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Griechische Armee: Milliarden für Panzer, Männer, Material

Foto: Yorgos Karahalis/ AP/dpa

Griechenlands Militär Das Grollen der Generäle

Griechenland gönnt sich einen gewaltigen Militäretat - und Premier Tsipras muss dringend sparen. Entsprechend wütend sind die Generäle, sie fürchten Massenentlassungen. Die Lage weckt dunkle Erinnerungen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In der griechischen Armee rumort es. Zwar dementiert Premier Alexis Tsipras inzwischen jegliche Sparpläne für das Militär. Doch in seinem Last-Minute-Angebot an die europäischen Geldgeber finden sich genau solche Pläne. Und diese könnten wohl nur mit erheblichem Personalabbau bei den Streitkräften umgesetzt werden.

Auch auf höchster politischer Ebene sorgen die Sparideen für heftigste Verstimmungen. Genau genommen hätten sie am Mittwochabend beinahe die amtierende Regierungskoalition gesprengt. Denn auch Panos Kammenos, aktuell mit der Partei Anel Koalitionspartner von Tsipras - und vor allem Verteidigungsminister - hat von den Plänen Wind bekommen. Und er ist alles andere als begeistert. Laut dem geleakten Vorschlag verspricht Tsipras Einsparungen von 200 Millionen Euro im Jahr 2016. Und sogar das doppelte im folgenden Jahr.

Als diese Pläne am Abend im Verteidigungsministerium die Runde machten, war die Reaktion deutlich. "Es gab eine Anweisung an das Personal, sensible Daten zu vernichten und dann die Sachen zu packen", erfuhr SPIEGEL ONLINE aus Ministeriumskreisen. Der Sprecher von Minister Kammenos wollte dies nicht kommentieren.

Erst als die Kreditgeber auch dieses Angebot ausgeschlagen hatten, machte sich Tsipras auf, die Wogen zu glätten. Zunächst ließ er über sein Büro verbreiten, dass es "niemals Bestrebungen der Regierung gegeben habe, den Verteidigungsetat zu beschneiden". Dann suchte der Premier seinen Minister persönlich auf. Das Gespräch mit Kammenos soll über eine Stunde gedauert haben.

Eigentlich würden Einschränkungen bei den Streitkräften durchaus Sinn ergeben, gönnt sich Griechenland doch einen enormen Militärhaushalt. 2013 lag der Etat nach Sipri-Angaben bei über vier Milliarden Euro, ein Top-Wert in Europa, bezogen auf die Einwohnerzahl des Staates.

Doch neue, kostspielige Anschaffungen sind derzeit nicht mehr vorgesehen. Wo also könnte gespart werden? Beim Personal natürlich. Gerüchte verlauten Entlassungen von bis zu einem Fünftel des Personals. "Eine große Zahl von Militärs zu entlassen, wäre sehr riskant. Da würde schon ein Funke zur Eskalation reichen", sagte ein Offizier SPIEGEL ONLINE.

Die bange Frage nach dem Putsch

Besteht also das Risiko eines Miliärputsches, sollte sich die Lage noch verschlimmern? Schon einmal, am 21. April 1967, hatten in bewegten politischen Zeiten die Generäle die Macht in Griechenland übernommen. Ihre Militärdiktatur hielt bis ins Jahr 1974.

Ein General a.D., der 1967 noch einen der unteren Ränge besetzte, glaubt nicht an eine Wiederholung. "Die Armee hat ihre Lektion gelernt. Nichts kann sie zurück auf die Straßen treiben." Der Coup habe damals dafür gesorgt, dass Zypern zu Teilen von der Türkei besetzt wurde. "Heute sind die Streitkräfte komplett demokratisch und pflichtbewusst."

Eine weitere Militärquelle bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass die Armee weder willens noch in der Lage wäre, die Macht im Land zu übernehmen. 2015 ist nicht mit 1967 zu vergleichen, so die einhellige Meinung. Und ein Coup innerhalb der EU ohnehin völlig undenkbar.

Neben der Demokratisierung der Streitkräfte attestieren die Befragten einen weiteren, entscheidenden Unterschied zu 1967: "Damals war die komplette Offiziers-Riege stramm dem rechten Flügel zugeordnet. Ohne eine solche Gesinnung konnte man praktisch keinen hohen Posten bekommen." Heute sei das komplett anders. Parolen von einer Machtübernahme des Militärs gäbe es schlimmstenfalls einmal am Stammtisch zu hören.

Blick auf den türkischen Nachbarn

Das sieht auch Thanos Dokos vom Thinktank Eliamep so. Sein Institut analysiert die politischen Entwicklungen in Griechenland - und hat auch bei der Armee eine entscheidende Entwicklung festgestellt. "Seit dem Beginn der Achtzigerjahre hat sich ein kompletter Wandel vollzogen. Wo vorher Militärs in die Politik gewandert sind, hat die Politik heute engen Einfluss auf die Streitkräfte." Ein eigenmächtiges Einschreiten hält Dokos für ausgeschlossen.

Lediglich zwei Szenarien wollen die Beobachter für ein Eingreifen des Militärs gelten lassen. Entweder, wenn die Regierung den Auftrag erteilte, auf den Straßen wieder für Ordnung zu sorgen. Oder, wenn der türkische Nachbar das Chaos in Griechenland für einen Machtkampf im Grenzgebiet nutzen würde. Dafür gibt es bisher keinerlei Anzeichen.

Doch selbst in diesen Extremfällen, so der pensionierte General, "würde sich die Armee streng im Rahmen ihrer Pflichten und Vorgaben bewegen".


Zusammengefasst: Griechenlands Streitkräfte sind teuer. Nun hat Premier Tsipras mögliche Sparmaßnahmen durchsickern lassen. Die Empörung in der Armee ist groß, eine Entlassungsquote von bis zu 20 Prozent wird befürchtet. Doch trotz des Protestes: Die Gefahr für einen Putsch - wie zuletzt 1967 - scheint extrem gering.

Übersetzung: Johannes Korge