Pressestimmen aus Griechenland "Selbst in den Fuß geschossen"

Premier Tsipras will ein Referendum über das Sparpaket der Gläubiger abhalten, die Euro-Gruppe hat die Verhandlungen abgebrochen. Wie reagiert die griechische Presse auf die Eskalation?
Kiosk in Athen: "Tsipras überträgt die Verantwortung dem griechischen Volk"

Kiosk in Athen: "Tsipras überträgt die Verantwortung dem griechischen Volk"

Foto: Thanassis Stavrakis/ AP/dpa

Die konservative Tageszeitung "Kathimerini" überschreibt ihr Editorial mit "Wir werden ein Teil Europas bleiben". Im Leitartikel heißt es: "Der Premierminister versucht, die Stimmung der griechischen Bürger (gegen einen Sparkurs - d. Red.) auszunutzen. Mit seiner großen Rede über unsere Würde drängt er uns zu einer Entscheidung, die uns sehr wahrscheinlich aus Europa herausführen wird. Die Griechen aber sind mündig und werden sich keine Angst machen lassen. Sie werden sich dafür entscheiden, dass Griechenland den Euro behält."

Die gemäßigte Wochenzeitung "To Vima" schreibt: "Herr Tsipras weigert sich, eine Vereinbarung zu unterschreiben, und überträgt die Verantwortung dem griechischen Volk." Die Zeitung veröffentlicht eine Umfrage des Instituts Kapa Research, die durchgeführt wurde, bevor Tsipras ein Referendum ankündigte. Demnach sprechen sich 47,2 Prozent der Griechen für eine Einigung mit den Gläubigern aus, 33 Prozent sind dagegen. 18,4 Prozent sind unentschlossen.

Die Tageszeitung "Avgi", Sprachrohr der Regierungspartei Syriza, stellt ein riesiges "Nein" auf ihre Titelseite. Darunter schreibt sie: "Nein zu Erpressungen und Ultimaten, Nein dazu, dass die Gesellschaft in den Bankrott getrieben wird, Nein zu Rettungspaketen und Sparplänen. (…) Dies ist eine demokratische Wahl für Griechenland und Europa. Für die Souveränität, die Würde und den Wohlstand des Volkes. Für ein Griechenland, das ein Gleiches unter Gleichen ist in einem geeinten Europa."

Die linke Zeitung "Efimerida ton Syntakton" zeigt auf der Titelseite eine Karikatur mit einem Mann, der ein Banner hochhält, auf dem "Würde" steht. Das Motiv hat ein in Griechenland berühmtes Vorbild: In dieser Pose wurde einst Grigoris Lambrakis fotografiert. Der Pazifist wurde 1963 von Rechtsextremisten ermordet. Er steht bis heute für Frieden, Freiheit und Anti-Autoritarismus.

Karikatur von "Efimerida ton Syntakton": "Würde"

Karikatur von "Efimerida ton Syntakton": "Würde"

Foto: efsyn.gr

Die Nachrichtenseite Protagon.gr veröffentlichte einen Artikel von Nikos Dimou, einem der bekanntesten Autoren in Griechenland: "Nach dem Referendum werden wir uns in einem anderen Land wiederfinden. Egal wie es ausgeht. Wenn Syriza gewinnt, wird es ein armes, randständiges Land sein, das zur Dritten - wenn nicht Vierten - Welt gehört. (…) Wenn Syriza verliert, können sie nicht an der Macht bleiben. Eine nationale Einheitsregierung, die das Land rettet, ist nicht vorstellbar - also Neuwahlen. Wer wird für sie bezahlen? Wer wird in der Zwischenzeit die Löhne und Renten auszahlen? Werden Banken weiterexistieren können? (…) Alexis Tsipras hat sich selbst in den Fuß geschossen. (…) Was für eine Erleuchtung dieses Referendum ist! Lose-Lose. Egal wer gewinnt, wir werden alle Verlierer sein."

Zusammengestellt von Giorgos Christides, Athen

Im Video: Referendum trotz Kritik