Linker Syriza-Politiker zu Reformplänen "Deutschland ist der Problemstaat"

Die Rückkehr zur Drachme ist für ihn eine klare Option: Kostas Lapavitsas, einer der Wortführer des linken Syriza-Flügels, kritisiert die eigene Regierung scharf - und den wirtschaftspolitischen Kurs Deutschlands.

Syriza-Abgeordneter Lapavitsas: "Von Europas Hilfe abhängig"
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Syriza-Abgeordneter Lapavitsas: "Von Europas Hilfe abhängig"

Ein Interview von , Athen


Kurz vor den entscheidenden Verhandlungen in der Euro-Gruppe gibt es Aufregung um ein Scheitern des Reformplans der griechischen Regierung. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ist der Internationale Währungsfonds (IWF) unzufrieden mit den Vorschlägen von Alexis Tsipras.

Widerstand gegen die Pläne des Premiers kommt aber auch aus seiner eigenen Syriza-Partei. Kostas Lapavitsas vom linken Flügel wirft der Regierung in Athen Blauäugigkeit und Fehler bei den Verhandlungen mit der EU und dem IWF vor. "Vom ersten Tag an hätte es ein besseres Verständnis geben müssen, mit wem wir verhandeln", sagte er zu SPIEGEL ONLINE.

Die neue griechische Regierung hätte nicht gewusst, mit wem sie es zu tun habe, kritisiert der Ökonom. Es sei falsch gewesen, anzunehmen, die Geldgeber würden nachgeben, nur weil eine neue Regierung ein frisches Mandat vom Wähler erhalten habe.

"Ich habe vor diesem Ergebnis gewarnt. Nicht einmal, sondern 150 Mal." Er selbst habe sich für die Umsetzung der Pläne seiner Partei eingesetzt, er habe sich jedoch keine Illusionen gemacht. Die Mitgliedschaft Athens in der Eurozone sei "der größte Fehler in der Geschichte Griechenlands" gewesen.

Deutschland sorge für "instabile Bedingungen in der Eurozone"

Lapavitsas gilt als Gegenspieler von Finanzminister Gianis Varoufakis, der eher zum pragmatischen Flügel von Syriza zählt. Er ist Parlamentsabgeordneter, lehrt an der Fakultät für Orient- und Afrikastudien der Londoner Universität über die Theorie von Kapitalmärkten sowie das Verhältnis zwischen Finanzsystemen und Entwicklung.

Die Hauptschuld für die schwierige Lage in der Eurozone schiebt Lapavitsas der Bundesregierung zu. "Deutschland ist der Problemstaat", sagt der Syriza-Mann. Er möge zwar das Land und auch Berlin. Aber: "Deutschland hat die Löhne eingefroren." Die Deutschen hätten deshalb in den vergangenen Jahren eine "schwere Last" tragen und "den letzten Pfennig zählen" müssen - "ob sie es wahrhaben wollen oder nicht". Und weil die Deutschen nicht mehr genug Geld ausgeben würden, werde zu wenig importiert, was zu Lasten exportierender Länder gehe. Griechenland leide darunter besonders, weil es so schwach sei. Die deutsche Strategie sorge für "instabile Bedingungen in der Eurozone", kritisiert Lapavitsas.

"Keine Herde von Schafen"

Der Grexit sei zwar kein Allheilmittel, aber eine Rückkehr zur Drachme könne ein erster Schritt für einen Kurswechsel der griechischen Wirtschaft sein. Zumindest kurz- und mittelfristig werde das Land von einem Währungswechsel profitieren. Es sei klar, dass Athen den "größten Teil der Last" übernehmen müsse, aber man sei auch "von Europas Hilfe abhängig".

Wie unsicher eine Mehrheit für die Vorschläge im Parlament in Athen ist, verdeutlichen auch Aussagen von Lapavitsas: Er glaube nicht, dass die Gläubiger den Vorschlag von Tsipras akzeptierten. Aber wenn die Pläne innerhalb der Eurozone nicht umgesetzt werden könnten, seien ein Referendum oder Neuwahlen der Ausweg. Die Syriza-Abgeordneten zumindest seien "keine Herde von Schafen".

Das größte Problem des Reformpakets seien die geplanten Steuererhöhungen, wodurch die Nachfrage im Land möglicherweise schrumpfe. Die Wirtschaft Griechenlands drohe dadurch wieder in die Rezession zu geraten, warnte Lapavitsas.

