Gefälschte Dokumente für Flüchtlinge Atteste, Diagnosen, Überweisungen

Ein kriminelles Netzwerk hat Flüchtlinge auf der griechischen Insel Samos offenbar mit gefälschten Papieren ausgestattet. Chef des Rings soll ein Arzt sein. Nun griff die Polizei zu.

Flüchtlingsbehausungen auf Samos
Louisa Gouliamaki/AFP

Flüchtlingsbehausungen auf Samos

Von , Athen


Die griechische Polizei ist nach eigenen Angaben erfolgreich gegen einen Ring krimineller Flüchtlingshelfer auf Samos vorgegangen. Das Netzwerk habe Asylsuchenden gefälschte medizinische Unterlagen besorgt, damit sie die Insel in der Ägäis verlassen könnten, teilten die Beamten mit. Samos ist einer der sogenannten Hotspots für Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa. Die Insel ist extrem überfüllt.

Zu dem Netzwerk gehörten laut Polizei Ärzte, Krankenpfleger und mindestens ein Dolmetscher. Der Ring sei seit März aktiv gewesen. Für gefälschte Gesundheitszeugnisse, Diagnosen und ärztliche Überweisungen zahlten Migranten demnach 300 bis 500 Euro.

Die gefälschten Papiere bestätigten scheinbar, dass die Flüchtlinge von Spezialisten behandelt werden müssten - oder mit medizinischer Ausstattung, die es im örtlichen Krankenhaus nicht gibt. Mit den Dokumenten war es den Migranten dann möglich, eine Regelung zu umgehen, nach der sie auf der Insel bleiben müssen. Für die griechischen Behörden war es zudem nun schwieriger, die betroffenen Migranten zurück in die Türkei zu schicken.

Für die Tausenden Asylsuchenden, die auf den griechischen Inseln in der Ägäis ausharren, kommt ein ärztliches Attest einer Befreiung gleich. Seit März 2016, als das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei in Kraft trat, müssen alle Migranten, die die Ägäis überqueren und eine der sechs Hotspot-Inseln erreichen, dort bleiben. Normalerweise bedeutet das, dass die Flüchtlinge in überfüllten Lagern unter grauenvollen Bedingungen leben müssen, bis ihr Asylgesuch entschieden ist. Dieser Prozess kann allerdings Jahre dauern (lesen Sie in unserer Reportage, wie verzweifelt die Lage auf Samos ist).

Viel zu wenig Platz

Aktuell befinden sich mehr als 3600 Asylsuchende auf Samos. Das sind fast sechsmal so viele, wie das dortige Lager eigentlich aufnehmen kann. Es gibt nur zwei Wege, ohne abgeschlossenes Asylverfahren die Insel zu verlassen:

  • mit einer Erlaubnis, ein Krankenhaus auf dem Festland zu besuchen
  • durch eine Einstufung, dass man sich in Gefahr befinde

Dadurch ergeben sich nur sehr wenige Gruppen von Menschen, die es tatsächlich aufs Festland schaffen:

  • Menschen mit schweren gesundheitlichen Problemen
  • Minderjährige
  • schwangere Frauen

Diejenigen, denen es tatsächlich gelingt, die Insel zu verlassen, verschwinden dann häufig oder machen sich auf den Weg in Richtung Nordeuropa.

Genau diese Sehnsucht hat der kriminelle Ring offenbar ausgenutzt. Seit März wurden mindestens 30 gefälschte Dokumente ausgestellt. Außerdem versorgte offenbar ein Mitglied des Netzwerks Migranten regelmäßig mit Suchtmitteln.

Verdeckte Ermittlungen

Dass der Ring zerschlagen wurde, liegt vor allem an Anastasia Theodoridou: Die Chefin des Sozialdienstes im Krankenhaus auf Samos hatte verdächtige Aktivitäten in der Klinik bemerkt. Während einer Pause beobachtete Theodoridou, so erzählte sie es dem SPIEGEL, wie afrikanische Migranten auf dem Gelände des Krankenhauses mit einem Dolmetscher sprachen, der einen Umschlag hielt. In diesem Umschlag befanden sich gefälschte Diagnosen. Theodoridou stellte den Dolmetscher zur Rede und forderte ihn auf, ihr den Umschlag zu geben. Dann informierte sie den Klinikchef und legte der Staatsanwaltschaft sowie der Polizei auf Samos die Beweise vor.

Nach SPIEGEL-Information begann anschließend ein Einsatz mit verdeckten Ermittlern. Die Beamten aus der Abteilung für innere Angelegenheiten reisten aus der nördlichen Großstadt Thessaloniki an. Sie beobachteten Verdächtige und überwachten ihre Telefone. Am Montag und Dienstag führte die Polizei eine Razzia durch, beschlagnahmte Krankenakten, 5500 Euro in bar, Telefone, Laptops, Listen mit Namen von Migranten, ärztliche Überweisungen und Diebesgut aus dem örtlichen Krankenhaus. Zehn Personen wurden festgenommen.

"Die Ärzte sind jung und neu in dem Beruf. Ich war entgeistert, als ich meine Mitarbeiter in Handschellen sah", sagte der Leiter der Klinik auf Samos dem griechischen Fernsehen.

Vier der Verdächtigen sind vorübergehend wieder freigelassen worden, weil ihnen nur geringfügige Vergehen vorgeworfen werden. Zwei Ärzte befinden sich allerdings weiterhin in Polizeigewahrsam. Dazu gehört auch der mutmaßliche Anführer des Netzwerks, der seine Beteiligung nach SPIEGEL-Informationen gestanden hat. Nun wird eine strafrechtliche Untersuchung der Staatsanwaltschaft folgen.

Den mutmaßlichen Mitgliedern des Netzwerks werden unter anderem Bildung einer kriminellen Vereinigung, Betrug, Bestechung, Pflichtverletzung oder Verstöße gegen Gesetze zu kontrollierten Substanzen vorgeworfen.

Zweiter Fall auf Kos

Einen ähnlichen Fall gab es darüber hinaus in dieser Woche auf Kos. Auf der Insel nahmen griechische Sicherheitskräfte sechs Personen fest, darunter auch einen Polizisten. Die Verdächtigen sollen Migranten dabei geholfen haben, illegal in andere europäische Länder zu fliegen. Dafür habe das Netzwerk gefälschte Reiseunterlagen für 4500 bis 6000 Euro ausgestellt.

Griechenlands neue konservative Regierung hat versprochen, die Zahl der Migranten auf den überfüllten Inseln zu verringern, die Asylprozesse zu beschleunigen und die Anzahl der Rückführungen in die Türkei zu erhöhen. Diese befindet sich derzeit auf einem Tiefpunkt: Seit Jahresbeginn haben mehr als 15.000 Asylsuchende Griechenland über das Meer erreicht. Aber nur 40 Migranten sind im Jahr 2019 nach dem Deal zwischen Brüssel und Ankara in die Türkei zurückgeschickt worden.

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