruht auf Gegenseitigkeit: Auch in Merkels Umfeld verliert man zumindest über den Menschen Tsipras kein schlechtes Wort - die beiden können gut miteinander.

Aber reicht das, um sich politisch zu einigen? Bei den Verhandlungen der Eurofinanzminister und der internationalen Geldgeber mit der Tsipras-Regierung ist noch immer kein Durchbruch in Sicht, stattdessen wächst in Brüssel der Frust (Verfolgen Sie hier die aktuellen Entwicklungen im Newsblog). Am Donnerstagnachmittag kommen dort wieder die Staats- und Regierungschefs zusammen. Am Ende, so die Hoffnung der griechischen Seite, muss es eben Merkel richten.

insgesamt 238 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dicimi 25.06.2015
1. Geld des Steuerzahlers
Frau Merkel ist so oder so in die Geachichte eingegangen. Als Kanzlerin die 80 mrd Steuergeld versenkt hat. Und als Kanzlerin Nachsicht gezeigt hat und noch mehr Geld verschenkt hat. Geld des Steuerzahlers...ich sollte nicht mehr arbeiten gehen...warum zahle ich eigentlich Steuern?
mam71 25.06.2015
2.
Ich habe sowieso nicht verstanden, warum die Griechen sich so auf Merkel eingeschossen haben. Die Länder, die nett zu Griechenland waren, haben allesamt selbst kein Geld. Und die, die Geld haben, fahren mehrheitlich einen noch viel härteren Kurs, vgl. Finnland, vgl. die östlichen Staaten, die selbst gerade eine harte Sanierung hinter sich haben. Wie auch inmer die Lösung aussieht, sie muss nämlich nicht nur den Griechen gefallen. Sondern in allen (!) Euroländern zustimmungsfähig sein und möglicherweise nachfolgend Volksentscheide bestehen können. Ohne Merkel wäre Griechenland schon längst erledigt.
aa_mode 25.06.2015
3.
Angela Merkel ignoriert die Stimmung in Deutschland. Sollte sie dafür sorgen, dass die Griechen den Euro behalten, hat Sie damit ihre Abwahl vorbereitet. Sowie die ihrer Lämmchen.
spontanistin 25.06.2015
4. Umfragen?
Wer glaubt denn noch Umfragen? Etwa die Wahlforscher?
dukatenjunge 25.06.2015
5. Wie hoch wird wohl der Respekt sein, wenn
Merkel nicht zahlt? Es geht doch gar nicht um Respekt, sondern nur um die Freigabe der Gelder. Die Scheckbuchpolitik a la Kohl sollte längst ein Ende haben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.