Auch andere Abgeordnete des linken Flügels von Syriza erklärten bereits, dass sie dem neuen Sparprogramm nicht zustimmen wollen. Teile der Opposition könnten hingegen für die Maßnahmen stimmen. Möglicherweise findet das Votum an diesem Wochenende statt.



insgesamt 361 Beiträge
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Jochenberlin 24.06.2015
1. Völlig daneben, Herr Lapavitsas!
Ach nee, da leben die Griechen jahrelang über ihre Verhältnisse - und nun sind die Deutschen schuld - selten so einen Blödsinn gehört. Von wegen Löhne eingefroren, der Mindestlohn kam doch erst vor ein paar Monaten! Ich verstehe nicht, warum der SPIEGEL so einer Meinung eine Plattform bietet. Eine Randnotiz hätte es wohl auch getan.
Berliner42 24.06.2015
2.
Griechenland ist also strukturschwach, über-bürokratisiert und in Teilen korrupt, weil die Deutschen zu wenig verdienen und deshalb nicht genug konsumieren? Und so einer lehrt an einer Wirtschaftsfakultät? Der Rest der Analyse ist ja nicht falsch, aber dies Schuldzuschieberei wird am Ende als typisch griechische Eigenschaft im Gedächtnis bleiben.
tmhamacher1 24.06.2015
3. Der Mann hat Recht ,....
... was seine Einschätzung des Beitritts Griechenland zum Euro betrifft. Und wer ist es Schuld? Schröder und seine 5. Kolonne. Alles, was diese Regierung durchgeführt hat, hat viel Leid unter den Menschen verursacht, von Hartz IV über den ganzen Ökostrom bis zur Durchführung der Euroeinführung. Aber im Vergleich zur nächsten linken Regierung in Deutschland war diese Regierung noch halbwegs professionell, und die linke Regierung in Griechenland zeigt schon, wozu diese Fundamentalisten in der Lage sind - sie werden Griechenland auf Jahrzehnte hin ruinieren. Es ist schon einigermaßen absurd zu glauben, dass die Drachme eine vernünftige Währung würde. Diese linken meinen immer noch, dass sie beliebig Geld drucken könnten, um diese Spielzeugwährung etwas wert wäre. Die Griechen zeigen doch, welches Geld sie wollen - denn sie heben Riesenbeträge an Euros von ihren Konten ab. Damit die Drachme funktionieren würde, müssten die Reformen umgesetzt werden, die von den Griechen verlangt werden, und dann bräuchten Sie den Euro gar nicht erst zu verlassen!
oldhenry49 24.06.2015
4. Und immer wieder
wird ein Land,dem es seit 70 Jahren gelingt,ein funktionierendes Staatswesen und eine florierende Wirtschaft zu unterhalten,von den Griechen an den Pranger gestellt,um vom eigenen Versagen abzulenken. Liebe Griechen,auch ihr habt einen Kopf auf der Schulter und 2 Hände,stellt doch einmal selbst etwas auf die Füße,dann müsst ihr auch nicht mehr über das " böse " Deutschland jammern. Bisher habt ihr es nur geschafft,als Drittgrößtes Unternehmen eures Landes,nach 2 Banken,eine Cola Abfüllstation zu betreiben.Und die ist ja auch nicht auf dem eigenen Mist gewachsen. Und was uns Deutsche angeht,Mitleid bekommt man geschenkt,Neid muss man sich erarbeiten !
TomRohwer 24.06.2015
5.
---Zitat--- Die Mitgliedschaft Athens in der Eurozone sei "der größte Fehler in der Geschichte Griechenlands" gewesen. ---Zitatende--- ... Die Mitgliedschaft Athens in der Eurozone war der größte Fehler in der Geschichte der EU und des Euro - aber sonst hat der Mann völlig recht. Bitte austreten, und zurück zur Drachme. Der Rest Europas schreibt die 240 Milliarden Euro ab - die sind eh längst verloren. Und hat dafür das Vergnügen, erstens dem schlechten Geld nicht immer noch weiter gutes Geld hinterherwerfen zu müssen, und zweitens gucken wir uns dann den Zusammenbruch Griechenlands von der Tribüne aus an. Es besteht zwar wenig Hoffnung, aber vielleicht schafft Tsipras es ja sogar noch, Putin zum neuen Geldesel Athens zu machen. Das hätte dann noch einen dritten Vorteil: Putins Aggressoren-Russland wäre spätestens in drei Jahren ebenfalls bankrott.
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